Nährboden

Kirchen und NS-Ideologie
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Die völkische Bewegung verband im 19. Jahrhundert deutschnationale und antisemitische Ideen mit religiösen Überzeugungen. Dieser Sammelband geht der geistesgeschichtlichen Vorgeschichte des Nationalsozialismus sehr detailliert und aufschlussreich nach.

Evangelische und katholische Theologen haben während des "Dritten Reiches" versucht, das Christentum umzubiegen, um es mit der nationalsozialistischen Ideologie für vereinbar zu erklären (siehe auch Seiten 6 und 54). Ungeachtet der antikirchlichen Einstellung der Hitler-Partei und des NS-Kampfes gegen die Kirchen finden sich Gedankenkonstruktionen, die nicht nur im Nachhinein als geradezu absurd erscheinen; etwa die Behauptung, Jesus sei kein Jude gewesen, sondern von "arischer Rasse" und "arischem Blut", Christus habe eigentlich den Antisemitismus begründet, er sei der erste und entscheidende Antisemit der Geschichte. Man schreckte selbst vor Manipulationen der Bibel nicht zurück. Auch der Dekalog wurde erweitert: Das elfte Gebot: "Halte das Blut rein und die Ehe heilig!"; und das zwölfte: "Ehre Führer und Meister!" Gemeint war Adolf Hitler, in dem manche sogar den neuen oder wiedergekommenen Messias entdecken wollten.

Solche verquasten Vorstellungen hatten sich im Rahmen der völkischen Bewegung entwickelt, die im 19. Jahrhundert deutschnationale und antisemitische Ideen mit religiösen Überzeugungen verband. Und sie wurden zu einem Nährboden für den Nationalsozialismus. Dieser geistesgeschichtlichen Vorgeschichte und ihren Auswirkungen im NS-Regime geht sehr detailliert und aufschlussreich dieser Sammelband historischer und theologiegeschichtlicher Aufsätze nach. Er bietet ein zu Recht breit angelegtes Mosaik, da diese Zeitgeist-Strömung sich ausgesprochen vielgestaltig darstellt.

Sie war nicht nur ein Wegbereiter (neben anderen), wie der Untertitel "Eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte" offenbart, sie blieb eben auch in einer unfruchtbaren Spannung: Weder konnten sich die einzelnen Vertreter und Gruppen der völkisch-religiösen auf eine Gemeinsamkeit verständigen, die einen bemerkbaren Einfluss auf die nationalsozialistische Ideologie gehabt hätte, noch waren die führenden Nationalsozialisten an völkisch-religiösem Gedankengut interessiert, weil sie ihre eigene rassistische und antisemitische Weltanschauung den Deutschen totalitär verordnen wollten, ohne sie mit anderen zu teilen.

Der Nationalsozialismus habe, wenn er auch für seine Selbstdarstellung Anleihen bei den Liturgien der christlichen Kirchen machte, nicht den Anspruch erhoben, eine Religion zu sein - so lautet ein Fazit des Bandes -, denn Adolf Hitler habe schon in "Mein Kampf" klar gestellt, seine Aufgabe sei "nicht eine religiöse Reformation", sondern eine "politische Reorganisation des deutschen Volkes"; ein völkisch bestimmter Glaube und eine deutsche Nationalkirche waren also nicht in seinem Sinne, noch wurden sie von ihm angestrebt.

Der Band über die völkisch-religiöse Bewegung belegt zudem, dass auch die katholische und evangelische Kirche nicht frei von antisemitischen Einstellungen waren, die ihr teilweise angepasstes Verhalten gegenüber jüdischen Mitmenschen bestimmten, bis hin zur ausdrücklichen Absage an eine Kirchengemeinschaft mit getauften Juden. So verdienstvoll und für die Wortführer auch nicht ungefährlich etwa die theologische Auseinandersetzung mit Alfred Rosenberg und seinem "Mythus des 20. Jahrhunderts" war, anzulasten bleibt den Gegenschriften, dass sie die dezidiert antisemitischen Implikationen aussparten. Richtig ist, dass nur wenige Kirchenvertreter einen rassistischen Antisemitismus verfochten, andererseits darf aber die seinerzeit auch unter Christen verbreitete Einstellung mit dem Begriff "Antijudaismus" nicht verharmlost werden.

Uwe Puschner/Clemens Vollnhals (Hrsg.): Die völkisch-religiöse Bewegung im Nationalsozialismus. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, 592 Seiten, Euro 79,95.

Hajo Goertz

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