Wahrheit im Plural

Stand der Theologie (III): Perspektiven der Systematischen Theologie im 21. Jahrhundert
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist – wie war das genau mit der Trinitätslehre? Manche komplexe theologische Fragen lassen sich besser im Bild lösen. Jörg Habedank: "dreifach gehalten". Bildzitat von Lucas Cranach d. Ä. Foto: Habedank/ VG Bild-Kunst, Bonn
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist – wie war das genau mit der Trinitätslehre? Manche komplexe theologische Fragen lassen sich besser im Bild lösen. Jörg Habedank: "dreifach gehalten". Bildzitat von Lucas Cranach d. Ä. Foto: Habedank/ VG Bild-Kunst, Bonn
Die bekannten Spielarten der Dogmatik zwischen Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus sind in den vergangenen Jahrzehnten durch neue Denkströmungen erweitert und bereichert worden. Christiane Tietz, Professorin für Systematische Theologie in Zürich und Herausgeberin von zeitzeichen, gibt einen Überblick und macht sich für die Öffentliche Theologie stark.

Systematische Theologie ist diejenige theologische Disziplin, die den christlichen Glauben vor der Gegenwart verantworten will. Deshalb ist es naheliegend, bei einer Darstellung der aktuellen Forschungsthemen der Systematischen Theologie das Augenmerk auf ihre Auseinandersetzung mit dem religiösen und weltanschaulichen Pluralismus unserer Gesellschaft zu legen. Wie wird angesichts desselben eine Verantwortung des christlichen Glaubens unternommen?

Zunächst ist die dogmatische Diskussion um eine Theologie der Religionen zu nennen. An die Stelle des traditionellen Dreierschemas von Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus ist in den letzten Jahren ein hochdifferenziertes Modellgefüge getreten.

Der Exklusivismus, der nur einer einzigen Religion, nämlich der eigenen, Wahrheit zuerkannte, und der Inklusivismus, der nur das an der anderen Religion als wahr zulassen konnte, was der Wahrheit der eigenen Religion entsprach, litten daran, dem Selbstverständnis eines Anhängers einer anderen Religion nicht gerecht zu werden. Dass der Andere existenziell davon überzeugt ist, in seiner Religion Wahrheit zu erfahren, und dass ihn der Vorschlag irritiert, sich als "anonymen Christen" zu verstehen, fand in diesen Ansätzen keinen Raum.

Der Pluralismus schien auf den ersten Blick hier offener zu sein, behauptete er doch, alle Religionen seien kulturell-kontextuell geprägte Interpretationen der einen transzendenten Wirklichkeit. Keine Religion könne diese umfassend und angemessen begreifen. Aber der Pluralismus ignorierte damit die Überzeugung der meisten religiösen Menschen, die eine transzendente Wirklichkeit in ihrer Religion zu erfassen. Gleichzeitig gab er sich der Illusion hin, sich selbst aus konkreten kulturellen Kontexten lösen und einen Ort über die positiven Religionen einnehmen zu können.

Unverfügbare Wahrheit

Die neueren Versuche tragen nun dem religiösen Wahrheitsbewusstsein des Anderen Rechnung, ohne dabei das eigene Wahrheitsbewusstsein aufzugeben. Beides wird vielmehr ausführlich reflektiert. Dazu stellen diese Ansätze zum Beispiel heraus, dass die Konstitution von Wahrheitsbewusstsein aus evangelischer Sicht unverfügbar ist, und sie gestehen diese Unverfügbarkeit auch dem anderen religiösen Wahrheitsbewusstsein zu (Wilfried Härle, Eilert Herms, Christoph Schwöbel).

Im Entwurf des "mutualen Inklusivismus" (Reinhold Bernhardt) wird für jedes religionstheologische Denken ein hermeneutischer Inklusivismus behauptet, insofern jeder nur von seiner eigenen Tradition aus die anderen Religionen verstehen kann. Weil die eigene Tradition aber gleichzeitig von ihrem göttlichen Grund, der der Grund alles Seins ist, zu unterscheiden ist, entsteht eine Offenheit für Begegnungsmöglichkeiten mit diesem göttlichen Grund auch außerhalb der eigenen religiösen Tradition.

Im "reflektierten Positionalismus" (Michael Hüttenhoff) wird betont, dass auf der Ebene der Lebensorientierung in der Regel inklusivistisch gedacht wird, zugleich aber auf einer zweiten Ebene die Kontextgebundenheit der eigenen Position distanzierend reflektiert werden kann.

Das Modell der Komparativen Theologie, das in Deutschland von dem katholischen Theologen Klaus von Stosch vor allem im Gespräch mit dem Islam aspekt-reich entwickelt wird, wurde evangelischerseits bisher nur zögerlich rezipiert. Die Stärke dieses Modells liegt darin, dass auf ein allgemeines Urteil über die Wahrheit anderer Religionen verzichtet wird. Nur in der konkreten, dialogischen Begegnung mit dem Anderen lasse sich über dessen Religion urteilen. Dieses Urteil könne auch nie die ganze andere Religion betreffen, sondern nur einzelne Elemente, über die man in einen Vergleich eintrete, der das Selbstverständnis des Anderen wie die eigene Überzeugung berücksichtige. Ein Relativieren des eigenen Wahrheitsbewusstseins sei nicht erforderlich. Wohl aber stelle sich in einem solchen Dialog, wenn er gelinge, sowohl ein Verstehen des Anderen wie auch ein neues Verständnis der eigenen Religion ein.

Dieser Orientierung am eigenen Wahrheitsbewusstsein unter Berücksichtigung des Wahrheitsbewusstseins des Anderen scheinen neue Entwürfe im Bereich der Eschatologie nicht zu entsprechen, weil sie auf den ersten Blick Andersglaubende vereinnahmen. Schon vor der Jahrhundertwende wurden mehrere Arbeiten vorlegt, die sich gegen einen eschatologischen Dual, also den doppelten Ausgang des Jüngsten Gerichtes wenden: weil Gottes Macht die Sünde endgültig entmachten werde (Christine Janowski) oder weil sich Allversöhnung als gedankliches Postulat aus der soteriologischen Ohnmacht des Menschen ergebe (Hartmut Rosenau). Ein Tabu ist damit offenbar gebrochen worden, sind doch viele systematisch-theologische Einzelbeiträge diesem Ansatz in den letzten Jahren gefolgt. Dabei soll Gott nicht etwas vorgeschrieben werden; aber es soll die Hoffnung auf den Gott, wie er sich in Jesus Christus in seinem universalen Heilswillen gezeigt hat, größer geschrieben werden als die Wirklichkeit der Sünde und des Unglaubens. Konsequenterweise kommen diese Modelle ohne eine starke Gerichtsvorstellung nicht aus. Nur durch ein Gericht hindurch ist Versöhnung aller möglich. Es dient nicht zur Scheidung der Menschen in zwei Gruppen, sondern zur Ausrichtung aller auf die Gemeinschaft mit Gott und miteinander. Im Gericht wird jedem Menschen vor Augen gestellt werden, was er Anderen an Bösem angetan und was er ihnen gegenüber an Gutem unterlassen hat. Diese Einsicht wird "schmerzhaft befreiend" sein (Gerhard Sauter). "Das jüngste Gericht ... legt die Traumata frei und führt mit den Opfern auch die Täter, gerade indem es ihre wohlverdiente Schande offenbart, der Heilung entgegen. Das jüngste Gericht ist das therapeutische Ereignis schlechthin." (Eberhard Jüngel).

Schaut man genauer hin, erkennt man: Anders als beim Inklusivismus geht es diesen eschatologischen Ansätzen nicht darum, Menschen, die anders glauben, einer ihrem gegenwärtigen Selbstverständnis widersprechenden Interpretation zu unterziehen. Die Blickrichtung ist eine andere: Es wird der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass das geglaubte Heil dereinst für alle als Heil glaubhaft werden wird. Verankert ist diese Hoffnung in der Gewissheit, dass das Heil, Gott selbst, Glauben weckt: Das allen Menschen dereinst begegnende Heil wird als freiheitliche Ermöglichung des Glaubens aller gedacht. Es ist eine Frucht dieser systematisch-theologischen Überlegungen, dass kirchlicherseits im Votum der UEK, der Union Evangelischer Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland, "Unsere Hoffnung auf das ewige Leben" (2006) ausdrücklich von der Lehre vom doppelten Ausgang des Jüngsten Gerichtes Abstand genommen wird.

Intensive Auseinandersetzung

Im Bereich der materialen theologischen Ethik sind in den letzten Jahren intensive Einzelauseinandersetzungen geführt worden, die auf neue gesellschaftliche und politische Diskussionslagen reagiert haben. Die Debatten im Deutschen Bundestag 2002 um die Forschung an embryonalen Stammzellen und 2011 um die begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik wurden durch engagierte, auch in zeitzeichen dokumentierte Positionierungen deutschsprachiger evangelischer Ethiker begleitet. Dabei reichten die Positionen von strikter Ablehnung der Forschung beziehungsweise Zulassung bis zu einer Öffnung der bisherigen Regelungen. Auch in die Diskussionen um Sterbebegleitung und assistierten Suizid mischt sich die theologische Ethik ein.

Auffällig an den konkreten materialethischen Stellungnahmen der wissenschaftlichen evangelischen Ethik ist, dass sie sich meist ausdrücklich gegen eine zu einheitliche Positionierung der evangelischen Kirche wenden. Wolfgang Huber hat gerade eben erst die Beobachtung notiert, in der evangelischen wissenschaftlichen Ethik treffe "schon der Versuch, eine eigene Position 'der' evangelischen Kirche zu formulieren, auf Vorbehalte" ("Zeitschrift für Evangelische Ethik" 59, 2015, 84). Huber würdigt diese Offenheit für Pluralität als Kennzeichen des Protestantismus, möchte sie aber nicht als Zielbestimmung stehen lassen; sie sei "zwar Ausgangsbedingung kirchlicher Positionsbestimmungen ..., aber nicht ... deren Ziel". Durch Abwägen, Prüfen, In-Beziehung-Setzen zu anderen christlichen Überzeugungen könne vielmehr versucht werden, eine Position zu finden, die dann zwar nicht mit letzter Autorität, aber doch als wohlbegründeter Beitrag der evangelischen Kirche in die öffentliche Debatte eingebracht werden könne.

Gemeinsamer Grund

Aus der unbedingt erforderlichen Pluralismusfähigkeit der evangelischen Kirche folgt nicht notwendig eine in sich selbst nicht nur plurale, sondern pluralistische evangelische Kirche (Härle). Die Pluralität der evangelischen Positionen muss vielmehr als Ausdruck des einen gemeinsamen Grundes - Gottes Selbsterschließung gegenüber Israel und in Jesus Christus - erkennbar werden, und in diesem gemeinsamen Bezug müssen sich die unterschiedlichen Positionen vermitteln lassen. Neuere ekklesiologische Entwürfe versuchen diesem doppelten Erfordernis in unterschiedlicher Weise und Gewichtung, aber stets unter Berücksichtigung der Wahrheitsfrage, Rechnung zu tragen (zum Beispiel Hans-Peter Großhans, Peter Haigis, Eva Harasta, Henning Theißen, Thomas Wabel).

Die Ausrichtung auf Gottes Selbsterschließung geschieht methodisch durch den Bezug der evangelischen Theologie auf Texte der Bibel. Die gerade entbrannte Debatte über die Kanonizität des Alten Testamentes (vergleiche Beitrag von Alexander Deeg, Seite 41) zeigt zuallererst, wie notwendig in der evangelischen Theologie eine ehrliche Diskussion über eine moderne, Normativitätsfragen berücksichtigende Schrifthermeneutik und ein angemessenes Verständnis des sola scriptura angesichts historisch-kritischer Forschung ist. In eine verheißungsvolle Richtung weisen hier rezeptionsästhetische Ansätze (zum Beispiel Ulrich H. J. Körtner), weil sie die besondere Perspektive des Lesers und hier besonders der Lesegemeinschaft der Kirche in den Blick nehmen. Die Kirche wird durch das Lesen dieser Texte konstituiert; ihre so - immer wieder neu an den Texten zu gewinnende - Identität ist zugleich ihre legitime Voraussetzung für ihr Lesen der Texte.

Angesichts der Verortung von Kirche und Theologie im gegenwärtigen Pluralismus könnte ein Forschungszweig der Theologischen Ethik in nächster Zeit auch im deutschsprachigen Raum wichtiger werden, der international bereits große Relevanz besitzt, die so genannte Öffentliche Theologie, die im deutschsprachigen Bereich vor allem von Heinrich Bedford-Strohm, Wolfgang Huber und Hans-Richard Reuter vertreten wird. 2007 wurde zur besseren Vernetzung dieser Denkrichtung ein "Global Network for Public Theology" gegründet.

Auch wenn erste Überlegungen zu einer Öffentlichen Theologie und Kirche bereits einige Jahrzehnte alt sind, ist das Thema in der deutschsprachigen Systematischen Theologie erneut auf den Plan gekommen durch einen Anstoß von außen: die Friedenspreisrede des Philosophen Jürgen Habermas im Jahre 2001, in der dieser angesichts des gegenwärtigen religiösen Pluralismus und der damit gegebenen Situation einer "postsäkularen Gesellschaft" Beiträge der Religionen zu gesellschaftlichen Fragen geradezu fordert; sie seien in übersetzter Gestalt zu bringen, das heißt in einer Sprache, die auch für den nichtreligiösen Menschen verstehbar ist.

Mannigfache systematisch-theologische Reaktionen darauf sind entstanden, die diskutieren, in welcher Sprache und mit welchen Argumenten Theologie und Kirche in der Öffentlichkeit präsent sein können.

Anliegen der Öffentlichen Theologie ist es, angesichts des gesellschaftlichen Pluralismus nicht die Flucht in eine kleine, aber feine kirchliche Kontrastgesellschaft anzutreten, sondern als Kirche und Theologie Themen von öffentlicher Relevanz zu bearbeiten und sich am Streit der Positionen in der Zivilgesellschaft zu beteiligen.

Denn Öffentliche Theologie ist davon überzeugt, dass sich aus dem Evangelium von Jesus Christus Orientierungen für die Gestaltung von Leben und Gesellschaft ergeben, die auf dem Weg vernünftiger Argumente nicht nur den Glaubenden selbst, sondern auch Anders- oder Nichtglaubenden prinzipiell plausibel gemacht werden können. Dass diese dann diesen Plausibilitäten zustimmen, kann und soll nicht erzwungen werden.

Aber Öffentliche Theologie will sich einbringen in eine auch und gerade im Pluralismus notwendige Auseinandersetzung um die Wahrheit, denn Pluralismus und Relativismus dürfen nicht in eins gesetzt werden, genauso wenig wie Wahrheitsanspruch und Intoleranz!

Stand der Theologie (II): Neues Testament
Stand der Theologie (I): Altes Testament

Christiane Tietz

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