Mit Pferden heilen

Traumatisierte Bundeswehrsoldaten finden Hilfe auf Gestüten in Torgau und Berlin
Pferd
Fotos: Roger Töpelmann

Das Ende des Afghanistan-Einsatzes und der schnelle Sieg der Taliban haben bei vielen Bundeswehrangehörigen zu Belastungen und Retraumatisierungen geführt. Rund zweitausend Solda­tinnen und Soldaten leiden derzeit an posttraumatischen Belastungs­störungen, jährlich kommen neue Fälle hinzu. Seit April behandelt das Bundeswehr­krankenhaus Berlin einige von ihnen mit einer pferdegestützten Intervention. Roger Töpelmann, Journalist und früherer Pressesprecher des Evangelischen Militärbischofs, hat sich die Arbeit vor Ort angeschaut, die auch große Unterstützung der kirchlichen Soldatenseelsorgen findet.

Auf dem Sandplatz ist ein Parcours aufgebaut. Fünf „Hindernisse“ aus Plastikstangen, die der Mann überwinden will, indem er das Pferd an der Trense führt. „Es ist der Weg, den wir gemeinsam beschreiten“, sagt der derzeit krankgeschriebene Kommandosoldat. Er setzt beim Abschreiten der Hindernisstangen geduldig mehrfach an, bis das Pferd Tally ihm folgt. Ein niedriges Hindernis ist schnell überschritten. Das klappt. Doch beim Durchgang senkrecht aufgestellter Stangen ist es nicht so einfach. Die Stute weigert sich. Als Beobachter merkt man aber auch, hier geht einer mit Fordern und Führung zu Werk. Das aktive Agieren hat der Mann nicht verlernt.

Es ist ein ehemaliger Soldat des Kommando Spezialkräfte Calw, der sich an diesem Tag in Torgau den Herausforderungen der Behandlung stellt. Über neun Jahre war er in internationalen Einsätzen dabei, besonders in Afghanistan. Die Einsatzkompanien seien von Anfang bis Ende taktisch eingesetzt worden. „Für uns waren es die guten Jahre“, zeigt er sich vom Einsatz in Masar-i-Sharif und Kunduz überzeugt. Doch die ersten Anzeichen einer Einsatzschädigung hätten sich schon nach den ersten Kampfhandlungen gezeigt. Symptome wie „Flashbacks“, Albträume und ein extremes Sicherheitsbedürfnis kamen dann erst im vergangenen Jahr. „Ich habe gemerkt, da stimmt etwas nicht, hielt es aber für ganz normal und dass es so sein muss“, sagt der Unteroffizier. Andererseits sei ihm nicht der Gedanke gekommen, es könne eine posttraumatische Belastungsstörung sein. „PTBS – so etwas gibt es nicht, es ist ein Zeichen von Schwäche, dachte ich.“ Eine Annahme, die viele Elitesoldaten mit ihren Kameraden und deren extremer Einsatztauglichkeit teilen. „Man hatte früher keine Zeit, darüber nachzudenken.“ Doch Freunde, auch seine Frau, hätten ihm gesagt: Die Einsätze haben dich verändert. Der Alltag sei zunehmend zur Belastung geworden: Es reichten bestimmte Gerüche, die ihn an Afghanistan erinnerten, wo er auch mehrfach im Feuerkampf stand. Wenn er im Auto in einen Stau gerate oder beim Einkaufen unter viele Menschen, könne er das kaum aushalten. Ohne Schlafmittel könne er nicht schlafen, seine Nacht habe oft nur drei bis vier Stunden. „Mein Leben ist ein absolutes Chaos.“

Hauptfeldwebel Jens Hölzle, Lotse für Einsatzgeschädigte, dokumentiert die Vorgänge sehr genau. Das Durchführungsteam stellt sich dem Gespräch mit dem General direkt auf dem Platz. Alle wissen, es ist ein wissenschaftliches Experiment, dessen Ausgang nicht vorherzusehen ist. Die subjektive Empfindung des Soldaten lässt aber bereits Hoffnung keimen: „Es tut mir unwahrscheinlich gut – auch das Team ist prima.“

Zielstrebiger Geist

Oberregierungsrat Kai Köhler, Oberstleutnant der Reserve, macht den Eindruck, als habe er einen fast unbesiegbar zielstrebigen Geist: Er war zwölf Jahre lang Zeitsoldat mit Einzelkämpfer- und Fallschirmspringerausbildung, hat aus den nicht ungefährlichen Auslandseinsätzen in KFOR-Prizren 2009 und ISAF Kabul 2012 militärische Feld- und Kampferfahrung. Hartnäckigkeit, aber auch „compassion“(Mitgefühl) zeichnen den Projektoffizier aus, der an seine militärische Verwendung ein Studium der Psychologie anhängte.

Pferde seien in jedem Fall für eine Psychotraumatherapie sehr geeignet, berichtet Köhler, weil sie sensible Sensoren besitzen. „Ein Pferd flüchtet vor Menschen, die angespannt sind, es folgt nur, wenn es dir vertraut“, erklärt der angehende Psychotherapeut. Deshalb gibt es beispielsweise die Aufgabe „Bewegt die Pferde“: Hierbei sollen die Teilnehmer/innen ohne Zaumzeug oder Hilfsmittel – allein durch Überzeugung – „ihre“ Pferde bewegen.

Bisher haben sich 32 aktive und ehemalige Angehörige der Bundeswehr, darunter auch vier Frauen, freiwillig zur Studienteilnahme bereit erklärt. Am Ende sollen es zweihundert werden. Jeder und jede bekommt sein oder ihr Pferd.

Dazu wurden die Probandinnen und Probanden in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe wird nach dem in den USA erfolgreichen EAGALA-Prinzip in Torgau therapiert. Eine zweite Gruppe mit den Möglichkeiten des Therapeutischen Reitens in Berlin. Die dritte Gruppe ist eine Kontrollgruppe mit einem Standardverlauf der Therapie. In jedem Fall: Pferde sind Sympathieträger auf vier Hufen.

Im Reittherapiezentrum Karlshorst haben sich zwei einsatzgeschädigte Probanden, aktive Soldaten, eingefunden. Erste Erfahrungen mit den Pferden haben sie schon gemacht: Der Stabsgefreite A. diente 2001 im KFOR-Einsatz in Pristina im Süden des Kosovo. Seine Wehrdienstbeschädigung wurde anerkannt, nachdem er lange nach dem sechsmonatigen Einsatz 2015 an PTBS erkrankte. Damals in einer Panzergrenadiereinheit wurde er in zahlreichen „Psychological Operations“ eingesetzt, die gemeinsam mit den Amerikanern und anderen NATO-Partnern in Mazedonien ausgeführt wurden. „Wir hatten eine Karte, auf der die Orte eingezeichnet waren, an denen die Sicherungs- und Informationseinsätze stattfanden. Die Karte war nachher voll“, sagt er zur Anzahl der Einsätze. Es ging um Informationen für die Bevölkerung mit eigenen Zeitungen und Material. Aber zugleich um Informationsgewinnung für die eigenen Streitkräfte. Zwischenfälle gab es viele: Minenunfälle, Evakuierungen Verwundeter, Hubschrauber-Angriffe, Scharfschützen, die grundlos auf Menschen zielten. Auch für die Amerikaner, die für einen eher robusten Auftritt ihrer Soldaten bekannt sind, war am 11. September 2001 – nach den Anschlägen in New York und Washington – die Ruhe dahin. „Man hat die Panik gespürt“, sagt A. Zu Anfang merkte er nichts von seiner Erkrankung. Doch seine Frau und die Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren nahmen es zuerst wahr: Er veränderte sich: „Ich habe viele Ansichten nicht mehr verstanden, die Erinnerungen, vor allem die Bilder kamen immer wieder“, erklärt er den schleichenden Beginn. Suizidgedanken drängten sich auf.

Jetzt führt A. die Stute Santa Carina aus der Pferdebox am Halfter auf den eingezäunten Parcours. „Auf geht’s!“, befiehlt er, wenn das Pferd auf den geführten Runden stehenbleiben will. Oft streicht seine Hand den Hals des Pferdes. Trainerin Juliane Küchler zeigt, wie das Tier am besten geführt gehört: „Klare Kommunikation“, sagt die Fachkraft für heilpädagogische Förderung mit dem Pferd. Das kann der Führende lernen: besser mit einem Gegenüber zu interagieren. Die Übung zeigt, Nähe und Distanz zu den Tieren spiegelt eigenes Verhalten. A. hat Nähe zum Pferd hergestellt: „Was ich merke, das ist fast blindes Vertrauen.“ Und das ist wohl gegenseitig der Fall.

Auch Hauptfeldwebel C. kam über das Bundeswehrkrankenhaus Berlin wegen einer indizierten PTBS und mittelgradiger Depression in die Studie „Pferdegestützte Intervention“, die insgesamt sechs Wochen andauern wird. Als Soldat hat er einen Afghanistaneinsatz in der Sanitätsstaffel Kabul im Jahr 2019 hinter sich. Er war Notfallsanitäter in der Klinik. Schreiende Verwundete hatten er und seine Kameraden zu versorgen. Nahe Bombenanschläge in Kabul ließen ihn tief erschrecken. Der Soldat hat sich fürs Reiten in der Halle entschieden: Hippotherapie. In Begleitung der Trainerin dreht er auf „Emma“ seine Runden. „Man braucht Körperspannung, wenn man im Sattel sitzt.“ Da Juliane das Tier führt, bleiben für den Klienten die Hände frei. Er kann lernen, sich dem Schritt des Pferdes anzupassen.

Tatsächlich werden neunzig Prozent aller Soldaten in gefährlichen Auslandseinsätzen mit dem Erleben von Leid oder gar mit Gefechten konfrontiert. Wie der Leiter des Psychotraumazentrums am Bundeswehrkrankenhaus in Berlin, Oberstarzt Peter Zimmermann, erläutert, kann sich aus solchen Erlebnissen eine PTBS-Erkrankung entwickeln. Zuerst zeigt sie sich oft in Schlafstörungen, Angstträumen oder Schreckhaftigkeit, Antriebslosigkeit und Depressionen. Es können auch Schuld- und Schamgefühle sein oder Fragen ans eigene Verhalten: Darf man so etwas?

Habe ich als Soldat richtig gehandelt? Eine Behandlung der PTBS kann ambulant oder stationär erfolgen. Jährlich werden etwa 1 700 Behandlungsfälle gezählt. Obwohl die Bundeswehr nicht mehr in Kampfeinsätzen steht, kommen etwa zweihundert Fälle per annum hinzu. Das liegt an der oft langen Inkubationszeit und daran, dass Soldaten und Soldatinnen die Krankheit nicht erkennen. Um genügend Daten sammeln zu können, wird vier Jahre lang jedes Quartal ein Therapiedurchgang beginnen. Die bis 2024 angelegte Studie soll die Grundlage für die Entscheidung sein, ob die pferdegestützten Therapien fest in das Behandlungskonzept des Bundesministeriums der Verteidigung für Einsatzfolgestörungen integriert werden können.

Tierschützer könnten bei der intensiven Inanspruchnahme der Pferde deren Wohl bedroht sehen. Aber auch hier hat Köhler ein Auge drauf: Videoaufnahmen und Kreislaufmessungen, die über eine App aufs Handy gesendet werden, sollen Belastungen aufzeigen.

Das Projekt ist bislang über vier Jahre hinweg mit Kosten im höheren sechsstelligen Bereich veranschlagt. Das Team ist mit Köhler und der Regierungsamtsrätin Sonja Heinrich sehr klein. Wie sieht es mit dem Erfolg aus? Köhler spricht nicht aus militärisch-wissenschaftlichen Kommandohöhen: Es konnte gezeigt werden, dass  Traumatherapien die Symptome nach Extrembelastungen sehr wirksam verändern können. In vielen Fällen hat es bei den Betroffenen dazu führt, dass für sie wieder ein normales Leben möglich wird. Im Bundesministerium der Verteidigung verantwortet Generalarzt Ralf Hoffmann die Ansprechstelle für Posttraumatische Belastungsstörungen und entwickelt den konkreten Handlungsbedarf für die Betroffenen. 3,5 Prozent der in Auslandseinsätzen entsandten Soldatinnen und Soldaten entwickeln früher oder sehr viel später eine PTBS. Bekannt sind insgesamt rund 2000 Fälle. Etwa 300 befinden sich in akuter Behandlung. Er beschreibt die traumatische Störung als eine „Amputation im Kopf“, die niemand so schnell wieder loswird.

Interdisziplinäre Seelsorge

Finanziell haben sich an diversen Projekten und Hilfsmaßnahmen die Kirchen und der Bundeswehrverband beteiligt. In der katholischen wie der evangelischen Militärseelsorge gibt es eigene Arbeitsbereiche, in denen Maßnahmen für einsatzgeschädigte Soldaten und Soldatinnen vermittelt werden. Es gehe vorrangig darum, interdisziplinär zu agieren, erklärt die Verwaltungswirtin und Oberrätin im Kirchendienst Petra Hammann im Katholischen Militärbischofsamt in Berlin. Die Referentin kann dann auch auf Psychosoziale Netzwerke an den Standorten zurückgreifen, einem Fachgremium aus Ärzten, Psychologen, Seelsorgern und dem Sozialdienst der Bundeswehr Vorschläge machen. Gerade in der Einsatznachbereitung ergebe sich immer wieder Handlungsbedarf. Religiöse oder transzendente Aspekte können ebenso eine Rolle spielen wie ganz praktische Hilfen für die Betroffenen und deren Familien. „Jeder Seelsorger kennt doch Belastete“, weiß die Theologin aus ihrer Tätigkeit zu berichten. Ein großes Plus für die Seelsorger und Seelsorgerinnen seien ihre absolute Verschwiegenheitspflicht und das juristische Zeugnisverweigerungsrecht. „Das sollten wir nie aufgeben“, sagt sie mit Entschiedenheit. Einen großen Teil der Maßnahmen, die oft die Familien der PTBS-Betroffenen einschließen, haben die Evangelischen in ihrem Projekt ASEM (Arbeitsfeld Seelsorge für unter Einsatz- und Dienstfolgen leidende Menschen) übernommen, das von Militärdekan Christian Fischer gemanagt wird. Beide Seelsorgen statten das mit erheblichen personellen und finanziellen Mitteln aus. 

 

Informationen:

www.ptbs-hilfe.de

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Roger Töpelmann

Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer i.R. Er war bis 2020 u.a. Pressesprecher des Evangelischen Militärbischofs in Berlin.


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