Amüsant

Phantasien eines Römers
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Romliebhaber werden angeregt, ihren Blick zu schärfen. Und evangelische Theologen werden herausgefordert, sich mit Augustinus und Pelagius zu beschäftigen.

Amüsant, mitunter skurril, provokativ und lehrreich, unprätentiös und schwungvoll ist auch dieses Büchlein von Ferdinand Christian Delius. Der Schriftsteller wurde vor siebzig Jahren in Rom geboren. Sein Vater war kurze Zeit Pfarrer an der deutsch-evangelischen Christuskirche. Diese ist Schauplatz der vorliegenden Geschichte.

Ihr Erzähler ist ein in Rom lebender Deutscher, ein früherer Archäologe, der gelegentlich als Fremdenführer arbeitet. An einem Sonntagnachmittag betritt er die Kirche, weil deren Türen offenstehen. Er setzt sich in die letzte Reihe, schaut nach rechts - und erblickt auf der anderen Seite des Ganges Benedikt XVI. Der trägt - als das Buch entstand, war er noch Papst - nicht seine weiße Soutane, sondern wie ein Pfarrer einen schwarzen Anzug mit Kollarhemd.

Seine Hände wecken die Neugier des Erzählers und lösen viele Assoziationen aus, über die Stadt Rom, Katholiken und Protestanten, Italiener und Deutsche. Der Erzähler erinnert sich an die Frage seiner italienischen Frau, warum "Protestanten so leuchtende Augen" bekämen, wenn sie dem Papst "die Hand geben dürfen". Und er fragt sich, ob die päpstliche Rechte auch "zu einer Ohrfeige fähig" wäre. Diese hätte jedenfalls Silvio Berlusconi verdient gehabt, als er Muammar al-Gaddafi einlud und zuließ, dass der ausgerechnet in Rom Christentum und Kirche verhöhnte. Die Araberhengste, die der lybische Diktator als Gastgeschenk mitbrachte, erinnern den Erzähler an einen anderen Nordafrikaner, an Augustinus. Der habe dem römischen Kaiser achtzig Hengste geschenkt und so erreicht, dass dieser gegen den Papst die Erbsündenlehre durchgesetzt und Pelagius verdammt hat. "Die ganzen unnötigen Qualen der christlichen Menschheit mit der Sexualität sind dem Kirchenvater Augustinus zu verdanken", räsoniert der Erzähler.

Sicher, Augustins Vorstellung, die Erbsünde werde durch lustvollen Geschlechtsverkehr weitergegeben, hat sich verhängnisvoll ausgewirkt. Doch gibt das seinem Gegenspieler Pelagius automatisch Recht? Für ihn besaß der Mensch einen freien Willen, konnte zwischen Gut und Böse entscheiden, ja vollkommen sein. Verkörpert dieses Menschenbild, das den Mensch letztlich auf seine (Un-)Taten reduziert, "ein humanitäres Christentum", das der Erzähler Pelagius bescheinigt?

Immerhin lässt ihn Delius sagen (und meint dabei wohl auch sich), er wolle sich "nicht zum Scheinfachmann für Kirchengeschichte aufspielen" und bei der Kritik an der römischen Kirche "typisch Protestantisches, Rechthaberisches oder Triumphierendes" vermeiden. Kritik an der politischen Kultur Italiens bringt die italienische Frau des Erzählers vor. Sie dürfte die italienischen Freunde von Delius repräsentieren, der seinen zweiten Wohnsitz in Rom hat. Der Erzähler relativiert die Italienliebe seiner Landsleute. Und er erinnert an die Verbrechen, die Deutsche zwischen 1943 und 1945 im bel paese verübten und die hierzulande erst in den letzten Jahren zur Kenntnis genommen wurden.

Plötzlich liegt der Papst auf dem Boden der Christuskirche. Und dann ereignet sich eine historische Sensation. Mehr sei nicht verraten. Delius´ Buch ist - wie eingangs erwähnt - lesenswert (auch wenn man ruhig die billigere Taschenbuchausgabe abwarten sollte). Romliebhaber werden angeregt, ihren Blick zu schärfen und auf den Spuren des Erzählers die Ewige Stadt am Tieber zu durchstreifen.

Und evangelische Theologen werden herausgefordert, sich - erstmals oder wieder - mit Augustinus und Pelagius zu beschäftigen und mit ihrer Wirkungsgeschichte.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes. Rowohlt Verlag, Berlin 2013, 128 Seiten, Euro 16,95.

Jürgen Wandel

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