Gebeugte Schultern

Ein Schweitzer ist im Vatikanfür die Beziehungen zu den anderen Kirchen zuständig
Bischof Kurt Koch. (BIld:epd/KNA/Markus Nowak)
Bischof Kurt Koch. (BIld:epd/KNA/Markus Nowak)
Der frühere Baseler Bischof Kurt Koch steht seit Juli, als Nachfolger des deut­schen Kardinals Walter Kasper, an der Spitze des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Für ihn gilt, was der evangelische Theologe Adolf von Harnack einmal über Kirchenmänner gesagt hat: "Sie dunkeln alle nach."

Als Theologieprofessor hat Klaus Koch aus dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils heraus bis in die Neunzigerjahre Reformpositionen vertreten. Das Papsttum bezeichnete er damals als Hindernis für die Ökumene, und auch Priesterinnen konnte er sich durchaus vorstellen.

Die Wende zum linientreuen römischen Gefolgsmann habe begonnen, heißt es, als er 1995 - nach eigenen Aussagen gegen seinen Wunsch - Bischof von Basel wurde, nachdem sein Vorgänger Hansjörg Vo­gel Vater geworden war und zu dem Kind und seiner Mutter stand. Die 15 Jahre im Bischofsamt der 1,2 Millionen Katholiken zählenden Riesendiözese Ba­sel hätten Koch gezähmt und stets konservativer werden lassen. Eingezwängt zwischen den Ansprüchen des Vatikan und der liberalen Schweizer Katholiken sei er müde geworden. Dass der Papst Koch dann zum Ökumene-Minister berief, sei eine Belohnung für seinen romtreuen Kurs, folgern viele Katholiken.

Wende zum linientreuen Gefolgsmann

Parallelen zu Benedikt XVI. werden gezogen: Als Intellektueller, der über sechzig Bücher veröffentlichte und dessen Berufung die akademische Lehre sei, habe Kurt Koch die katholische Basis nie erreicht und ihr nicht erklären können, um was es ihm gehe. Dazu passe, was der 60-Jährige nach seiner Wahl verlauten ließ: Er nehme in der Schweiz eine "zunehmend antirömische Stimmung" und eine "gravierende Entfremdung gegenüber Papst Benedikt XVI." wahr.

Einig ist man sich in der Beurteilung von Kochs denkerischen Fähigkeiten: Er wird als "letzter Intellektueller" der Schweizerischen Bischofskonferenz bezeichnet und einer der "Gescheitesten in der katholischen Kirche".

Wer die Bücher aufschlägt, die Koch geschrieben hatte, bevor er Bischof wurde, staunt über die forschen Töne. In Gelähmte Ökumene giftelt er gegen Vertreter einer "Aspirin-Ökumene", die die Kircheneinheit nur als "imprägniertes Lippenbekenntnis" feierten. Diese verkomme so zur "Verbalökumene". Mit dem Aufbau des Buches legt er sozusagen die Kirchen auf die Couch - von einer "Ökumenischen Diagnostik" schreitet er über die Anamnese zur "Therapeutik".

Und in dem essayartigen und dichten Büchlein Ist der Sonntag noch zu retten? meint man gar einen postmarxistischen Psychotheologen zu lesen. Unter dem Leistungsdruck der Freizeitindustrie sei der Sonntag zum "Ort einer furchtbaren Selbstentfremdung" geworden, so dass die Menschen "vor lauter Freizeit nicht mehr in Freiheit zu sich selber" finden könnten, heißt es da.

Von Protestanten gelernt

Freilich fällt auch anderes auf: Dass nicht gerade auf der ersten Seite, aber schon bald einmal "Joseph Kardinal Ratzinger" zitiert wird. Für Protestanten ist weiter erstaunlich, wie wenig Berührungsängste er in der Auseinandersetzung mit evangelischen Positionen zeigt. Das beginnt mit Kochs Doktorarbeit, in der er sich mit dem bedeutenden evangelischen Theologen, dem Systematiker Wolfhart Pannenberg befasst, der an der Universität München lehrte. Ihn betrachtet Koch als seinen "Lehrer" und eignet ihm ein Buch in "dankbarer Wertschätzung" zu. Einen Predigtband widmet er den "evangelischen Schwestern und Brüdern im Pfarramt". Und im Vorwort zum Skandal des unpolitischen Christentums zitiert er den bedeutenden evangelischen Theologen Karl Barth (1886-1968): Eine Kirche, die sich nicht Partei zu sein getraue, sei "zum stummen Hund" geworden. Und noch heute liege ein Buch des Berner Lyrikers, Pfarrers und Essayisten Kurt Marti auf seinem Nachttisch, erzählte Koch kürzlich in einem Interview.

Als Bischof enttäuschte er freilich jene, die in ihm einen progressiven Hoffnungsträger sahen. Woran Koch aber wohl nur scheitern konnte: Die Enttäuschung sei so groß gewesen, weil die auf ihn gesetzten Hoffnungen so hoch wa­ren, meinen römisch-katholische Insi­der. Koch selber reklamiert für sich das Recht, sich angesichts einer wandelnden Realität in einem "biographischen Lebensprozess" zu verändern. Weil ihm mit dem Bischofsamt "neue Realitäten" bewusst geworden seien, habe er bisherige Beurteilungen etwa bezüglich des Staatskirchenrechts "modifizieren" müs­sen, sagt Koch. Aber er verneint, eine "bischöfliche Wende" durchgemacht zu haben. Zu Unrecht habe man ihn mit dem "Stigma eines Wendehalses" versehen.

Indes scheinen Veränderungen klar. In der Schweizer Öffentlichkeit am meisten Wellen schlug der Streit mit dem aufmüpfigen Baselbieter Landpfarrer Franz Sabo. Nachdem er diesem die Missio Canonica entzogen hatte, entschied ein staatliches Gericht, dass dabei nicht alles rechtens abgelaufen sei. Die Anstellungsbehörde, die Kirchgemeinde Röschenz, müsse Sabo daher nicht kündigen. Koch biss sich an dieser "Causa Röschenz" die Zähne aus. Nach monatelanger negativer Presse kam es schließlich vor etwas mehr als zwei Jahren zur überraschenden Versöhnung. Für Koch hatte der Streit einen Preis: Gesundheitlich angeschlagen musste er pausieren.

So komplex die Hintergründe des "Falles Sabo" sind, so klar zeigt er, wo die Konfliktlinie im Schweizer Katholizismus verläuft. Einer von Rom gesteuerten "Kirche von oben", in Gestalt des Bistums, steht das helvetisch-demokratische Modell einer "Kirche von unten" gegenüber. Während das eine System hierarchisch funktioniert, pochen die anderen auf mehr Demokratie. Die Krux für die katholischen Bistümer ist, dass das Steuergeld von den katholischen Kantonalkirchen kommt, die - weltweit einzigartig - wie die evangelischen Kantonalkirchen demokratisch aufgebaut sind. Sie drehen auch mal den Geldhahn zu, wie dies im Zusammenhang mit dem nach Liechtenstein wegbeförderten Bischof Wolfgang Haas geschehen ist.

Helvetisches Konsens-Training

Aus der konservativen Ecke hingegen werden die Kantonalkirchen als "Gegenkirche" bezeichnet und als Geldmaschine verstanden. In der Schweizer Bischofskonferenz schwelen denn auch Richtungskämpfe. Nach Ansicht mancher Be­obachter ist der eidgenössische Katholizismus unter römischem Druck auf dem Weg hin zu mehr Konservativismus.

Als Nachfolger des deutschen Kurienkardinals Walter Kasper präsidiert Kurt Koch seit dem 1. Juli den Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen. Und die Ernennung zum Kardinal ist nur noch eine Formsache. Koch habe, so wird in der Schweiz gesagt, in seinem Bischofsamt ein helvetisches Konsens-Training erlebt, das ihm als vatikanischen Ökumene-Minister zugute komme. Ist die föderale, auf Konsens angelegte Schweizer Demokratie also nicht nur ein Modell für Europa, sondern auch für den weltweiten Koloss katholische Kirche?

Ob sich die evangelischen Kirchen, die nach vatikanischer Lehrmeinung gar nicht als Kirche gelten, Hoffnungen auf ökumenisches Tauwetter machen dürfen, scheint fraglich. Gottfried W. Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und ein Vertrauter Kochs, stellte kürzlich eine "kontinentaleuropäische Plattenverschiebung" in der Ökumene fest. Das betreffe allerdings nicht das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten, sondern das zwischen dem Vatikan und den Orthodoxen.

Wer den 1950 in Emmenbrücke bei Luzern als Arbeitersohn geborenen Kurt Koch heute sieht, dem legt sich ein verführerisches Klischee nahe. Seine Schultern sind gebeugt, als ob er unsichtbare Gewichte trüge. Ist das Bischofsamt derart zur Last geworden? Seine Wandlung zum einem Gefolgsmanns Roms bestätigen jedenfalls Leute, die ihn über Jahrzehnte kennen: "Leider stimmt es." Aber Koch ist wohl kein Einzelfall. Denn in der römisch-katholischen Kirche geht, gemünzt auf das Ritual der Bischofsweihe, der Spruch um: "Man kennt zwar den, der sich hinlegt, aber man weiß nicht, wer aufsteht."

Daniel Klingenberg ist Journalist in der Schweiz.

Daniel Klingenberg

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