Würfelt Gott?

Der Zufall der Quantenphysik und Gottes Handeln in der Welt
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Das Weltbild der Quantenphysik widerspricht nicht nur dem Alltagsverstand, sondern auch der klassischen Physik. Es gilt, Theorie und Interpretation sorgfältig auseinanderzuhalten. Die gewonnenen Einsichten sollten aber auch der Theologie zu denken geben, meint der Münsteraner Theologe Matthias Schleiff.

Für das, was die Welt „im Innersten zusammenhält“, ist in der Naturwissenschaft die Quantenphysik zuständig. Sie beschreibt die Dimensionen des Mikrokosmos: Atome und Teilchen, die noch kleiner sind: Elektronen, Quarks, Neutrinos und so weiter – das Wechselspiel der kleinsten Bausteine unserer Welt. Die Quantenphysik ist die vielleicht am besten durch Experimente gestützte Theorie in der Geschichte der Naturwissenschaften. Und doch passt sie offenbar überhaupt nicht zu jener klassischen Physik, die zuverlässig die Bewegung von Planeten, Pendeln und Ottomotoren regiert.

Ein Widerspruch, der offenkundig wird, wenn die Quantenwelt und die Welt unserer Erfahrung zusammenstoßen. Das berühmte (Gedanken-)Experiment von „Schrödingers Katze“ bringt diesen Widerspruch auf den Punkt: Man stelle sich vor, so der österreichische Physiker Erwin Schrödinger (1887–1961), man sperre eine Katze in eine Kiste, zusammen mit einer Apparatur aus einem Geigerzähler, einer Giftampulle und einer kleinen Menge einer radioaktiven Substanz. Diese Substanz ist so bemessen, dass innerhalb einer Stunde vielleicht eines ihrer Atome zerfällt, ebenso wahrscheinlich aber auch keines. Zerfällt tatsächlich ein Atom, registriert der Geigerzähler den Zerfall und setzt das Gift frei. Das Schicksal der Katze wäre damit besiegelt. Mit gleicher Wahrscheinlichkeit zerfällt in dieser Zeit kein Atom. Wenn der Experimentator die Kiste dann öffnet, fände er die Katze unversehrt vor.

Wie aber steht es um die Katze, bevor der Experimentator die Kiste öffnet? Hier beginnt die wundersame Welt der Quantenphysik. Die sogenannte „Wellenfunktion“, die bewährte Grundgleichung der Quantenphysik, sieht in diesem Moment „die lebende und die tote Katze zu gleichen Teilen gemischt“ (Schrödinger). Die Mathematik beschreibt beide Zustände als gleichberechtigte Wahrscheinlichkeiten. Viel hängt davon ab, wie man diese Aussage deutet – so wie überhaupt die Aussagen der Theorie sorgfältig von ihrer Interpretation zu trennen sind.

Am weitesten verbreitet ist nach wie vor die Kopenhagener Interpretation der Quantenphysik, die Mitte der Zwanzigerjahre von Niels Bohr und Werner Heisenberg entwickelt wurde. Sie macht zwei Hauptaussagen. Erstens: Der Wahrscheinlichkeitscharakter quantentheoretischer Aussagen ist nicht Ausdruck unseres unvollkommenen Wissens, sondern zeigt, dass quantenmechanische Vorgänge in einem echten Sinne indeterministisch, also: zufällig, sind. Zweitens formuliert sie ein neues Verständnis unserer Realität: Die Gegenstände der Quantentheorie haben danach „an sich“, das heißt jenseits von Experimentalanordnungen und Beobachtungen, keine „realen“ Eigenschaften. Was zwischen zwei Beobachtungen „tatsächlich“ passiert, lässt sich nicht beschreiben.

Beide Aussagen sind von enormer Tragweite. Die größere Aufmerksamkeit hat meistens die letztgenannte erfahren. Sie besagt: Im Falle quantenphysikalischer Ereignisse wissen wir nicht nur nicht, was passiert, sondern: Es gibt gar nichts, worüber man etwas wissen könnte, solange wir nicht die Probe aufs Exempel machen. Erst wenn Schrödinger in seine Kiste schaut, wäre die Katze demnach tatsächlich tot oder lebendig. Nicht wenige Interpreten der Quantentheorie verweisen vor diesem Hintergrund auf die herausgehobene Rolle von Geist und Bewusstsein bei der Konstruktion der Wirklichkeit. Realität, so ihre Vorstellung, werde erst im Moment der Beobachtung geschaffen. Als Interpretation der Quantenphysik geht diese Auffassung allerdings zu weit: Nicht die Beobachtung, sondern die Wechselwirkung des quantenphysikalischen Systems mit der Messanordnung und der Welt auf der Makroebene schafft die Realität unserer Erfahrung. Die Lektion der Quantenphysik, so etwa der Theologe und Physiker Ian G. Barbour, besteht daher „nicht darin, dass die Phänomene der Welt vom menschlichen Geist abhängen, sondern darin, dass sie voneinander abhängen und untereinander verflochten sind“.

Nicht minder revolutionär ist die andere Aussage, die die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik trifft. Sie stellt in Rede, dass sich in der Natur von echten Zufällen sprechen lässt. „Echt“, das heißt hier: Es geht um Ereignisse, deren Grund wir nicht nur nicht kennen – „epistemische“ Zufälle –, sondern die schlicht keinen zureichenden Grund haben: „ontische“ Zufälle. Wenn es ontische Zufälle im Naturablauf tatsächlich gibt, können auch Naturgesetze den Lauf der Welt nicht mehr mit Gewissheit voraussagen. Physikern hat diese Vorstellung oft den Schweiß auf die Stirn getrieben. Auch Albert Einstein war diese Rolle des Zufalls suspekt. Mit religiösem Unterton notierte er: „Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt.“

Würfelt Gott? Muss Gott wissen, wie die Würfel fallen? Der Zufall führt die Theologie zu einigen ihrer Grundfragen: Wie steht es um das göttliche Wirken in der Welt, seine Weltlenkung (gubernatio) und Vorsehung (providentia), wenn Zufall in der Welt regiert? Mit gutem Grund beharrt die Theologie darauf, dass es letztlich das göttliche Wirken ist, von dem der Lauf der Welt bestimmt ist. Auch dem scheinbar Unbedeutenden lässt Gott daher seine volle Fürsorge zuteilwerden, so „dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen“ (Heidelberger Katechismus). Es darf nicht der Zufall regieren, sondern Gott muss die Kontrolle besitzen, „wann ein Sperling stirbt, und wann des Menschengeschlechts Heiland geboren wird“ (Sören Kierkegaard). Wie steht es um unser Vertrauen, dass der Lauf der Welt in Gottes Hand liegt, wenn das Ergehen von Zufallsprozessen (mit-)bestimmt wird?

Wer die Antwort auf diese Fragen in Angriff nimmt, muss zunächst ein Missverständnis ausräumen, das schon in der Formulierung des Problems angelegt ist. Denn davon, dass bestimmte Ereignisse „vom Zufall bestimmt“ sind, kann letztlich allenfalls im übertragenen Sinne die Rede sein: Der Zufall ist ja kein Faktor unter anderen Faktoren, die den Ausgang eines Experiments bestimmen. Der Zufall verursacht nichts, sondern er ist Platzhalter für die Diagnose, dass es nichts gibt, was ein Ereignis verursacht. Der Zufall erklärt auch nichts. Eher bezeichnet er eine Grenze, an die das Verstehen der Welt an einer bestimmten Stelle stößt. Eine solche Diagnose mag aus Sicht der Naturwissenschaft statthaft sein. Sie bleibt aber eine Interpretation, die sich aus einem Zwischenstand unserer wissenschaftlichen Einsichten anbietet. Beweisbar ist sie als solche nicht. Unendliche Möglichkeiten versteckter Einflussgrößen müssten dafür ausgeschlossen werden.

Für manche Physiker und Theologen wie etwa Willard Pollard oder John Polkinghorne ist das der Spalt, bei dem Gott seinen Fuß in die Tür des Naturgeschehens setzt. Sie führen Gott als versteckte Einflussgröße im Naturgeschehen ein. Weil Naturgesetze den Ausgang eines quantenphysikalischen Ereignisses nicht vollständig bestimmen, wäre hier tatsächlich eine kausale Fuge für ein Eingreifen Gottes. Ohne dass ein Naturgesetz verletzt würde, könnte Gott ein quantenphysikalisches Geschehen in die eine oder andere Richtung lenken. Schrödingers Katze könnte er so ihr Leben retten.

Die theoretischen Unkosten des Konzepts sollten der Theologie freilich zu denken geben. Gott müsste sich in seinem Eingreifen an statistische Gesetze halten. Für jedes Atom, das Gott am Zerfallen hindert, müsste er Ersatz finden. Und überhaupt: Daran, dass zufällige Ereignisse in der Regel zugunsten von Katzen oder Menschen ausgegangen wären, lässt der Gang der Geschichte durchaus Zweifel aufkommen.

Das letzte Wort ist hier theologisch noch nicht gesprochen. Viel spricht aber dafür, den Zufall konzeptionell nicht aus dem Weltgeschehen zu verbannen, sondern ihn auch theologisch als eine Weise des göttlichen Wirkens in der Welt erkennbar zu machen. Schon Niels Bohr soll Einstein auf sein „Gott würfelt nicht“ in diesem Sinne erwidert haben, es könne „doch nicht unsere Aufgabe sein, Gott vorzuschreiben, wie er die Welt regieren soll“. Theologisch könnte es so weiterführen, die segensreiche, ja die kreative Wirkung des Zufalls zur Geltung zu bringen. Der Zufall bringt Neues in die Welt – etwas, das ganz und gar nicht berechenbar aus dem Bestehenden ableitbar ist. Erst mit dem Zufall ließe Gott die Schöpfung so wahrhaft an der „Würde der Ursächlichkeit“ (Thomas von Aquin) teilhaben, die sich etwa darin erweist, dass es in dieser Welt echte Kreativität, Poesie und Phantasie gibt. Es ist daher ganz und gar kein Zufall, dass es gerade die Kunst ist, die das eindrucksvollste Anschauungsmaterial dafür bereithält, welch schöpferischer Reichtum aus dem Zufall erwachsen kann: Von Mozart ist uns eine „Anleitung zum Componieren von Walzern vermittels zweier Würfel“ überliefert. Einige geschickt gewählte Rahmenbedingungen vorausgesetzt, lassen sich nach ihrer Anleitung mit einigen Würfelwürfen 759 499 667 166 482 Kompositionen bilden. Wer das Ergebnis hört, wird durchaus sagen können: Manches könnte Gott getrost dem Zufall überlassen.

Albert Einstein (1879–1955) trug zur Entwicklung der Quantenphysik Wesentliches bei. Dass Gott würfelt, konnte er trotzdem nicht glauben.

Matthias Schleiff

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