Energisch voran

Die Kirchen in Baden-Württemberg setzen auf umweltfreundlichen Strom
Schleiz (Thüringen): Die Bleiloch- Talsperre (erbaut 1926-1932)  ist Deutschlands  wasserreichste Talsperre. (Foto: dpa/Jan-Peter Kasper)
Schleiz (Thüringen): Die Bleiloch- Talsperre (erbaut 1926-1932) ist Deutschlands wasserreichste Talsperre. (Foto: dpa/Jan-Peter Kasper)
Unabhängig, nicht gewinnorientiert, nachhaltig. Mit diesen Adjektiven beschreibt die KSE - die Gesellschaft zur Energieversorgung der kirchlichen und sozialen Einrichtungen - ihr Profil. Gesellschafter sind die beiden großen Kirchen in Baden-Württemberg.

"Hilfe zur Selbsthilfe" nannte Johannes Baumgartner die Motivation der Kirchen, Anfang 2009 in das Energiegeschäft einzusteigen. Der Aufsichtsratsvorsitzende der KSE-Energie wusste, wovon er sprach. Schließlich leitete er in der Erzdiözese Freiburg die Immobilienabteilung und der Blick auf die jährliche Heizkostenabrechnung war alles andere als erfreulich. Die ständig kletternden Ausgaben erzeugten nicht nur ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Preispolitik der großen Energiekonzerne machtlos ausgeliefert zu sein. Es ging schlichtweg nicht mehr. "Die Preissteigerungen hätten wir nicht noch einmal verkraften können", berichtet auch Geschäftsführer Albert-Maria Drexler. Also schritt man im ökumenischen Schulterschluss zur Tat: Die beiden evangelischen Landeskirchen in Baden und in Württemberg sowie die Diözese Rottenburg-Stuttgart und die Erzdiözese Freiburg gründeten die KSE-Energie, die Gesellschaft zur Energieversorgung der kirchlichen und sozialen Einrichtungen.

Für die Abkürzung "KSE" hat Geschäftsführer Albert-Maria Drexler jedoch seine eigene Erklärung: "K" wie "Kein Atomstrom", "S" für "saubere Energie", "E" für "Energieeffizienz". Für die Kirchen geht es letztlich um mehr als bessere Bilanzen und Wirtschaftlichkeit. Wenn der zutiefst christliche Leitgedanke der Bewahrung der Schöpfung nicht zu einer leeren Formel verkommen soll, so muss er gelebt werden. In vielen Kirchengemeinden ist dies bereits der Fall, sind Umweltmanager am Werk und wurden Photovoltaik-Anlagen installiert. Mit der Liberalisierung des Strommarktes jedoch bot sich den beiden großen Kirchen im Südwesten die einmalige Chance, auf breiter Front aktiv zu werden. Die Verträge mit den bisherigen Strom- und Gaslieferanten wurden gekündigt, seit 2009 läuft der Energieeinkauf auf eigene Rechnung, das heißt, die KSE-Energie tritt selbst als Großkunde am Markt auf, der für seine kirchlichen und sozialen Einrichtungen die günstigsten Offerten einsammelt. Bei 4.500 Kirchengemeinden in Baden-Württemberg mit Kirche, Gemeindehaus und Kindergarten und einem Jahresbedarf von rund 500 Millionen Kilowattstunden eine beachtliche Power - der Bedarf entspricht in etwa dem eines kleineren deutschen Stadtwerks.

K wie "kein Atomstrom"

"Da wir nicht gewinnorientiert arbeiten, können wir die preiswerteren Angebote an unsere Abnehmer weitergeben", betont Geschäftsführer Albert-Ma­ria Drexler. Zu 99 Prozent, muss man hinzufügen. Ganz ohne Abstriche funktioniert diese Rechnung nicht, denn natürlich müssen auch bei der KSE-Energie die Unkosten eingefahren werden. Doch die halten sich in überschaubaren Grenzen, da das kirchliche Energieunterneh­men nicht etwa mit einem "Wasserkopf" arbeit. Die Überlinger Geschäftsstelle be­schäftigt drei Mitarbeiter, ein Energiedienstleister aus Freiburg übernimmt die Abrechnung mit den Kunden, die sich über eine Ersparnis bis zu 5 Prozent, teilweise sogar mehr, freuen können.

Nach einer einjährigen Anlaufzeit ist mit 2010 bald das erste richtige Geschäftsjahr beendet. Bei den kirchlichen Einrichtungen, bei den Caritas- und Diakoniestationen, Altenheimen und Krankenhäusern ist das Erdgasangebot der KSE-Energie gut angekommen. Gut 90 Prozent haben sich für einen Wechsel entschieden. Bei den Kirchengemeinden fällt die Bilanz jedoch nicht ganz so positiv aus. Knapp 60 Prozent haben sich von ihrem alten Anbieter verabschiedet und bei der KSE angemeldet. "Wir wussten, dass wir hier keine höhere Zustimmung erreichen können", berichtet Geschäftsführer Albert-Maria Drexler. Seine Erklärung: Es gebe mancherorts eine sehr enge Verzahnung zwischen den Kirchengemeinden und den kleineren Stadtwerken.

Tatsächlich werden viele Kindergärten von den Kommunen unterstützt; und so tun sich die Betroffenen schwer, ihre Verträge mit den örtlichen Gaswerken zu kündigen. "Da konnten wir nicht einspringen, wir wollen schließlich keine Störenfriede sein", betont Albert-Maria Drexler. Diese Beteuerung ist immer wieder in den Gesprächen zu hören. "Es ist nicht Aufgabe von Kirchen, den Konzernen Konkurrenz zu machen", bestätigt auch Johannes Baumgartner, der Aufsichtsratsvorsitzende der KSE-Energie. Das ungewöhnliche Engagement begründen die sanften Stromrebellen vor allem mit dem Wunsch, eine saubere Energiebilanz vorlegen zu können. Weg vom Grau-, also vom Atomstrom, hin zu einer umweltfreundlichen Alternative.

Öko ist nicht gleich Öko

Kein leichter Weg und einer, der aus vielen einzelnen Schritten besteht. So konnte die KSE-Energie bislang nur mit Erdgas dienen, ab Januar kommenden Jahres aber wird sie auch als Stromanbieter auftreten. "Dabei wollen wir zunächst mit einem Produkt an den Markt, das läuft", meint Johannes Baumgartner. Für ihn macht es wenig Sinn, auf teuren Ökostrom zu setzen, den sich niemand leisten kann. Da die Kirchengemeinden, die Alten- und Behindertenheime, vor allem aber die Krankenhäuser mit jedem Cent rechnen müssen, kam nur ein "einfaches" Konzept in Frage: 100 Prozent Strom aus Wasserkraft produziert im österreichischen Donaukraftwerk Greifenstein.

Die Entscheidung für den österreichischen Energieversorger hatte einen einfachen Grund: "Wir hatten die Auflage, nicht mit einem Anbieter zusammenzuarbeiten, der zu mehr als zehn Prozent an Atomkraft beteiligt ist und der einen zertifizierten Nachweis über die Herkunft des Stroms geben kann." Diese Vorgabe machte die Auswahl überschaubar. Als mögliche Kandidaten kamen Norwegen und Österreich in Frage: Norwegen, das seinen Energiebedarf traditionsgemäß vollständig aus Wasserkraft deckt und Österreich, weil dort die Nutzung von Atomkraft zur Energiegewinnung seit einer Volksbefragung gesetzlich verboten ist. In dieser Situation fiel die Entscheidung für das näher gelegene Donaukraftwerk.

Doch wie so oft, gilt auch in diesem Fall: Öko ist nicht gleich Öko. Strom aus Wasserkraft ist zwar eine umweltfreundlichere Energieform - es werden keine Ressourcen verbraucht, auch fallen keine Emissionen an -, doch der Bau von Wasserkraftwerken ist mit nicht unerheblichen Folgen für Natur, Landschaft und die ansässige Bevölkerung verbunden. Wehre und Staudämme beeinflussen Fließgeschwindigkeit und Wassertemperatur, behindern die Fische, die zur Laichwanderung flussaufwärts steigen müssen. In dieser Hinsicht zeigen vor allem die älteren Wasserkraftwerke deutliche Defizite. Nachbesserungen sind möglich, doch die nötigen Umbaumaßnahmen kosten eine Menge Geld und sind für Betreiber von Wasserkraftwerken mit langen Laufzeiten ohnehin kein Thema.

Eine anspruchsvolle Alternative

"Zugegeben - das ist nicht das, was uns eigentlich vorschwebt", räumt denn auch Albert-Maria Drexler, Geschäftsführer der KSE-Energie ein, "aber es ist ein Einstieg." Ab 2014 will seine Gesellschaft den Kunden eine anspruchsvollere Alternative anbieten. Neben dem "normalen" Wasserkraftprodukt wird es dann auch Strom aus 100 Prozent regenerativen, umweltfreundlichen Energiequellen geben, aus Windkraft und Solaranlagen, aus Biomasse und auch aus neueren Wasserkraftwerken, die den strengen EU-Ökorichtlinien entsprechen. Ein Premium-Produkt, das seinen deutlich höheren Preis haben wird. Umweltschutz ist im­mer noch eine Frage des Geldbeutels. Trotzdem will der kirchliche Energieversorger nicht auf diese "Leuchttürme" verzichten und hat bereits heute damit begonnen, seine Zukunftspläne über den so genannten "KlimaCent" zu verwirklichen.

Dabei können sich die Kunden für eine zusätzliche, freiwillige Abgabe entscheiden: Die KSE-Energie rechnet dann pro verbrauchter Kilowattstunde einen Aufschlag von 0,5 Cent ab, der in verschiedene Klimaschutzprojekte der Landeskirchen und Diözesen fließt. Diese Zusammenarbeit funktioniert auch in umgekehrter Richtung. "Wenn unsere Gesellschafter, die Kirchen, ihre eigenen Investitionen in Wind- und Wasserkraft, in Biomasse tätigen, dann sind sie selbst in der Lage, kleinere Energieversorgungsprojekte aufzubauen", meint Geschäftsführer Albert-Maria Drexler. "Von diesen Investitionen profitieren letztlich auch wir, indem die KSE regional vor Ort eine saubere Energie beziehen kann."

Die Kooperation mit den Landeskirchen und Diözesen trägt wesentlich zum Gelingen der einzigartigen Energieoffensive im deutschen Südwesten bei. Denn der Erfolg der KSE ist nicht zuletzt auch abhängig davon, wie stark die Kirchen das umweltfreundliche Energiekonzept in ihrem eigenen Haus propagieren. Und da tun sich durchaus Unterschiede auf. Die Zustimmung variiere in den vier Kirchenkörperschaften zwischen 40 und 80 Prozent, berichtet Geschäftsführer Albrecht-Maria Drexler, je nachdem, wer mit welcher Power hinter der Initiative stehe. Tatsache ist: Ohne tatkräftige Werbung in den Kirchengemeinden wird es der KSE deutlich schwerer fallen, sauberen Ökostrom an den Kunden zu bringen.

Unterm Strich aber zieht Albrecht-Maria Drexler schon heute eine positive Bilanz. Er ist mit dem laufenden Geschäftsjahr mehr als zufrieden. Man habe vor allem zwei Dinge erreicht: Die Kirchengemeinden seien wesentlich kritischer bei der Wahl ihres Energielieferanten geworden. Die Preise würden jetzt verglichen, Alternativen, auch umweltfreundliche Angebote ausgelotet. Dies sei ein Forschritt, selbst wenn die KSE nicht immer den Zuschlag erhalten habe, meint der Geschäftsführer. Und die Gesellschaft kann noch einen Erfolg für sich verbuchen: Mit dem neuen Angebot wird sich der Anteil von Ökostrom in den Landeskirchen und Diözesen ab dem 1. Januar 2011 von derzeit neun auf rund 50 Prozent erhöhen. "Wir sind auf einem guten Weg", meint auch der Aufsichtsratsvorsitzende Johannes Baumgartner.

Silke Arning

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