Zwischen Teil- und Totalfusion

Zürichs Protestanten stimmen in diesem Jahr über eine Umgestaltung ihrer Kirche ab
Von links: Die Türme von Großmünster, Predigern, Fraumünster und St. Peter. Möglicherweise werden die vier Kirchen bald zu einer einzigen Gemeinde gehören. Foto: dpa / Keystone / Gaetan Bally
Von links: Die Türme von Großmünster, Predigern, Fraumünster und St. Peter. Möglicherweise werden die vier Kirchen bald zu einer einzigen Gemeinde gehören. Foto: dpa / Keystone / Gaetan Bally
Die evangelischen Kirchengemeinden in Zürich stehen vor ähnlichen Problemen wie die in deutschen Großstädten: Mitgliederzahlen und Finanzen gehen zurück. Wie in Deutschland wird über Gemeindefusionen gestritten. Aber während hier repräsentative Gremien über die Reformen entscheiden, hat dort das Kirchenvolk das letzte Wort. Über was es entscheiden muss, schildert Thomas Illi, Redakteur der schweizerischen Monatszeitschrift reformiert.

Im Jahr 2012 hatte Zürich 394.012 Einwohner. Und das waren rund 30.000 mehr als 1993. Die Zahl der Mitglieder der evangelisch-reformierten Kirche nahm im selben Zeitraum aber von rund 129.000 auf 94.152 ab. Und beinahe verdoppelt - von rund 97.000 auf über 180.000 - hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren die Zahl derer, die keiner christlichen Konfession angehören.

Diese Verschiebung hat nur zum Teil mit der Zuwanderung von Nichtchristen zu tun. In erster Linie hat eine Flut von Kirchenaustritten dafür gesorgt, dass sich die Reihen der Reformierten gelichtet hat. Rund 3000 Mitglieder beträgt der Nettoverlust pro Jahr in der Zürcher Landeskirche, die die Stadt und den Kanton umfasst.

Alpha und Beta

Kirchenmitglieder sind auch Steuerzahler. Und nicht selten stehen finanzielle Gründe im Vordergrund beim Entscheid, aus der Kirche auszutreten. Dieser Schritt ist juristischen Personen, also Firmen und Unternehmen, verwehrt, die im Kanton Zürich Kirchensteuern zahlen müssen. Eine kantonale Volksinitiative der liberalen "Jungfreisinnigen Partei", die in diesem Jahr zur Abstimmung an der Urne gelangt, fordert aber die Befreiung der Unternehmen von der Pflicht, Kirchensteuern entrichten zu müssen. Ein Wegfall dieser Steuern, die nur für nichtkultische Zwecke, diakonische Sozialarbeit und Kultur, verwendet werden dürfen, hätte gravierende Folgen für die Zürcher Kirchen, die reformierte und die römisch-katholische.

Die Leitungsgremien der reformierten Landeskirche machen sich schon seit längerem Gedanken, wie Strukturen der Realität angepasst werden können, die noch aus einer Zeit stammen, als die überwiegende Mehrheit der Zürcher reformiert war. "Kleiner, ärmer und älter", die 2010 in einer Studie präsentierte Erkenntnis des Religionssoziologen Jürg Stolz für die Zukunft der Kirchen in der Schweiz, soll im Kanton Zürich mit einer tiefgreifenden Strukturreform umgesetzt werden.

Am weitesten fortgeschritten ist das Vorhaben in der Stadt. Dort bestehen 33 autonome Kirchengemeinden. Zusammengehalten werden sie lediglich durch den "reformierten Stadtverband", ein loser Zweckverband nach zürcherischem Gemeinderecht, dem auch eine nichtstädtische Kirchengemeinde, die des Vororts Oberengstringen, als 34. Mitglied angehört. Ein 2009 gestartetes Reformprojekt ist so weit gediehen, dass in diesem Jahr zwei Modelle einer Volksabstimmung unterbreitet werden können.

Im Vordergrund steht das von allen vorberatenden Gremien favorisierte Modell "Alpha-Plus". Es will die im Stadtverband organisierten autonomen Kirchengemeinden zu einer einzigen, das gesamte Stadtgebiet umfassenden Kirchengemeinde zusammenfassen. Augenfälligster Vorteil: Nicht mehr jede einzelne Kirchengemeinde müsste einen Gemeinderat, in Zürich "Kirchenpflege" genannt, wählen. Vielmehr gäbe es lediglich noch eine einzige, gesamtstädtische Kirchenpflege. Die Suche nach geeigneten und willigen Persönlichkeiten für den Einsitz in Kirchenpflegen gestaltete sich nämlich in den vergangenen Jahren zunehmend schwieriger. Längst nicht mehr alle - in der Regel siebenköpfige - ehren- oder zumindest nebenamtlich besetzte Kirchenpflegen sind komplett. So werden derzeit zwei Kirchengemeinden durch Sachwalter geleitet, die der kantonale Kirchenrat eingesetzt hat.

Versammlung im Stadion

Eine gesamtstädtische Kirchenpflege würde etwa dreißig bis vierzig Mitglieder umfassen, und es wären in ihr alle ehemals selbstständigen Teilgemeinden vertreten. Sie ließe sich mit einem Gesamtkirchengemeinderat vergleichen, wie ihn manche deutsche Landeskirchen für größere Städte vorsehen.

Nebst der auf eine einzige Exekutivbehörde konzentrierte Kirchengemeindeleitung bildet im Modell "Alpha-Plus" das Stimmvolk an öffentlichen Kirchengemeindeversammlungen die Legislative. Ursprünglich sah das Modell - das damals bloß "Alpha" hieß - eine Stadtsynode, also ein Parlament mit gewählten Abgeordneten, vor. Diese Idee wurde fallengelassen, weil dafür eine Änderung des kantonalen Kirchengesetzes durch die politischen Instanzen des Kantons Zürich notwendig gewesen wäre, wie von Jean E. Bollier, dem Präsidenten der Reformkommission, zu erfahren ist. Zur Frage, ob basisdemokratische Kirchengemeindeversammlungen des gesamten reformierten Stimmvolkes - immerhin rund 60.000 Stimmberechtigte - in einer Großstadt wie Zürich überhaupt denkbar sind, meint Bollier pragmatisch: "Erfahrungsgemäß erscheint rund ein Prozent der Stimmberechtigten an Kirchengemeindeversammlungen. Und für eine Versammlung mit sechshundert Leuten gibt es in Zürich genügend große Kirchen." Denkbar wäre in besonderen Fällen auch eine Versammlung im Kongresshaus oder gar im Hallenstadion.

Nach den Vorstellungen der Reformarchitekten bliebe das kirchliche Leben in den Quartieren trotzdem lokal verankert. Es gäbe in den unselbstständigen Teil- oder Subgemeinden immer noch lokale Strukturen wie "Teilgemeinde-Vorstände" und "Teilgemeinde-Versammlungen". Diese wären zuständig für den lokalen Gemeindeaufbau und das Programm in den "Handlungsfeldern" der Landeskirche, nämlich Verkündigung und Gottesdienst, Diakonie und Seelsorge sowie Bildung und Spiritualität. Die Teilgemeinden hätten auch weiterhin gewisse eigene Kompetenzen und Aufgaben für Finanzen, Personal und Liegenschaften. Aber sie müssten nicht mehr alle Bereiche des kirchlichen Lebens abdecken, sondern könnten sich auf Schwerpunkte konzentrieren.

Die Bildung solcher "Profilgemeinschaften", Spezialkirchengemeinden mit Ausstrahlung weit über die geografischen Gemeindegrenzen hinaus, gibt es schon heute, wie die Kirchengemeinde Aussersihl. Sie nennt sich bereits offiziell "reformierte Citykirche offener St. Jakob". Aufsehen hatte sie erregt, als sie der vom Paradeplatz vertriebenen Occupy-Bewegung Zuflucht gewährte. Auch die "Street Church", ein Projekt im multikulturellen Bereich für Jugendliche und junge Erwachsene, und die Bahnhofkirche im Hauptbahnhof sind Profilkirchen ohne geografische Begrenzung. Und diese Entwicklung soll in der neuen Struktur stark gefördert werden.

Die Reformkommission schätzt laut ihrem Präsidenten Jean E. Bollier, dass eine einzige Kirchengemeinde Zürich jährlich rund 5,6 bis 9 Millionen Franken einsparen könnte. Selbstverständlich würden in den neuen Strukturen nicht mehr sämtliche bestehende Kirchen und Gemeindehäuser benötigt. Über mögliche Umnutzungen solcher kirchlichen Liegenschaften wird bereits eifrig diskutiert.

Mehr Profilgemeinden

Das zweite Modell "Beta", das den Stimmberechtigten vorgelegt wird und interessanterweise dasselbe Sparpotenzial hat, geht deutlich weniger weit. Auf gesamtstädtischer Ebene würden die heutigen Strukturen erhalten bleiben: der Stadtverband als Klammer und die "Zentralkirchenpflege" als parlamentsähnliche Delegiertenversammlung der autonomen Kirchengemeinden. Stadtverband und Zentralkirchenpflege würden zur Ausgabensteuerung größere Kompetenzen bei Finanzen, Personal und Liegenschaften erhalten. Autonome Kirchengemeinden würde es aber weiterhin geben, aber nur noch siebzehn statt der bisherigen 33 (34 mit Oberengstringen). Einige große Gemeinden blieben unverändert, und die übrigen müssten sich zu größeren Einheiten zusammenschließen. In der Altstadt würden die Gemeinden, deren Türme das Stadtbild prägen: Großmünster, Fraumünster, Predigern und St. Peter, gemeinsam eine Kirchengemeinde bilden.

Auch das Modell "Beta" sieht vor, dass sich Profilgemeinden herausbilden.

Die Abstimmung unter den Stadtzürcher Reformierten, stimmberechtigt sind in kirchlichen Fragen auch niedergelassene Ausländer und Jugendliche ab sechzehn Jahren, findet frühestens im Mai statt. Eine grundsätzliche Gegnerschaft gegen eine Strukturreform, die zum Scheitern beider Teilvorlagen führen könnte, ist nicht auszumachen. "Wer würde mit welchen Interessen Geld dafür investieren?", fragt Stadtverbandspräsident Rolf Walther rhetorisch. Bei einer für die Durchführung der Volksabstimmung nötigen Statutenänderung des Stadtverbands votierten nur gerade fünf Kirchengemeinden an ihren Kirchengemeindeversammlungen für ein grundsätzliches Nein.

Grundsätzlich gelingend

Klar ist aber, dass etliche Kirchenpflegen und ihre Wortführer das Modell "Beta", also Teilfusionen, einer Totalfusion nach Modell "Alpha-Plus" vorziehen. Zu ihnen gehört auch Jean E. Bollier, Präsident der Reformkommission und der kerngesunden Kirchengemeinde Höngg, die im Modell "Beta" selbstständig bleiben könnte.

Auf der anderen Seite geht das Modell "Alpha-Plus" jenen Kräften, die sich eine einzige Stadtzürcher Kirchengemeinde wünschen, nicht weit genug: Die im Modell enthaltenen Teil- und Subgemeinden seien in Kirchengesetz und Kirchenordnung gar nicht vorgesehen, findet selbst Stadtverbandspräsident Rolf Walther. Das Konstrukt sei "schwer zu steuern" und bedeute "eher noch mehr Verwaltung".

Als die Zentralkirchenpflege, die Delegiertenversammlung der Kirchengemeinden Zürichs, im September 2013 über Abstimmungsempfehlungen befand, errang das Modell "Alpha-Plus" nur eine hauchdünne Mehrheit von einer Stimme: 25 Abgeordnete stimmten dafür, 24 dagegen. 28 waren für "Beta", 21 dagegen. In der Stichfrage, welches Modell verwirklicht werden soll, falls beide Modelle vom Volk angenommen werden, lag das Verhältnis wieder bei 25 zu 24 zugunsten von "Alpha-Plus". Dieselben Fragen werden auch die Stimmberechtigten an der Urne beantworten müssen.

Alles deutet darauf hin, dass die Reform in der Stadt Zürich grundsätzlich gelingt, doch in welcher Form ist noch offen. 1921 gab es ein ähnliches Vorhaben. Aber es scheiterte am Widerstand einer einzigen Gemeinde.

Thomas Illi

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