Innere Dürre

Eine Definition von Religion
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Hans-Martin Barths Buch ist ein wichtiger Beitrag, um die Kirche aus ihrer Selbstbezogenheit herauszuführen und dialogfähig zu machen.

Ein Drittel der Deutschen gehört keiner Religionsgemeinschaft an. Die meisten davon sind areligiöse Menschen, die sich selbst für Atheismus nicht interessieren. Dem vernachlässigten Dialog mit ihnen will Hans-Martin Barth auf die Sprünge helfen. Der emeritierte Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie der Universität Marburg tut dies in seinem neuen Buch.

Schon der Titel zeigt, dass der Protestant Barth ihm eine keineswegs selbstverständliche Definition von Religion zu Grunde legt. Für ihn ist der christliche Glaube - ähnlich wie für den Theologen Karl Barth - keine Religion. Die Begriffe "Religiosität" und "Spiritualität" verwendet er überwiegend pejorativ im Sinne von äußerlichen Riten und Sprachbildern, die es abzulegen gelte, da sie letztlich obsolet, ja gefährlich seien. Im Gefolge Dietrich Bonhoeffers begibt sich Hans-Martin Barth auf die Suche nach einem "religionslosen" oder - wie er es nennt "religionstranszendenten" Christentum: "Das Christentum präsentiert sich weithin in religiösen Formen - mit Gebet, Opfer, Gesang, Glocken und Orgelklang, Altar und Talar. Wenn der Mensch 'unheilbar religiös' ist, sollte insbesondere die evangelische Kirche die noch von der Reformation übernommenen katholischen Formen verstärken. Gehört die Religiosität aber nicht unbedingt zum Menschsein, müsste die Kirche dann diese religiösen Eierschalen nicht endlich abstreifen?"

In der ersten Hälfte seines Buches sucht Barth zu zeigen, dass der Mensch keineswegs von Natur aus religiös ist. Seine theologischen Argumentationen - etwa die gegenüber dem katholischen Theologen Karl Rahner - überzeugen dabei nicht immer. In Ergänzung dazu referiert Barth neuere Erkenntnisse der medizinischen Anthropologie, der Religions- und Evolutionsgeschichte sowie der Religionspsychologie und -soziologie. Sein Resümee: Die Religionsgeschichte gabele sich nun wohl in einen religiösen und einen areligiösen Teil der Menschheit.

Die zweite Hälfte des Buches widmet Hans-Martin Barth der Frage, wie Theologie und Kirche auf diese Lage reagieren sollten. Aus seiner Sicht bietet die Situation die Chance, den christlichen Glauben jenseits von Religiosität anderen plausibel zu machen. Die neue Leitfrage laute nicht mehr: "Wie kann ein Mensch oder eine Kultur christlich oder gar evangelisch werden?", sondern: "Wie wird Christus so verkündigt, dass er auch unter areligiösen Menschen Nachfolger findet?"

Versuche einer "religiösen" Erneuerung sind für Barth ein Holzweg. Das Christentum dürfe sich nicht ausschließlich an religiös geprägten Menschen orientieren, sondern müsse "mehrsprachig" werden. Er ruft die Christen - zuvorderst die Protestanten - dazu auf, die eigene religiöse Sprache und Gestik so zu entschlüsseln, dass sie Areligiöse, die am Evangelium interessiert sind, nicht abschreckt. Barth plädiert für multiple Zugehörigkeiten und eine gestufte Mitgliedschaft, was er anhand von Taufe und Abendmahl verdeutlicht. Sein Weckruf: "Es bedarf einer Inkulturation des Evangeliums in der westlichen Welt wie entsprechend in anderen Missionsgebieten der Erde. Kontextualisierung heißt das Gebot der Stunde."

Hans-Martin Barths Buch ist ein wichtiger Beitrag, um die Kirche aus ihrer Selbstbezogenheit herauszuführen und dialogfähig zu machen. Allerdings bleiben Fragen: Ist der empfohlene Weg nicht doch nur etwas von Intellektuellen für Intellektuelle? Zum anderen hat sich in Barths Übersetzungsversuchen des Credo und des Vaterunser die Bedeutung von "Auferstehung", "Christus" und "Gott" stark verdünnisiert. Die zentrale Frage bleibt: Wie vermeiden Protestanten, dass die Offenheit zur Welt eben nur noch Weltlichkeit ist? Müssten sie angesichts der vielen äußeren Aktivitäten bei gleichzeitiger innerer Dürre nicht erst einmal innehalten, die "Salzkraft" stärken lassen, die Balance zwischen Vita activa und Vita contemplativa wiedergewinnen? Denn über die Engführung "hier christlicher Glaube, da Spiritualität" sind Christen doch inzwischen hinaus.

Hans-Martin Barth: Konfessionslos glücklich. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2013, 272 Seiten, Euro 19,99.

Martin Rothe

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