Sind wir nicht alle ein bisschen Dorie?

Die Theologische Zoologie will das menschenzentrierte Weltbild überwinden
„Disney on Ice“: Eine Eiskunstläuferin verkleidet als Dorie. Foto: dpa/ Tobias Hase
„Disney on Ice“: Eine Eiskunstläuferin verkleidet als Dorie. Foto: dpa/ Tobias Hase
Einen Wechsel des Blickwinkels vom Tier, als einer vom Menschen abgetrennten „Sache“, hin zu einem mit dem Menschen verbundenen Mitgeschöpf, fordert der katholische Theologe und Biologe Rainer Hagencord. Er ist Gründer und Leiter des 2009 eröffneten Institutes fu?r Theologische Zoologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Mu?nster.

Seit Oktober begeistert der neue 3D-Animations-Kinofilm Findet Dorie das Publikum. Durchaus berührend erlebt der Zuschauer mit, wie sich ein an Amnesie (!) leidender weiblicher Paletten-Doktorfisch mit sehr menschlichen Zügen durch die Meere plappert - und wie sich diese Fisch-Dame Dorie vom ersten Erinnerungsfetzen ausgehend nach und nach wieder an ihre Familie erinnert und dadurch ihre eigene Geschichte und Heimat wieder findet (weshalb der englische Original-Titel Finding Dory auch noch treffender ist). Wie wir es von einem Film mit vermenschlichten Fisch-Hauptfiguren erwarten dürfen, schärft dieser auch den Blick für menschliche Hintergründe, vor allem dafür, was wir verlieren, wenn wir das Wesentliche des Lebens vergessen - und dafür, was wir gewinnen, wenn wir uns daran erinnern, wo wir herkommen.

Denn ähnlich wie die Hauptfigur Dorie lebt der Mensch in vielen Regionen dieses Planeten, was seine Mitgeschöpfe angeht, ja auch in einer Art Amnesie: Die selektive menschliche Wahrnehmung fokussiert im 21. Jahrhundert vor allem auf Ängste, Hoffnungen und Wünsche in Bezug auf die eigene menschliche Lebenswelt. In einer derart aufmerksamkeits-ökonomisch vorstrukturierten Gedankenwelt kommt von der Artenvielfalt der Schöpfung im menschlichen Bewusstsein nicht mehr viel an.

Das liegt auch an dem unendlichen digitalen sowie selektiven Datenstrom, der uns täglich umgibt. Dafür liefert der Film ein treffendes Beispiel: Während wir online ganz leicht jede Menge Bilder und Informationen über die virtuelle Paletten-Doktorfisch-Dame Dorie finden, gelangen Informationen und Fakten über das tatsächliche Leben und Schicksal des Paletten-Doktorfisch Parancanthurus hepatus kaum in die Öffentlichkeit und in unser Bewusstsein. Zum Beispiel die Tatsache, dass die ausgewachsen bis zu 30 Zentimeter großen Tiere in den haushaltsüblichen Mini-Aquarien absolut nicht artgerecht gehalten werden können. Oder dass für die im Handel erhältlichen Exemplare viele weitere Fische dieser Gattung sterben müssen. Denn in ihrer Heimat auf den Philippinen und Indonesien werden sie oft mit Blausäure betäubt, um sie zu fangen. Doch oft wird dabei das Cyanid falsch dosiert, was für etwa die Hälfte der bejagten Tiere den Tod bedeutet und zudem die Unterwasserwelt, etwa Korallenriffe, beeinträchtigt. Außerdem überlebt den Weg vom Meer ins heimische Aquarium im Schnitt nur eines von zehn Tieren. Tierschützer befürchten nun, dass wie schon beim Vorgängerfilm Findet Nemo die Nachfrage nach dieser Heimtierart ansteigt. Würden Kinder wirklich noch eine Dorie im Aquarium finden wollen, wenn sie mehr über die Fischart Paracanthurus hepatus wüssten?

Aber vor allem - was könnten wir finden, wenn wir uns ähnlich der Zeichentrickfigur Dorie wieder unserer biologischen und spirituellen Verwandtschaft mit den Tieren und der Natur bewusst würden? Wir würden nicht mehr so Vieles von dem übersehen, wie Gott sich ausdrückt. Wir würden bemerken, was unserer Seele fehlt - und woran das liegt.

Unsere Alltagswelt wird wesentlich von der Vorstellung bestimmt, dass die Welt allein für den Menschen geschaffen wurde und Tier und Natur lediglich eine schöne Kulisse darstellen. Diese Sichtweise benennt Papst Franziskus in seiner zweiten, 2015 veröffentlichten Enzyklika Laudato si deutlich als „fehlgeleiteten Anthropozentrismus“. Der daraus entstehende Relativismus sei eine wesentliche Ursache für die Zerstörung der biologischen Vielfalt, die Umweltverschmutzung oder den Klimawandel: „Wenn der Mensch sich selbst ins Zentrum stellt, gibt er am Ende seinen durch die Umstände bedingten Vorteilen absoluten Vorrang, und alles Übrige wird relativ.“

Sublime Gemeinschaft

Dem stellt Franziskus in Laudato si sehr deutlich seine Überzeugung entgegen, „dass sämtliche Geschöpfe des Universums, da sie von ein und demselben Vater erschaffen wurden, durch unsichtbare Bande verbunden sind und wir alle miteinander eine Art universale Familie bilden, eine sublime Gemeinschaft, die uns zu einem heiligen, liebevollen und demütigen Respekt bewegt“.

Ein falsches Verständnis der biblischen Worte „Macht Euch die Erde untertan“ könnte durchaus zu dieser Weltsicht beigetragen haben, räumt die Enzyklika ein. Demgegenüber sei es richtiger, den Menschen als „verantwortlichen Verwalter“ der Schöpfung zu verstehen. In Bibel und Christentum sieht Franziskus überhaupt keine Bestätigung für die derzeitige Vorstellung vom Menschen als Mittelpunkt der weltlichen Realität, in der dieser eine unumschränkte Macht ausübt. Der Mensch müsse als Ebenbild des Schöpfers - der auch Natur und Tiere erschaffen hat - Verantwortung für den Garten Eden übernehmen. Damit spricht der Papst aus, was auch zentrales Anliegen der Theologischen Zoologie ist.

Wir sind biologisch mit allen Tieren und Pflanzen verbunden. Franziskus erinnert daran, dass Gott uns so eng mit der Welt, die uns umgibt, verbunden habe, dass die Verwüstung der Böden „wie eine Krankheit für jeden Einzelnen“ sei und das Aussterben einer Tier- oder Pflanzenart „einer Verstümmelung“ gleichkomme. Die Tiere seien eher als Teil einer Art universalen Familie und nicht einfach nur als Objekte unserer Ethik zu verstehen, als Geschöpfe, durch die Gott zu uns spricht. Denn Gott ist der, der sich in allem, was da lebt, zeigt und uns seine ganze Wahrheit verkündet - und zwar durch jedes Geschöpf. Daraus folgt, dass wir durch jedes Geschöpf, das wir ausrotten, Gott eine Möglichkeit nehmen, sich auszudrücken.

Was bedeutet in diesem Kontext die Tatsache, dass jeden Tag etwa zehn Tier- und Pflanzenarten auf diesem Planeten ausgerottet werden? Laudato si spricht von der Natur als „Liebkosung Gottes“. Wenn wir diese nicht nur bewahren, sondern überhaupt wieder wahrnehmen wollen, werden wir uns an einiges „erinnern“ müssen - etwa daran, dass Tiere unsere Mitgeschöpfe sind. Das ist aber weniger ein Prozess des Verstandes als eine Sache des Herzens, und das erfordert für uns alle in der kirchlichen Praxis und im Alltag eine Änderung des Blickwinkels.

Jesus Christus fordert uns auf: „Verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung.“ Damit kann kaum gemeint sein, dass sich die Verkündigung auf Tiergottesdienste beschränkt, in denen der Mensch die anwesenden Tiere an der Verlesung des Evangeliums teilhaben lässt und segnet. Und das Einflechten von Tiergleichnissen in die Sonntagspredigten wird allein kein Umdenken gegenüber den Tieren bewirken.

Dafür ist es vielmehr nötig, die Tiere, und gerade auch den göttlichen Ausdruck in ihnen, im Rahmen einer lebendigen Spiritualität und innerhalb eines verantwortlichen christlichen Lebensstils wieder in den Blick zu nehmen und wertzuschätzen, dieses besonders auch in der kirchlichen Unterweisung. Es gilt, unsere Verwandtschaft zu den Tieren bewusst zu machen und die Beziehung zu ihnen wieder fühlen zu lernen. Dafür ist es sicher ein Anfang, nicht mehr gleichgültig wegzusehen, was Artensterben, Tierversuche oder in Megaställe eingepferchte „Nutztiere“ angeht. Darüber hinaus aber braucht der Mensch auch tiefe Erfahrungen im Erleben der Tierwelt. Hier sucht die Theologische Zoologie nach Ansätzen, wie dies sinnvoll und wohlüberlegt gerade auch in der religiösen Praxis gelingen kann.

Spirituelle Wanderungen

Der Förderverein des Institutes für Theologische Zoologie in Münster plant zusammen mit der Seelsorge im Nationalpark Eifel und Vogelsang für Jugendliche einen Raum zu schaffen, in dem sie sich einerseits mit geistlichen Texten verschiedener Religionen und Kulturen zur Natur auseinandersetzen und gleichzeitig ihre natürliche Umwelt ganz bewusst erleben können. Auch werden in Kürze zwei Esel das Institut für Theologische Zoologie (ITZ) in Münster bereichern, mit denen spirituelle Wanderungen angeboten werden sollen.

Auch die Musik ist eine Möglichkeit, um unsere Mitwelt, die Tiere und Pflanzen in ihrer ganzen Vielfalt, im kirchlichen Rahmen zu thematisieren und dabei auch das Artensterben und das Elend der heutigen „Nutztier“-Haltung buchstäblich vor Gott zu bringen.

Anlässlich des fünfjährigen Bestehens des itz hatte die Münsteraner Kirchenmusikerin und Komponistin Jutta Bitsch 2014 ein Schöpfungsoratorium komponiert. Inspiriert durch Gedanken der Theologischen Zoologie bestand die Grundidee darin, das Thema Schöpfung und ihre Bestimmung ganz bewusst aus den verschiedenen Perspektiven der vielfältigen Geschöpfe zu betrachten. Bitsch hat dafür Worte aus der Bibel, Poesie von Rainer Maria Rilke, Auszüge aus dem fragenden und zutiefst vertrauenden Gebet des Nikolaus von Kues (deutscher Philosoph, Theologe und Mathematiker des 15. Jahrhunderts) und den bewegenden Tagebuch-Aufzeichnungen des katholischen Theologen Fridolin Stier (Übersetzer des Neuen Testaments Anfang des 20. Jahrhunderts) sowie einige aktuell kommentierende Aphorismen des Autors musikalisch aufbereitet.

Das Oratorium beginnt mit einem breiten Lobgesang (nach Psalm 104) auf Gottes wunderbare Schöpfung und endet mit der in Jesaja 11 begründeten abschließenden Vision eines friedlichen Miteinanders aller Geschöpfe. Bewusst wird auch die (vom Menschen zu verantwortende) ökologische Katastrophe thematisiert, ebenso die Degradierung von buchstäblich allein in Deutschland Millionen von Schweinen, Puten, Kühen und Hühnern zu Rohlingen der Fleisch-, Eier- und Milchproduktion in der kostenoptimierten industriellen Tierhaltung.

Dafür werden in den Solopartien zahlreiche akut vom Aussterben bedrohte Tierarten der „Roten Liste“ benannt. In einer anderen Passage rufen im Publikum verteilte Sprecher - kontrastierend zum Gesang des Chores - Millionenzahlen von jährlich in Deutschland geschlachteten Nutztieren in den Raum oder stellen die Frage, was wäre, wenn die in Megaställen gehaltene Pute ein Geschöpf Gottes wäre. Hierauf folgt ein bewegendes Schweigen.

Lob der Schöpfung

Bei den Konzerten 2014 und 2015 hat sicherlich die herausragende Leistung der Musiker zu den stehenden Ovationen beigetragen. Besucher gestanden aber auch, dass sie zu Tränen gerührt waren. Die Presse berichtete ebenfalls sehr positiv und durchaus beeindruckt über die außerordentliche Resonanz. Offensichtlich ist es also gelungen, mit dieser Musik den Tieren als Repräsentanten einer immer noch unerschöpflichen Schöpfung nahezukommen und das vielstimmige Lob der Schöpfung in seiner ganzen Tiefe und Kraft zu begreifen.

Es braucht solche emotionalen Erlebnisse, um Abstand von einem Denken zu gewinnen, dass sich alles um mich dreht, was uns das biologische und spirituelle Verbundensein der gesamten Schöpfung vergessen lässt. Es braucht einen Wechsel des Blickwinkels vom Tier als einer vom Menschen abgetrennten Sache hin zu einem mit dem Menschen verbundenen Mitgeschöpf, das eine wichtige Botschaft über die Schöpfung vermittelt, in deren Gesamtheit sich Gott ausdrückt.

Dann können wir uns (wieder) als Mitgeschöpf ganz neu verstehen - und dass wir „alle miteinander eine Art universaler Familie“ sind (Franziskus) - und so ein Gefühl von Weite und Befreiung und damit auch eine neue Hoffnung entstehen lassen. Sich dessen wieder bewusst zu werden, ja, vor allem die Gottunmittelbarkeit in den Tieren wahrzunehmen ist das zentrale Anliegen der Theologischen Zoologie. Denn in dem Du des Mitgeschöpfs sehen wir eben auch den Gott, der uns - und die Tiere - geschaffen hat. Betrachten wir auf diese Weise einen Paletten-Doktorfisch, findet man dann vielleicht nicht gerade Dorie - aber mehr von unserer universalen Familie!

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Rainer Hagencord

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