Wohin mit der Trauer?

Trauerbegleitung findet zunehmend außerhalb der Kirchen statt
In Trauerseminaren eines Bestattungshauses in Bergisch Gladbach verarbeiten die Teilnehmer ihren Schmerz gemeinsam. Foto: dpa / Oliver Berg
In Trauerseminaren eines Bestattungshauses in Bergisch Gladbach verarbeiten die Teilnehmer ihren Schmerz gemeinsam. Foto: dpa / Oliver Berg
Die Nachfrage nach Trauerbegleitung nimmt zu. In die Bresche springen zahlreiche Akteure - zumeist außerhalb der Kirchen. Verschenkt die Kirche ihren seelsorgerlichen Auftrag, wenn sie Trauerbegleitung anderen überlässt? Die evangelische Theologin Simone Ripke stellt sich der Frage und beschreibt auch die historischen Hintergründe der Trauerbegleitung.

Wenn ein Mensch stirbt, kommt der Bestatter. Das ist heutzutage eine ganz praktische Notwendigkeit. Ohne einen Bestatter geht es nicht. Früher gehörte der Pfarrer zu den ersten Personen, die im Todesfall verständigt wurden. Heute hängt es von der religiösen Haltung des Verstorbenen und der Hinterbliebenen ab, ob dieser überhaupt gerufen wird. Selbst wenn er gerufen wird, hat der Bestatter oftmals mehr Kontakt zu den Hinterbliebenen als der Pfarrer. Denn der kommt nur im Falle der kirchlichen Beisetzung zum Beerdigungsgespräch, zur Beerdigung und eventuell zu einem Nachtreffen mit den Angehörigen zusammen.

Um Begleitung beim Trauern zu bekommen, können diese wählen: zwischen professionellen, gut und weniger gut geschulten Trauerbegleitern, dem Bestatter, dem Pfarrer und anderen Trauerbegleitungsanbietern. Denn schon ein Blick in den Anzeigenteil der Tagespresse oder in das weltweite Netz zeigt, dass zahlreiche Einrichtungen unterschiedliche Formen der Trauerbegleitung anbieten: Trauerhelfer, -berater oder -therapeuten, Selbsthilfegruppen oder Ehrenamtliche bieten Trauerverarbeitung durch Klangtherapie, Gespräche oder sonstige Unterstützung an.

Zwei Dinge fallen auf: Zum einen gibt es offensichtlich eine starke Nachfrage von Trauernden nach Trauerbegleitung. Zum anderen sind die meisten Angebote außerhalb der Kirchen zu finden. Ist die Kirche dabei, den sich selbst aufgegebenen Seelsorgeauftrag zu verschenken?

Trauerbegleitung ist ein rechtlich nicht geschützter Begriff, für dessen Ausübung es weder allgemein anerkannte Ausbildungsmöglichkeiten noch standardisierte Qualitätskriterien gibt. Mit der undefinierten Tätigkeit "Trauerbegleiter" kann sich nahezu jeder betiteln. Es ist daher kaum verwunderlich, dass bezüglich Inhalt und Qualität von Trauerbegleitung eine große Vielfalt möglich ist. Das birgt auch Gefahren in sich: Wie gut kann ein Trauerbegleiter sein, wenn er sich nicht adäquat mit dem Themenkomplex Tod und Trauer beschäftigt und sich nicht ausreichend weiterbildet? Wann kann überhaupt die Rede von einem Trauerbegleiter sein? Werden in Zukunft vielleicht sogar Psychologen Trauertherapien anbieten wie bereits in den USA? Dort können Trauernde nach einer zweimonatigen Trauerzeit als Kranke angesehen und etwa mit Antidepressiva behandelt werden.

Werfen wir einen Blick zurück: Das Phänomen der Trauerbegleitung erschien erstmals Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Dass Menschen in ihrer Trauer um einen geliebten Menschen Unterstützung benötigen, ist eine Erkenntnis aus der Hospizarbeit. Die englische Ärztin Cicely Saunders fand in den Krankenhäusern, in denen sie arbeitete, menschenunwürdige Verfahrensweisen gegenüber Sterbenden vor. Saunders kann als Mutter der Hospizbewegung bezeichnet werden. Ende der Sechzigerjahre engagierte sie den britischen Psychiater Colin Murray Parkes in ihrem Hospiz. Er baute den ersten Trauerbegleitungsdienst auf, in dem er seine Mitarbeiter darin schulte, wie trauernde Angehörige zu begleiten sind. Das war die Geburtsstunde der Trauerbegleitung, der im Laufe der Zeit eine regelrechte, sehr unübersichtliche Trauerbegleitungswelle folgte. Eine erste Schneise in diese Grauzone schlug 2009 der Bundesverband Trauerbegleitung e.V. 34 lehrende Mitglieder bieten hier qualifizierte Fortbildung für diejenigen an, die beruflich, ehrenamtlich oder persönlich mit Sterbenden und Trauernden in Kontakt kommen. Der Verband will Qualitätsstandards erarbeiten, realisieren und veröffentlichen - freilich vor allem zur Sicherung der Arbeit seiner Mitglieder und ohne rechtliche Allgemeingültigkeit herzustellen.

Einen Beweis dafür, wie groß der Bedarf an Trauerbegleitung ist, liefert die Gelsenkirchener Einrichtung "Lavia - Institut für Familientrauerbegleitung" von Mechthild Schröter-Rupieper. Die staatlich geprüfte Erzieherin hatte den Tod eines der Kinder aus ihrem Kindergarten erlebt. Fortan setzte sie sich intensiver mit dem Thema "Tod und Trauer" auseinander und besuchte Weiterbildungen im Bereich der Verlust- und Trauerberatung, etwa bei "Verwaiste Eltern", bei dem Trauerinstitut Deutschland e.V. und bei der Bildungswerkstatt "Trauer Erschließen". Seit 2005 bietet Schröter-Rupieper in "Lavia" Trauerbegleitung für Familien, Kinder und Jugendliche an sowie Seminare für Seelsorger, Lehrer und Unternehmen. Die Einrichtung ist eine von wenigen selbstständigen, langjährig bestehenden Anlaufstellen in Deutschland für trauernde Menschen.

Unterstützung für Trauernde gibt es noch von einer ganz anderen Seite: Die Bestatter selbst kümmern sich nicht mehr nur um die Versorgung des Verstorbenen, sondern bieten neuerdings selbst Trauerbegleitung an. Der Hinterbliebene ist ins Zentrum ihrer Arbeit gerückt. Gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch das Beisetzen der Leiche zu den primären Aufgaben des Bestatters, so zeichnen sich heutige Unternehmensbilder dadurch aus, möglichst alle individuellen Wünsche der Kunden zu berücksichtigen, darunter verstärkt auch Trauerbegleitung: als kostenfreies oder endgeldpflichtiges Dienstleistungsangebot. Ein Vorreiter dieser Entwicklung ist das Bestattungsunternehmen Pütz-Roth in Bergisch-Gladbach. Im "Haus der menschlichen Begleitung" gehen das Bestattungshaus und die "Private Trauer Akademie Fritz Roth" Hand in Hand.

Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte offenbart einen Wandel: Vor den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts existierte Trauerbegleitung nicht in organisierter Form. Die eigene Familie, feste Nachbarschaften und die Kirche waren stärkende, sichernde Faktoren im Umgang mit Tod und Trauer. Diese fallen aber zunehmend weg. Mit dem würdevollen Begleiten Sterbender wurden mehr und mehr auch deren Angehörige als Trauernde und Begleitungsbedürftige angesehen. Trauerbegleitung entstand dort, wo sie gebraucht wurde. Auffallend ist, dass sich das Phänomen fast ausschließlich in nicht kirchlichen Bereichen entwickelte. Es ist wie auf einer Messe: Auf dem Marktplatz der Trauerbegleitungsmöglichkeiten ist die Kirche mit ihren Angeboten zum Konkurrenten neben vielen anderen geworden.

Auf dem Marktplatz

Aber kann sie damit wirklich zufrieden sein? Ist es nicht ihre ureigene Aufgabe, Trauernde zu begleiten und Trauerseelsorge zu leisten, nicht nur in den wenigen kirchlichen Seelsorgezentren und bei Beerdigungsgesprächen? Denn wie heißt es in Matthäus 4,5: "Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden." In der Emmausgeschichte, spendet Jesus selbst den beiden Jüngern, die um ihn trauern, Trost und Hoffnung. Das ist doch die frohe Botschaft schlechthin: Der Gekreuzigte, Gestorbene und Begrabene wurde zum auferstandenen Tröster. Der Tod ist überwunden.

Gegenwärtig gilt es aber, sich mit der Heilsbotschaft auf diesem Marktplatz überhaupt bemerkbar zu machen. Und eine passende Schau dieser zahllosen Möglichkeiten gibt es bereits seit 2010 in Deutschland: "Leben und Tod - Forum, Messe, Fachkongress". Auf einem Messegelände in Bremen können sich haupt- und ehrenamtlich Tätige sowie die breite Öffentlichkeit an Ständen, in offenen Vorträgen und Weiterbildungsangeboten über Pflege, Palliativ Care, Hospiz, Bestattung, Trauer und Trauerbegleitung informieren und austauschen. Die Messe kulminiert im Kleinen alles, was zum Thema Trauerbegleitung wichtig ist. Auch Vertreter der beiden großen Kirchen nehmen teil - mit eher geringem Personalaufgebot, bestehend ausschließlich aus Pfarrern der näheren Bremer Umgebung.

Die existierende Diskrepanz zwischen der übergeordneten Bedeutung des Themas Trauerseelsorge, wie sie sich aus der Heilsbotschaft ergibt und wie sie von den Kirchen wirklich empfunden wird, lässt dieses Bild nur zu deutlich erkennen.

Bundesweit existieren sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche nur sehr wenige offizielle Stellen, die ausschließlich Seelsorge für Trauernde anbieten. Mir sind lediglich zwei Stellen bekannt, die der katholischen Bistümer (seit 2007: Zentrum für katholische Trauerseelsorge St. Michael, Bistum Limburg) und die der Evangelischen Landeskirchen (seit 2003: Ev. Trauerseelsorge Weiterstadt, Landeskirche Hessen und Nassau). Beide sind mit ordiniertem Personal ausgestattet.

Es lässt sich also leider nicht sagen, dass die Kirchen der Trauerseelsorgearbeit einen hervorragenden Platz einräumen. Gewiss: Wo Trauerseelsorgearbeit stattfindet, geschieht dies zumeist sehr engagiert. Mittlerweile haben sich einige kirchliche Trauercafés und meist von Laien gestaltete Trauergruppen entwickelt, oft allein initiiert von Gemeindegliedern.

Es bleibt aber die Frage, warum die Kirchen es hinnehmen, dass der Trauernde nicht im Zentrum ihrer praktischen Arbeit steht? Berührt das Thema doch einen Wesenskern des Evangeliums. Dass allerorten kommerzielle Trauerbegleitung aufblüht - auch solche mit zweifelhaften Inhalten, sollte den Kirchen zu denken geben. Stattdessen stehen die Trauernden immer noch am Rande der pastoralen Tätigkeit. Der Praktische Theologe Jürgen Ziemer schreibt in seinem Buch Seelsorgelehre ausdrücklich, eine intensive Trauerbegleitung durch den Pfarrer über die Bestattung hinaus sei schlichtweg nicht durchführbar. Können sich aber Trauernde mit diesem Zustand wirklich abfinden? Können es die Kirchenoberen? Wird individuelle pastorale Trauerseelsorge zum Luxusgut, für das in barer Münze bezahlt werden muss, sofern man von den Gruppenangeboten der Gemeindeglieder keinen Gebrauch machen möchte? Bleibt es Laien und freien Trägern überlassen, diesem Mangel abzuhelfen?

Stehen die Amtskirchen nur noch hinter medial gut verkäuflichen, groß angelegten Sozialprojekten, während der Einzelne in seiner Not verkümmert?

Der Theologe Henning Luther begründet in seinem Aufsatz "'Grenze' als Thema und Problem der Praktischen Theologie" die Seelsorgearbeit mit Trauernden grundlegend theologisch und ebnet kirchlicher Trauerarbeit damit den Weg: "Die Mitte der Praktischen Theologie - das, worum es ihr in allem, was sie treibt, letztlich geht, - ist nichts anderes [...] als die Bearbeitung der Erfahrung der Grenze oder von Grenzen. Ihre Mitte ist also die Grenze." Die absolute Grenze offenbare sich im Erleben der eigenen Sterblichkeit und der des anderen, schließlich im Tod selbst. An dieser Grenze befänden sich die Trauernden, die neben den Sterbenden im Zentrum des Praktischen Theologen und des Pfarrers stehen sollten.

Obwohl die Kirche alles hat, was sie braucht, um gelingende Trauerseelsorge leisten zu können, obwohl sie die vielen Schätze aus Bibel und Seelsorgelehren, auch aus der praktischen Trauerarbeit einzelner aufzubieten hat, erhebt sie ihre Stimmt nicht.

Die Kirche könnte sogar eine eigene Messe in Konkurrenz zur "Leben und Tod" veranstalten. Die Frage, ob die Kirche gerade den sich selbst aufgegebenen Seelsorgeauftrag verschenkt oder ihn doch ernst nimmt, ist noch nicht beantwortet. Aber sie muss sich entscheiden, ob sie ihre Konkurrenten ernst nimmt. Tut sie es weiterhin nicht, dann ist der Weg zu einer Seelsorge außerhalb der Kirche geebnet.

Simone Ripke

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