Sperrig und widerständig

Über welche Abschnitte der Bibel soll gepredigt werden?
Mischung aus Tradition und Moderne: Kirche San Giovanni Battista, Magno, Tessin. (Foto: dpa/SChütze/Rodermann)
Mischung aus Tradition und Moderne: Kirche San Giovanni Battista, Magno, Tessin. (Foto: dpa/SChütze/Rodermann)
In der "Perikopenordnung" ist für jeden Sonntag des Jahres festgelegt, über welchen Abschnitt der Bibel gepredigt ­werden soll. Nun steht eine Revision an.

"Der Predigtext für den heutigen Sonntag steht in ..." Mit diesen Worten wird üblicherweise die Lesung eines Abschnittes der Bibel auf einer evangelischen Kanzel eingeleitet. Der "vorgeschriebene" Text, wie es auch manchmal im kirchlichen Amtsdeutsch heißt, ist für jeden Sonntag in der "Perikopenordung" nachzulesen. Das ist die offizielle Ordnung der gottesdienstlichen Lesungen und Predigttexte, die im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt ist. "Pe­rikope" bedeutet soviel wie Abschnitt oder ein "rings umhauenes Stück" eines Textes.

Schon das spätantike Judentum kannte Leseordnungen für den Synagogengottesdienst. Und die Alte Kirche hat eine ähnliche Praxis entwickelt. Die in den Mitgliedskirchen der EKD gültige Perikopenordnung stammt aus dem Jahr 1977. Ein Revisionsvorschlag der Lutherischen Liturgischen Kommission konnte sich 1995 nicht durchsetzen, denn der Zeitpunkt war ungünstig: Gerade war das neue Evangelische Gesangbuch erschienen, das die Perikopenordnung von 1977 enthielt. Doch die Diskussion ist in den letzten Jahren weitergegangen.

Gleichberechtigung und christlich-jüdischer Dialog

Eine Kritik der Perikopenordnung lautet, sie werde den meisten Gottesdienstbesuchern nicht mehr gerecht. Denn nur wenige regelmäßige Kirchgänger seien mit der Bibel und mit den sechs Predigtreihen der geltenden Perikopenordnung vertraut. Außerdem seien die besonderen Sichtweisen und Lebenserfahrungen von Frauen in der Perikopenordnung unterrepräsentiert. Und schließlich wird beklagt, das Alte Testament komme nicht genügend zu Wort. Auch müssten die Ergebnisse des christlich-jüdischen Dialogs der vergangenen Jahrzehnte stärker berücksichtigt und die Perikopenordnung von antjüdischen Relikten gereinigt werden. Als besonderes Problem wird die Predigt über die neutestamentlichen Briefe empfunden. Das gilt gerade für die zweite Predigtreihe, die überwiegend aus sogenannten Episteltexten besteht.

Viele Prediger bevorzugen eher die erzählenden Texte des Alten Testaments und der Evangelien, halten die Briefe des Neuen Testaments dagegen für zu abstrakt und theologisch überladen. Auch ich plädiere für eine Revision der Reihe II und für eine bessere Mischung unterschiedlicher Textgattungen im Lauf des Kirchenjahres. Allerdings sind und bleiben die Briefe ein zentraler Bestandteil des neutestamentlichen Kanons, der auch künftig in angemessenem Umfang zu Gehör kommen sollte.

Im Mai 2010 fand eine Konsultation der EKD, der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und der Union Evangelischer Kirchen (UEK) in Wuppertal statt. Mit ihr wurde ein Prozess eingeleitet, an dessen Ende vermutlich eine moderate Revision der derzeitigen Perikopenordnung stehen wird. Die Beträge der Wuppertaler Konsultation liegen jetzt als Buch vor. Die versammelten Experten haben sich mit deutlicher Mehrheit für eine Fortentwicklung der bestehenden Perikopenordnung ausgesprochen. Dafür spricht meines Erachtens viel.

Ökumenische Rücksichten

Die weiter gehende Forderung nach einem ökumenischen Gleichklang würde auf gewachsene Traditionen zu wenig Rücksicht nehmen. Allerdings sollten die Mitgliedskirchen der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), die schon bisher die deutsche Perikopenordnung über­nommen haben, unbedingt zur Mitarbeit am weiteren Revisionsprozess eingeladen werden.

Was also wäre wünschenswert?

Zunächst, dass künftig mehr Abschnitte aus dem Alten Testament vorkommen. Dann: Es stünde den evangelischen Kirchen gut an, künftig über den einen oder anderen Text aus den sogenannten Apokryphen zu predigen, zum Beispiel aus der Weisheit Salomos, die im Neuen Testament häufig zitiert wird. Kriterium für die Auswahl alttestamentlicher Texte wie für die Wochensprüche muss aber die Frage bleiben, wie weit sie als Christuszeugnis gelesen und verstanden werden können.

Natürlich kann man fragen, weshalb überhaupt eine Perikopenordnung notwendig ist. Warum sollen sich Gemeinden und Pfarrer von einer Kirchenleitung vorschreiben lassen, worüber am Sonntag zu predigen ist? In der Praxis hat das reformatorische Prinzip "allein die Schrift" weder in der Geschichte noch in der Gegenwart dazu geführt, dass die ganze Schrift im Gottesdienst zu Gehör gebracht und ausgelegt wird. Wohl hielt die lutherische Reformation an der Praxis der römischen Kirche fest, in der sich - vermutlich schon im 5. Jahrhundert - im Zusammenhang mit dem entstehenden Kirchenjahr Perikopenreihen herausgebildet hatten.

Die Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin vollzogen freilich den Bruch mit der "papistischen Messtradition". Sie führten die lectio continua ein, also die fortlaufende Lesung neutestamentlicher Schriften als Grundlage für die Predigt. Freilich wird auch in reformierten Kirchen eine Textauswahl vollzogen. Und das Problem selektiver Bibellektüre und ihrer Begründung stellt sich erst recht dort, wo man in neuprotestantischer Tradition jeden "Perikopenzwang" ablehnt.

Gemeindeübergriefende Zugehörigkeit

Dabei stärkt eine Perikopenordnung nicht nur das Bewusstsein für die gemeindeübergreifende Zugehörigkeit zur einen Kirche. Sie verhindert auch, dass Pfarrerinnen und Pfarrer immer nur über wenige Lieblingsstellen predigen und den Texte ausweichen, die sich als sperrig und widerständig erweisen. Doch wer glaubt, was er nicht verstehe, könne man grundsätzlich nicht verstehen, ist borniert.

Unter liturgischen Gesichtspunkten kann das "allein die Schrift" auf zweifache Weise verstanden werden. Zum einen könnte man darin die Minimalanforderung an jeden Liturgen und Prediger sehen, ausschließlich biblische Tex­te als Lesungen und Predigttexte zu verwenden - wie immer er im Einzelfall zu seiner Auswahl gelangen mag. Es kann aber auch gehaltvoller verstanden werden, nämlich als Anforderung, sich auf eine repräsentative Auswahl von Bibelabschnitten zu verständigen, die alle Teile und Traditionen der Schrift in regelmäßigen Abständen zu Gehör bringen. Genau das ist das Anliegen von Perikopenordnungen.

Sogleich stellt sich allerdings die Frage, wie umfangreich eine Perikopenordnung sein muss, die das Gesamtzeugnis der Bibel spiegelt. Unter heutigen volkskirchlichen Bedingungen zu einem Leben mit und aus der Bibel einzuladen, wird heute wohl nur gelingen, wenn wir nicht bestimmte Frömmigkeitstraditionen in Geschichte und Gegenwart zur Norm erheben, die inzwischen nur von einer Minderheit gepflegt werden. Tägliche Bibellektüre, gar zu mehreren Tageszeiten, können bei der Mehrzahl der Gottesdienstbesucher ebenso wenig vorausgesetzt werden wie regelmäßiger Kirchgang.

Dies muss im Blick auf eine Reform der Perikopenordnung nicht nur praktisch-theologisch, sondern auch systematisch-theologisch bedacht werden. Denn das biblische Wort entfaltet seine Wirkung nicht unabhängig von seinen Hörern und Lesern. Gottes Wort als Anrede an den Menschen geht nicht in der Predigt auf, sondern es ereignet sich im Hören oder Lesen. Im Blick auf die Predigt ist zudem zwischen dem biblischen Text und der Predigt als der vom Prediger zu verantwortenden Rede zu unterscheiden. Gottes Wort ereignet sich im Kommunikationsgeschehen, das sich zwischen Text, Predigt und Hörer abspielt.

In Vergessenheit geraten

Folgt man dem Gedanken, dass für unsere Zeit die Herausforderung in der Elementarisierung des biblischen Zeugnisses besteht, kann man darüber diskutieren, ob die Zahl der Perikopenreihen zu verringern ist, so dass für elementar gehaltene Texte in kürzeren Abständen vorkommen. Dagegen spricht freilich, dass biblische Texte, die nicht mehr im Gottesdienst vorkommen, allmählich in Vergessenheit geraten. Dieser Gefahr kann man begegnen, wenn eine Perikopenordnung prinzipiell als Empfehlung und nicht als starre Vorschrift aufgefasst wird.

Perikopenordnungen haben ihre Zeit und ihre Begrenzungen, sie dürfen die Möglichkeiten der Rezeption des biblischen Gesamtzeugnisses nicht verengen. Daher sollte es auch in lutherischen Kirchen Spielräume für Predigtreihen geben, wie sie in der reformierten Tradition geläufig sind.

Auch sollte berücksichtigt werden, dass es etliche Gottesdienste an normalen Wochentagen und außerhalb der Kirchengebäude gibt, auch wenn der Sonntagsgottesdienst sicher der Ort bleibt, der die Einheit von Gemeinde und Kirche über alle Gruppenbildungen und Milieugrenzen hinweg symbolisiert und erfahrbar macht. Darin besteht auch der gute Sinn einer gemeinsamen Perikopenordnung. Eine wiedererkennbare Grundstruktur sollte aber Spielräume für situative Aneignung und Ausgestaltung in den Gemeinden vor Ort zulassen, wobei auch über eine Neugestaltung des Kirchenjahres nachzudenken ist.

Solche Spielräume theologisch verantwortet zu nutzen, setzt freilich eine Vertrautheit mit dem biblischen Gesamtzeugnis voraus. Der selektive Umgang mit der Bibel, den auch jede Perikopenordnung pflegt, wird durch den Einfluss der Predigtliteratur und der Vorbereitungshilfen gestärkt. Abschnitte, die nicht als Lesung oder Predigttext vorgesehen sind, drohen nicht nur auf Seiten der Gottesdienstbesucher in Vergessenheit zu geraten, sondern auch bei den Predigerinnen und Predigern, die immer seltener zu exegetischen Kommentaren greifen und sich dafür mehr von Predigt- und Gottesdiensthilfen - auch aus dem Internet - inspirieren lassen.

Die Fremdheit achten

Damit sind wir bei der Grundsatzfrage, wie es heute in der Kirche des Wortes um die Bibel bestellt ist, nicht nur unter Laien, sondern auch bei den Pfarrerinnen und Pfarrern. Jede Diskussion über eine Reform der Perikopenordnung greift zu kurz, wenn sie sich nicht dieser elementaren Lebens- und Überlebensfrage der Kirche stellt.Das Wort der Bibel ist für Gemeinde und Gesellschaft vielfach zu einem fremden Wort geworden. Die Fremdheit mag zum Teil auch darin begründet sein, dass sich die innere Logik der überlieferten Perikopenordnungen nicht mehr erschließt und es für manche Entscheidungen auch gar keine plausible Erklärung gibt. Das gibt uns freilich nicht das Recht, das biblische Zeugnis einseitig an die Bedürfnisse heutiger Hörer anzupassen.

Die Texte der Bibel zeichnet vielmehr eine grundlegende Fremdheit aus, die darin gründet, dass der in ihnen zur Sprache kommende Gott der ganz Andere ist. Das Neue Testament zeigt uns auch Jesus von Nazareth als Fremden. "Er vertritt", wie der Zürcher Neustamentler Hans Weder schreibt, "den fremden Gott, der bei den Menschen einkehrt. Er leistet die Arbeit Gottes am Aufschluß der Menschen für das, was sie von ihrer Verstrickung in sich selbst ablenken könnte." Nach Weder lassen sich auch die neutestamentlichen Texte mit Hilfe der Metapher vom fremden Gast verstehen. Sie repräsentierten den fremden Christus, in dem der unbekannte Gott Mensch geworden ist.

Die Texte der Bibel wollen einerseits verstanden werden, indem wir uns selbst neu verstehen lernen. Andererseits aber sollen sie "Fremde bleiben dürfen, ohne weggeschickt zu werden" (Weder). Eingängigkeit bei heutigen Hö­rerinnen und Hörern ist also noch kein theologisches Argument. Auch theologische Sachkritik, die gegen manche Texte ins Feld geführt wird, erweist sich unter Umständen als zeitgeistig. Sie hat jedenfalls grundsätzlich nicht über der Schrift, sondern unter dem Wort zu stehen.

Verengtes Konzept narrativer Theologie

Um ein Beispiel zu geben: Gegenüber der Vorstellung vom Sühnetod Je­su und jedem Opfergedanken herrscht heutzutage weitgehend Unverständnis. Leicht wird dieses mit theologisch fundierter Sachkritik verwechselt. Statt sich den Mühen der Interpretation des An­stößigen und Fremden zu unterziehen, geht man lieber den Weg der Eliminierung, mit der Folge von Traditionsabbruch, Selbstsäkularisierung und Trivialisierung der Verkündigung. Wer angeblich schwierigen Abschnitten der Bibel ausweichen will oder gar für den gelegentlichen Wegfall der Predigt plädiert, macht aus der gegenwärtigen Predigtnot eine theologisch fragwürdige Tugend.

Und wer glaubt, über Erzähltexte der Bibel lasse sich grundsätzlich leichter als über Episteltexte predigen, sitzt möglicherweise einem verengten Konzept von narrativer Theologie auf. Wohl sind narrative Texte und "Stories" das Rohmaterial von Theologie. Aber Theologie arbeitet an ihnen in begrifflicher Reflexion, und solche ist auch von einer guten Predigt zu erwarten. Die protestantischen Kirchen sollten sich - und zwar durchaus in ökumenischer Gesinnung! - auf ihre Predigtkultur als besonderes Markenzeichen des evangelischen Gottesdienstes besinnen.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von Gottes lebensschaffendem Wort. Eine Perikopenordnung bricht dieses Brot in kleine Portionen. Wohl können wir das Brot des lebensschaffenden göttlichen Wortes nicht auf einmal verzehren, sondern nur stückweise. Das gibt uns aber nicht das Recht, die biblischen Texte nach eigenem Gusto zurechtzustutzen oder zu verstümmeln. Die Fremdheit der Texte und ihre Widerständigkeit zu achten, ist eine zentrale Forderung an die geplante Reform der Perikopenordnung, und zwar gerade um der Adressaten im Gottesdienst willen. Wer nur hören will, was er schon verstanden zu haben glaubt, hat nichts verstanden. Und wenn uns nur das gesagt wird, was wir uns selber sagen können, hören wir nicht mehr das Evangelium, sondern allenfalls - so der Theologe Peter Weigandt - einen "Evangeliumsverschnitt".

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für ­Systematische Theologie in Wien.

Ulrich H. Körtner

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