Das Zweideutige

Liebe, eine endlose Geschichte
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Irgendwann entpuppt sich die Geschichte als veritabler Kriminalfall, in den die Ich-Erzählerin hineingezogen wird. Am Anfang bewundert die Verlagslektorin - sie ist es, in deren Haut der Autor geschlüpft ist - Werktag für Werktag beim Frühstück im Café ein Ehepaar, das sich in aufmerksam-gespannter Harmonie unterhält, also immer aufs Neue so, wie es gewöhnlich nur frisch Verliebte tun. Immer neu grundiert das den Tag der heimlichen Beobachterin positiv - bis ein scheinbar sinnloser Mord geschieht.

Die Lektorin muss erkennen, dass mehr dahinter steckt, dass der Mann, den sie liebt (allerdings ohne Hoffnung, die Beziehung möge von Dauer sein), mit der Sache zu tun hat, mehr, als sie es sich hätte albträumen lassen.

Um an diesen Punkt zu gelangen, muss der Leser viel Aufmerksamkeit in eine lange Vorlesung über Liebe und Vergänglichkeit investieren, die sich um die Frage gruppiert, was geschieht, wenn ein geliebter Mensch von unserer Seite gerissen wird, vorgetragen in Dialogen, Monologen, Selbstgesprächen, Gedanken und strukturiert durch wiederkehrende literarische Motive - das wichtigste liefert jener Oberst Charbert in der gleichnamigen Erzählung Balzacs, der, obwohl totgeglaubt, wieder auftaucht und damit seine längst wieder verheiratete Frau in Verlegenheit stürzt. Das ist keine Blaupause für das von der Lektorin Geschilderte, nur die Erinne-rung an eine lange Reihe literarischer Dekonstruktionen einer alten Sehnsucht, nämlich der danach, es möge die unsterbliche Liebe wirklich geben und einem selbst begegnen.

Ob Marías' Ich-Erzählerin wirklich aus dem Kopf des Schriftstellers heraus- und uns quasi-lebendig gegenüber tritt, dies zu entscheiden mag jedem, der sich in die Lektüre stürzt, selbst überlassen bleiben. Vielleicht aber hätte es dieser Reflexionsprosa besser angestanden, in der dritten Person vorgetragen zu werden, von einem nicht all- aber doch wissenden Erzähler.

Doch, wie gesagt: Wer sich weit genug vorarbeitet, gerät schließlich in den Sog, wissen zu wollen, wie alles zusammenhängt, schon ahnend, dass seinem Begehren nur unzureichend gewillfahrt werden wird: Am Ende bleibt das Ungeklärte, ja, das zutiefst Zweideutige, wie ein Symbol für jede Liebe. Auf dem Buchumschlag wird feuilletonistisches Marktgeschrei zitiert: Der beste Marías, den es gibt! Wer daraus schließt, dass dieser Roman kein schlechter Marías ist, wird nicht enttäuscht werden.

Javier Marías: Die sterblich Verliebten. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2012, 432 Seiten, Euro 19,99.

Helmut Kremers

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