Geht es weiter?

Neue Erkenntnisse in der Erforschung von „Nahtod-Erfahrungen“
Übergang ins Jenseits (Symbolbild)
Foto:dpa

Die sogenannten Nahtod-Erfahrungen stellen rein biologische Interpretationen vom Tod immer wieder neu in Frage. Aber sind es wirklich Einblicke ins Jenseits? Werner Thiede, außerordentlicher Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg, gibt einen Überblick über den Stand der Forschung.

Bekanntlich steht der Sieg über den Tod im Zentrum christlichen Glaubens. Doch Zweifel an der Osterbotschaft haben diese von Anfang an begleitet. Umso mehr klammern sich in unserer verweltlichten Kultur, inmitten derer vor einigen Jahren selbst der Leitende Bischof der VELKD Skepsis angesichts der urchristlichen Botschaft von der leiblichen Auferweckung Jesu äußern konnte, viele Menschen an die längst zahlreich vorliegenden und gut erforschten Berichte aus unmittelbarer Todesnähe. Liegen mit den ja nicht etwa okkult gesuchten, sondern spontanen und darum durchaus glaubwürdigen Visionen womöglich authentische Einblicke in jenseitige Dimensionen vor? Offenbaren die vielstimmigen Erfahrungsberichte im Einzelfall oder in ihrer Gesamtheit Einblicke in das Land der Unsterblichkeit? Oder ist da – nicht zuletzt aus biblischen und hermeneutischen Gründen – eher Vorsicht angebracht?

Populär gemacht haben die spannende Thematik vor bald einem halben Jahrhundert allen voran Ärzte wie Elisabeth Kübler-Ross, Raymond Moody, Maurice Rawlings, Michael Sabom und Bruce Greyson. Von Letzterem ist 2021 ein neues, das Thema auf reife Weise spiegelndes Buch erschienen: Nahtod: Grenzerfahrungen zwischen den Welten. Bahnbrechende Erkenntnisse eines Arztes über das Leben nach dem Tod. Ein zusätzlicher Untertitel lautet nochmals zugespitzt: „Die Erforschung des Jenseits“. Damit wird zwar das Anliegen des Bandes nicht korrekt wiedergegeben, wohl aber ein gewisser Offenbarungsanspruch, der sich mit den meisten Visionen ohnehin direkt oder zumindest indirekt verbindet. Ein Grund mehr, warum auch Theologen von Anfang an nicht abseits standen. So veröffentlichte Johann Christoph Hampe bereits 1975 in Deutschland den Bestseller Sterben ist doch ganz anders. Erfahrungen mit dem eigenen Tod. Dieses Buch wandte sich explizit gegen die sogenannte „Ganztod“-Theologie, die im frühen 20. Jahrhundert aufgekommen war und vor allem im Protestantismus die Lufthoheit erringen konnte.

Massive Kritik an der Offenbarungs- und Überzeugungskraft von Nahtod-Erfahrungen (NTE) kam allerdings frühzeitig gerade aus den Reihen biblizistisch denkender Christen. Autoren wie Philipp J. Swihart oder Tim LaHaye zeigten sich irritiert, insofern die geschilderten Jenseits-Berichte damals nur immer von einem zuinnerst schönen Tod und von angenehmsten Visionen ohne düsteres Gericht und ohne Höllenfeuer sprachen. Deshalb schrieben sie die Herkunft von NTE am liebsten verführerischen Einwirkungen von Dämonen zu; göttliche Offenbarung seien sie jedenfalls nicht.

Vergessene Hölle

Umso sensationeller wirkte 1978 das Buch des Kardiologen Maurice Rawlings Behind Death’s Door (deutsch 1996: Zur Hölle und zurück). Einer seiner Patienten hatte während Wiederbelebungsversuchen unmittelbar von regelrechten Höllenvisionen gesprochen, konnte sich aber Tage später nur noch an wunderschöne Visionen in Analogie zu den bekannten Grenzerfahrungen erinnern. Diese Beobachtungen wurden für Rawlings zum Schlüsselerlebnis und führten zu seiner steilen These, bei etwa der Hälfte aller NTE seien durchaus auch negative, höllenartige Visionen im Spiel, doch würden sie von den Patienten im Gegensatz zu den meist anschließend noch folgenden positiven Visionen verdrängt. Er kritisierte die nur „schönen“ Berichte bei Kübler-Ross und Moody methodisch und inhaltlich. Vor allem aber sah er sein Material und seine These in Einklang mit jenen Bibelstellen, die von einem doppelten Ausgang am Jüngsten Tag sprechen. Im Übrigen wies er unter Bezugnahme auf 2. Korinther 11, 14 darauf hin, dass Satan ja als Engel des Lichts erscheinen könne. Doch gern berichtete er auch von Jesus-Visionen in NTE. Was man bei ihm nicht erfuhr: Derartige Visionen schildern den Heiland zumindest äußerlich immer wieder etwas unterschiedlich – nicht zuletzt hinsichtlich der Haarfarbe.

Mittlerweile hat die international vergleichende Forschung immerhin bestätigt, dass unangenehme, „negative“ NTE durchaus in positive übergehen können. Hinreichend deutlich geworden ist zudem, dass es in der Tat keineswegs nur immer „schöne“ NTE gibt, wie man das in der Anfangszeit der Nahtod-Forschung meinte. Vielmehr dürften in einer Minderheit der Fälle – etwa 10 bis 20 Prozent – auch oder gar ausschließlich negative, „höllische“ Erfahrungen eine Rolle spielen. Das geht namentlich aus den Büchern von Barbara Rommer Der verkleidete Segen und von Nancy Evans Bush Wenn das Dunkel vorbei, will ich tanzen vor Freude hervor. Neueres Material bietet weitere Beispiele der bedrückenden Art: „Unzählige Seelen, die weinten und klagten“ lautet eine bezeichnende Überschrift in dem Buch Neue Beweise für ein Leben nach dem Tod der Ärzte Jeffrey Long und Paul Perry. Und auch der erwähnte Band von Bruce Greyson bietet etliche eindrucksvolle Höllen-Visionen. Umso mehr drängt sich freilich die Frage auf, ob NTE tatsächlich mehr oder weniger als „Offenbarungen“ zu nehmen, also als authentische Einblicke ins Jenseits verstanden werden müssen.

Hiergegen spricht eine Reihe von Gründen. Medizinisch und naturwissenschaftlich mögliche Alternativerklärungen für NTE hat vor allem Susan Blackmore immer wieder ins Gespräch gebracht. Es geht da vor allem um die Wirksamkeit von blitzschnell wirksamen Hormonen, insbesondere Endorphinen, die ähnlich wie Morphium wirken können. Doch derlei Deutungen können insofern nicht vollends überzeugen, als NTE mitunter ein Wissen um Personen oder Sachverhalte transportieren, dessen Herkunft allenfalls parapsychologisch, nicht aber medizinisch-naturwissenschaftlich erklärbar ist. Frappierend ist auch der Umstand, dass die auf der Schwelle zum Jenseits begegnenden, freundlich begrüßenden Verstorbenen stets nur Personen sind, die tatsächlich schon tot waren, ja eventuell so kurzfristig erst gestorben sind, dass der Betreffende um deren Tod noch gar nicht wissen konnte. Greyson schreibt dazu, vielleicht würden diese Phänomene eines Tages naturwissenschaftlich erklärbar sein, aber bis auf Weiteres sei tatsächlich „eine Form des nach dem Tod weiterbestehenden Bewusstseins das plausibelste Arbeitsmodell“.

Kulturelle Prägungen

Ein weiterer kritischer Aspekt ist insbesondere der Umstand, dass NTE bei aller strukturellen Ähnlichkeit in den Grundelementen doch bei gründlichem Vergleich auffällige Unterschiede durch kulturelle und individuelle Prägungen zeigen. Inder bekommen etwa indische Totengötter zu sehen, Katholiken kann Maria erscheinen und so fort. Wiederum sprechen solch wissenschaftlich vergleichende Beobachtungen nicht fundamental gegen die Berührung der Betreffenden in großer Todesnähe mit einer jenseitigen Dimension; klar ist aber, dass es sich bei entsprechenden Visionen nicht um untrügliche Wahrnehmungen oder direkte „Offenbarungen“ handeln kann, sondern bestenfalls um Ahnungen des noch verborgen Bleibenden, um einen „Schimmer durch den Vorhang“, wie der Titel eines einschlägigen älteren Buches lautet.

Demgemäß wäre es auch abwegig, vereinzelt vorkommende Hinweise auf Seelenwanderung im Rahmen von NTE als Indizien für die Wahrheit dieser Lehre zu werten. Dies umso weniger, als Seelenwanderungsmotive im internationalen Gesamtvergleich eher selten in NTE eine Rolle spielen. Im Gegenteil sind ja die meist zur Begrüßung an die „Jenseitsschwelle“ kommenden Freunde und Verwandten eben nicht auf Erden wiederverkörpert! Aber auch sonstige, meist typisch esoterische Elemente, die mitunter wie ein Offenbarungsanspruch im Zuge solcher Visionen daherkommen, sind keinesfalls zwingend als realitätsechte Wahrnehmungsberichte ernst- und hinzunehmen. Überhaupt gilt es bei NTE aus Gegenwart und Vergangenheit stets zu berücksichtigen, dass allein schon ihre direkte oder indirekte Weitergabe in aller Regel von Glaubens- und Weltanschauungselementen der Berichtenden und/oder Überliefernden getragen und durchsetzt sind.

Es ist kein Zufall, dass die urchristliche Überlieferung der Auferstehung Jesu sich mitnichten ausschließlich auf visionäre Wahrnehmungen des auferweckten Messias beschränkt, sondern allen vier Evangelien zufolge aufs leere Grab verwiesen hat. Wo es um den tatsächlichen und universalen Sieg über Tod und Vergänglichkeit geht, muss es sich um mehr drehen als um Jenseitsvisionen – nämlich um Gottes Handeln in und an der Wirklichkeit seiner Schöpfung: „Er ist nicht dem Reich des Todes überlassen, und sein Leib hat die Verwesung nicht gesehen. Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen“ (Apostelgeschichte 2, 31–32). Und so liegt es auch klar am Tage, dass die Ostererscheinungen nicht etwa zu verwechseln waren oder sind mit sogenannten „Nach-Tod-Erfahrungen“, also mit gelegentlichen Totenerscheinungen, wie sie religions- und völkerkundlich rund um den Erdball berichtet werden. Die These einiger Forscher, der christliche Glaube selber verdanke seine Entstehung NTE der biblischen Apostel, ja alle Religionen gingen letztlich auf NTE zurück, ist abwegig und gerade unter religionswissenschaftlichen Voraussetzungen viel zu ungenau.

Gerade weil die Botschaft von der Auferstehung Jesu im Zentrum des christlichen Glaubens steht, gilt es, in diesem thematischen Umfeld die Geister zu unterscheiden. Der bayerische Theologe Wolfgang Behnk betont darum zurecht, dass zwar einerseits eine NTE „durchaus als von Gott geschenkte tröstliche Erfahrung im Glauben dankbar angenommen werden darf“, dass aber andererseits auch solch tröstliche Erfahrung „der Bestätigung und kritischen Begrenzung und Korrektur von seiten der in der Schrift bezeugten Christusoffenbarung her untersteht.“

Sinngebäude entscheiden

Zweifellos aber können NTE und auch allein schon die Beschäftigung mit ihnen weltanschaulich und spirituell höchst folgenreich sein. Bruce Greyson hat recht, wenn er resümiert, die Resultate der Nahtod-Forschung sollten „skeptisch gegenüber unseren aktuellen Modellen der Funktionsweise von Gehirn und Geist machen und die Frage aufwerfen, ob unsere Gedanken und Gefühle mehr sind als nur elektrische und chemische Veränderungen in unseren Gehirnzellen.“

Die Beantwortung der Grundfrage, ob mit dem Tod alles aus ist oder ob und wie es danach weitergeht, ist existenziell fundamental und beschäftigt die Menschheit seit Urzeiten. Sie hängt aber am Ende nicht von Visionen, sondern von mehr oder weniger überzeugenden Sinngebäuden ab. Hier sind nicht nur Parapsychologie und Nahtodforschung, sondern viel mehr noch die Philosophie und vor allem die Theologie gefragt. Dabei hat diese Fragestellung nicht zuletzt politische Relevanz, wie exemplarisch ein Zitat von Hannah Arendt aus einem Brief an Hans Jonas mit Blick aufs Dritte Reich verdeutlicht: „Ich bin ganz sicher, dass diese ganze totalitäre Katastrophe nicht eingetreten wäre, wenn die Leute noch an Gott oder vielmehr an die Hölle geglaubt hätten, das heißt, wenn es noch letzte Prinzipien gegeben hätte. Es gab aber keine.“ 

 

Literatur

Werner Thiede: Unsterblichkeit der Seele? Interdisziplinäre Annäherungen an eine Menschheitsfrage. LiT-Verlag, Berlin 2021, 280 Seiten, EUR 24,90

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Werner Thiede

Dr. Werner Thiede ist Professor apl. für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist Autor der Broschüre "Die digitale Fortschrittsfalle", die im Pad-Verlag erschienen ist.


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