Schwacher Spielball?

Wie gesellschaftliche Megatrends bis 2030 die Gestalt der Kirche beeinflussen (könnten)
Baptistentaufe in Hamburg. Gehört den Freikirchen die Zukunft? Foto: epd/Stephan Wallocha
Baptistentaufe in Hamburg. Gehört den Freikirchen die Zukunft? Foto: epd/Stephan Wallocha
Um Kirchenleute anzuregen, über die Zukunft nach­zudenken und darüber, wie Kirche sie beeinflussen kann, hat der Schweizer Zukunftsforscher Andreas Walker, Co-Präsident von "swissfuture" und Landessynodaler in Basel, gemeinsam mit Kollegen vier Szenarien ­entworfen.

Megatrends sind langfristige Veränderungen, die über Jahrzehnte Einfluss nehmen können. Ein Megatrend beeinflusst unser gesellschaftliches Weltbild, unsere Werte und unser Denken. Er kann fundamental und grundlegend das Angebot und die Nachfrage einer Ware oder Dienstleistung beeinflussen. Meistens beeinflusst er die politische und wirtschaftliche Stellung ganzer Branchen, Organisationen und Länder. Megatrends beeinflussen aber auch unser Gottes- und Weltbild, Verständnis von Religion und Kirche.

Deshalb ist es wichtig, dass die Kirche sich aktiv mit Megatrends auseinandersetzt, beispielsweise mit: der fortschreitenden Säkularisierung in Gesellschaft, Politik und Schule; der Individualisierung unserer Lebensmuster und unseres Gottesverständnisses und dem damit zusammenhängenden Pluralismus unserer Werte; der rapide wachsenden Bedeutung von Medien und Internet für Information und Kommunikation und somit auch für Beziehungsformen und Mittel der Verkündigung; der Veränderung der Rollenbilder von Mann und Frau und der wachsende Bedeutung von Frauen in Politik und Wirtschaft; der kontinuierlich ansteigenden Langlebigkeit und der damit zusammenhängenden demografischen Schere zwischen Senioren und Junioren; der Globalisierung und den zunehmenden Kontakten mit aussereuropäischen Religionen.

Diese Megatrends unterscheiden den Glauben unserer Kinder von dem unserer Großeltern. Die Ansprüche an die Kirche, das Verständnis von Glaubensgemeinschaft und das Berufsbild der Pfarrpersonen verändert sich in Abhängigkeit von diesen Megatrends.

Denkspiel mit Szenarien

"Swissfuture", die Schweizerische Vereinigung für Zu­kunftsforschung, führte 2010/2011 eine Studie durch, wie sich unsere Werte bis ins Jahr 2030 wandeln und wie dieser Wertewandel die verschiedenen Lebensbereiche (in der Schweiz) beeinflussen könnten. Aufgrund dieser Analysen wurden vier Szenarien entwickelt, die nachfolgend zusammengefasst werden. Diese Skizzen sollen die Kirchen herauszufordern, sich dieser Thematik zu stellen: Wie könnten die Kirchen Mitteleuropas 2030 aussehen?

Dabei ist ein Szenario keine Prognose der wahrscheinlichsten und keine Vision der erwünschten Zukunft. Das Denkspiel mit Szenarien verschiedener möglicher Zukünfte soll vielmehr Entscheidungsträger und Betroffene herausfordern, ihre Zukunftsbilder zu formulieren. In der Debatte soll herausgearbeitet werden, was denkbar und was unvorstellbar ist.

1. Das Szenario "Ego" ist geprägt von Individualisierung, Mobilität, Globalisierung und Ökonomisierung. Aufgrund des allgemein wachsenden wirtschaftlichen Wohlstandes wird der Staat fortschreitend dereguliert und abgebaut: unternehmerische und individuelle Freiheiten prägen das Leben. Eine äußerst günstige Entwicklung der Weltwirtschaft ermöglicht einen Arbeitsmarkt, der genügend Chancen für alle bietet, so dass soziale Verwerfungen nicht zu Tage treten. Damit einher geht eine fortschreitende Globalisierung des Arbeitsmarktes. In diesem Szenario liegt viel Verantwortung bei den Individuen, die in einer ausdifferenzierten Gesellschaft nur noch lose Beziehungen zu traditionellen Gemeinschaften pflegen. Soziale Sicherungsnetze werden abgebaut, da dem Risiko des sozialen Abstiegs die Chance des Aufstiegs gegenüber steht.

Die zentralen Werte dieses Szenarios gruppieren sich um Performance, Karriere und Erfolg. Materialismus, Ökonomisierung, Rationalismus und Effizienzsteigerung prägen das Verständnis von Wirtschaft, aber auch die Beziehungen der Menschen. Viele lose Beziehungen in der Qualität von weak ties (schwache Bindungen) werden bei der Suche nach Karrieremöglichkeiten als wertvoller empfunden als die Verantwortlichkeiten und Pflichten der strong ties (starke Bindungen) einer familienorientierten Gesellschaft. Freiheit und Unabhängigkeit sind oberste Werte.

Nur noch profilierte Freikirchen

In einer Gesellschaft, die Selbstverantwortung und Partikularisierung fördert, werden auch die Sinnsuche und das Verständnis von Religion privatisiert. Kirche und Staat werden radikal getrennt, die Landeskirchen verschwinden und der Staat treibt keine Kirchensteuern mehr ein. Wie in den USA wird der christliche Glaube ausschliesslich durch Freikirchen getragen, die sich in einem Umfeld voller Mitbewerber bewegen. Einerseits haben die Kirchenaustritte aus den Landeskirchen massiv zugenommen, andererseits haben Kirchen deutlich an Profil gewonnen: Sie werden für ganz bestimmte Werte stehen - und das gibt ihnen in dieser hochindividualisierten Gesellschaft ein Potenzial für Identifikation. Kirchen werden nicht mehr durch die hohe Zahl an passiven Mitgliedern geprägt, sondern durch aktive Gläubige. Dabei werden Sinnsuche und das Verständnis von Transzendenz und Religion als Privatsache verstanden. In ihren politisierten Spielformen sind sie marginalisiert. Im Zuge globaler Mobilität und hoher Individualisierung werden aus unterschiedlichen Versatzstücken synkretistische Religionen gebastelt. Besonders Vertreter der älteren Generation, die materiell viel erreicht haben, suchen im Alter spirituelle Formen der Selbstverwirklichung, der Einsicht folgend, dass sich nicht alles kaufen lässt.

2. Angesichts des Wohlstandsverlustes stehen sich Einheimische und Ausländer, Junge und Alte, Reiche und Arme immer aggressiver gegenüber. Parallelgesellschaften entstehen, und gesellschaftliche Konflikte brechen auf. Der Mittelstand wird aufgerieben. Für eine wachsende Schicht waren die Verheißungen der Konsumgesellschaft unerreichbar - ja sie fühlen sich geradezu verhöhnt von den üppigen Schaufensterauslagen und omnipräsenten Werbebotschaften.

In diesem Szenario werden Werte primär negativ besetzt sein: Neid, Aggressivität, Ellbogenmentalität prägen das Zusammenleben. Sündenböcke werden gesucht und ausgegrenzt. Viele Menschen empfinden Ohnmacht und Angst, resignieren und ergeben sich dem Schicksal. Andere kritisieren und protestieren. Der Kampf um knappe Ressourcen führt zu allgemeiner Auflehnung, die Stimmung ist geprägt von Misstrauen und Illoyalität.

Zwischen den Parallelgesellschaften spielen religiöse Konfliktdeutung und Rhetorik eine große Rolle. Gesellschaftliche Konflikte werden mit religiösen Schablonen ge­deutet. Ob es um die Gewaltbereitschaft junger Migranten, Integrationsprobleme oder geopolitische Bedrohung geht: Religiöse Erklärungsversuche werden bemüht, und insbesondere wird der Gegensatz des Islam zur abendländisch-christlichen Kultur betont.

Ganzheitliche Ruhe

In diesem Szenario gibt es noch Landeskirchen, aber da ihre Mitgliederzahlen linear abgenommen haben, haben sie kein politisches Gewicht mehr und können die Werte der Gesellschaft nicht mehr prägen. Ein Großteil der Bevölkerung wird konfessionslos. Und die religiösen Enthusiasten wechseln zu den Freikirchen. Dort erfahren sie Sinngebung, Zugehörigkeit und Wärme als Kontrastfolie zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dabei begegnet ihnen die mediale und politische Öffentlichkeit mit großem Misstrauen. Getrieben durch die Parallelgesellschaft, politisieren und radikalisieren viele dieser Gruppen ihre religiösen Weltbilder. Und andere Kirchen beschreiten den Weg in die religiöse Weltflucht, sie interpretieren das Clash-Szenario als Zeichen der nahen Apokalypse. Islamische Gemeinschaften sind aufgrund der hohen Geburtenrate gewachsen und bilden eine starke Parallelgesellschaft, in der sie eigene Schulen betreiben und sich an der Scharia orientieren.

3. Im Balance-Szenario symbolisiert die Waage die Wertelandschaft. Firmen und Individuen haben gelernt, sich nicht zu Sklaven der Unterbrechung und Ruhelosigkeit zu machen. Staatliche Sozialversicherungswerke sind grundlegend reformiert worden. Lebensarbeitszeitmodelle ersetzen das fixe Rentenalter. Und die Aus- und Weiterbildung verteilt sich über eine ganze Arbeitsbiografie. Familie und Beruf sind so gestaltet, dass Frauen, die mittlerweile besser gebildet sind als die Männer, länger am Er­werbsprozess teilnehmen können. Balance-Werte korrespondieren auch am meisten mit einer nachhaltigen Entwicklung, die ökonomische, soziale und ökologische Aspekte ausgewogen berücksichtigt.

Balance und Deeskalation sind die zentralen Werte dieses Szenarios. Eine Work-Life-Balance ist möglich geworden. In ganzheitlicher Ruhe können neben wirtschaftlichem Wohlstand auch Freundschaften und Familie, Lebenskunst und Spiritualität gepflegt werden. Die verschiedenen Kulturen begegnen einander vorurteilsfrei, tolerant und konsensorientiert. Aufbrechende Konflikte werden öffentlich mit hoher Reife reflektiert. Dabei wird viel Zeit investiert, um durch Partizipation der verschiedenen Interessensgruppen partnerschaftliche Lösungen zu finden. In diesem gesellschaftlichen Klima blühen eine innovationsfreudige, verantwortungsvolle und nachhaltige Wirtschaft und Politik.

Schamanen, Hexen, Homöopathen

Die Kirchen engagieren sich aktiv im mikrosozialen Umfeld, was dort auch geschätzt wird. Das gesellschaftliche System ist darauf angelegt, Vielfalt nicht gleichzumachen, sondern sie partizipieren zu lassen - aber mit der Möglichkeit, kulturell anders zu bleiben. So sind auch Freikirchen, jüdische, islamische, hinduistische, buddhistische Religionsgemeinschaften als öffentlich-rechtlich anerkannt. Schamanen, Hexen, Homöopathen, brasilianische Macumba-An­hänger und so­gar eine Vereinigung von Atheisten haben An­träge auf offizielle Anerkennung als Religionsgemeinschaft eingereicht, um so ihre Finanzierung sichern zu können. Dies führt auf der normativen Ebene dazu, dass ständig darüber reflektiert werden muss, was Religion eigentlich ist und was nicht.

4. Im Szenario einer Gesellschaft, in der Sicherheit und Ordnungsliebe zuoberst stehen, gewinnt die Tendenz an Boden, möglichst alle Risiken moderner Gesellschaften durch Gesetze und Verordnungen präventiv zu minimieren. Seien es Übergewicht und falsche Ernährung, Jugendgewalt und Tabakkonsum, Internetmissbrauch und Luxusexzesse der Reichen: Für alles findet die Allianz aus Juristen, Experten und Technikern die richtigen präventiven und repressiven Mittel. Die Obrigkeit soll zum Wohle der Allgemeinheit darüber wachen und Auswüchse unterbinden. Die Verinnerlichung der Tugend der Prävention führt zu einem inneren Zensor, der als ein schlechtes Gewissen immer vor Augen hält, was alles schief gehen kann, wenn man sich nicht andauernd überwindet und extra bemüht. Bei einer ökonomisch ungünstigen Entwicklung, in der Wohlstandsverlust deutlich spürbar werden wird, wird der Ruf nach einem starken und regulierenden Staat laut, der die Krise zu Gunsten der eigenen Bevölkerung gestaltet. Das Misstrauen gegenüber Fremden nimmt zu, und aus Angst um das eigene Wohlergehen wird die internationale Solidarität drastisch abnehmen.

Im Zentrum das Wir-Gefühl

Im Zentrum dieses Szenarios steht das Ideal, dass Experten definieren können, was gut für die Gesellschaft ist, und dass durch Prävention Fehlentwicklungen frühzeitig erkannt und unterbunden werden. Das Wir-Gefühl steht im Zentrum, Gemeinschaftssinn und Kollektivismus verdrängen Individualismus und pluralistischen Hedonismus. Pflichtgefühl und Ordnungsliebe führen zu "Null Toleranz" gegenüber Andersartigen.

Kirchen und Religionsgemeinschaften spielen in diesem Szenario keine tragende Rolle mehr. Die Landeskirchen verlieren weiter Mitglieder, auch wenn die reformierten - dank der Traditionen von Zwingli und Calvin - den Anschluss an die gesellschaftliche Tendenz der Biopolitik ganz gut schaffen. BioControl ist letztlich eine Beherrschung der Triebe und eine Selbstdisziplinierung, was eigentlich nichts anderes ist als die säkulare Spielform eines calvinistischen Ideales.

Der aktuelle Wertewandel ist eine offene Entwicklung - er kann zu verschiedenen Zukünften führen. Werden die Kirchen als schwacher Spielball nur reagieren können? Oder werden sie als starke Player die gesellschaftliche Entwicklung Mitteleuropas mitprägen? Die Kirchen sind herausgefordert, ihre Zukunft aktiv zu gestalten und künftige Werte mitzugestalten. Rückwärts in die gute alte Zeit führt sicher kein Weg.

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Andreas Walker

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