Eine Bibel für den Nachwuchs

Die neue BasisBibel verbindet Verständlichkeit mit Treue zum Ausgangstext
17 Jahre lang haben über vierzig Übersetzerinnen und Übersetzer an der BasisBibel gearbeitet.
Foto: Deutsche Bibelgesellschaft
17 Jahre lang haben über vierzig Übersetzerinnen und Übersetzer an der BasisBibel gearbeitet.

Die neue BasisBibel will „als gut lesbare Bibelübersetzung insbesondere zur Erstbegegnung mit der Bibel und im Bereich der Arbeit mit Kindern, Konfirmanden und Jugendlichen“ dienen. Das gelingt, meint die Hamburger Neutestamentlerin Silke Petersen, auch wenn im Bereich der Randerläuterungen sowie bei Fragen der Geschlechterdifferenz noch Verbesserungsbedarf besteht.

„Die Bibel lesen wie einen Roman“, „So geschrieben, dass du und ich es verstehen“ – diese Slogans finden sich auf dem Papierumschlag der neu erschienen BasisBibel (BB), die die Deutsche Bibelgesellschaft vor kurzem herausgegeben hat. Und sie beschreiben deren Zielsetzungen kurz und prägnant. Auf der Rückseite dieses Umschlags heißt es etwas ausführlicher: „Die Bibel für das 21. Jahrhundert: einfach zu lesen und gut zu verstehen. Die Basis- Bibel ist die aktuellste und verständlichste deutsche Bibelübersetzung. Sie verbindet Treue zum Ausgangstext mit einer besonders leicht zugänglichen Sprachgestalt.“ Auch die weiteren Beigaben und Erläuterungen verstärken den Eindruck, dass hier die Lesbarkeitsschwelle biblischer Texte für all jene gesenkt werden soll, denen die Bibel unvertraut und unbekannt ist.

Da die Zahl dieser Menschen zweifellos steigt, ist das Unternehmen schon vor dem ersten Lesen eindeutig begrüßenswert. Wie aber stellt es sich bei näherem Ansehen dar? Wird das Versprochene eingehalten? Und wie stellt sich die Balance von „Treue zum Ausgangstext“ mit der „besonders leicht zugänglichen Sprachgestalt“ im Einzelfall dar? Handelt es sich hier doch um ein dorniges Problem jeder Übersetzung, da Vereinfachung immer auch Verlust bedeutet.

Auffallend ist zunächst ein sehr übersichtlich gestaltetes Inhaltsverzeichnis. Es folgt zu jedem biblischen Buch eine Kurzbeschreibung, so etwa zu Rut: „Die Lebensgeschichte einer mutigen jungen Frau mit echtem Happy End! Zum Verlieben.“ Weniger anregend bei Markus: „Eine Kurzfassung dessen, was man über das Leben von Jesus wissen sollte“, und etwas idealistisch bei der Apostelgeschichte: „Die Fortsetzung des Evangeliums nach Lukas. Jesus ist im Himmel. Der heilige Geist kommt zu den Menschen, die an Jesus Christus glauben – und die starten mit seiner Hilfe durch.“ Bei allen Büchern gibt es zusätzlich eine Sternchenangabe zum jeweiligen Schwierigkeitsgrad des Lesens. Den maximalen Schwierigkeitsgrad, markiert mit vier Sternchen, erreichen: Levitikus, Numeri, Ezechiel, Nahum, Habakuk, Sacharja, Maleachi – aus dem Neuen Testament nur 2. Petrus, etwas überraschend erhält Hebräer nur drei Sternchen. Es folgen Lesevorschläge unter dem Titel „Entdeckungen in der Bibel machen“, jeweils in Zehnergruppen geordnet: „10 Tipps, wie man gut leben kann“; „Die 10 schönsten Gebete“ – auf Platz eins das Vaterunser, gefolgt von Psalm 23; „Die 10 verrücktesten Geschichten der Bibel“; „Die 10 wichtigsten Personen der Bibel“, darunter zwei Frauen, Rut und die Mutter Maria; „Die 10 bekanntesten Texte der Bibel“ – auf Platz eins die Weihnachtsgeschichte; „10 Themen zum Nachdenken“. Im Anschluss gibt es zwei Lektürelisten: „Kurztrip in die Bibel in 2 Wochen“ sowie „Entdeckungsreise ins Alte und Neue Testament in 2 Monaten“.

In Kontrast zu diesen doch relativ weitreichenden Zugangserleichterungen überrascht es etwas, dass Einleitungen vor den jeweiligen Texten komplett abwesend sind. Somit haben die Lesenden keine Chance, etwa zu erfahren, dass viele Briefe unter dem Namen des Paulus tatsächlich nicht von Paulus verfasst sind, was besonders im Hinblick auf die Pastoralbriefe doch eine entscheidende Information für das Textverständnis wäre.

„Die Gute Nachricht nach Markus“ ist die Überschrift zum Markusevangelium, und auch im Text ist „Evangelium“, für griechisch euaggelion, konsequent so wiedergegeben. Der Genitiv des Wortes „Jesus“ heißt durchgehend „von Jesus“ statt des hochsprachlich und theologisch üblichen Genitivs „Jesu“, sodass die Zweitüberschrift bei Markus lautet: „Der Beginn des Wirkens von Jesus“, gefolgt von einer dritten Überschrift „Der Anfang der Guten Nachricht“. Wie auch sonst in Bibelübersetzungen gibt es keine Hinweise darauf, dass es sich bei den Kapitelüberschriften um moderne Erfindungen handelt, die in den hebräischen und griechischen Ausgangstexten komplett fehlen, aber dennoch das neuzeitliche Textverständnis wesentlich prägen.

Sprachliche Modernisierungen lassen sich durchgehend finden, so etwa in Genesis 1,3: „Es soll Licht werden! Und es wurde Licht“, wo die Lutherfassung in ihrem altmodischeren Duktus auch in der letzten Revision von 2017 schreibt: „Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Ebenfalls in Alltagssprache heißt die Anrede Elisabets an Maria: „Gesegnet bist du unter allen Frauen und gesegnet ist das Kind in deinem Bauch“ (Lukas 1,42), gegen die traditionelle Formulierung von der „Frucht deines Leibes“. Solche Änderungen sind sehr überwiegend nachvollziehbar, geraten allerdings an ihre Grenzen, wo der Ausgangstext mit Wortspielen und Doppeldeutigkeiten arbeitet.

Ein schönes Beispiel für einen wirklich diffizil zu übersetzenden Text stammt aus dem Dialog Jesu mit Nikodemus aus Johannes 3,3–6:

BasisBibel

Was von Menschen geboren wird, ist ein Menschenkind. Was vom Geist geboren wird, ist ein Kind des Geistes. Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe: ‚Ihr müsst von oben her neu geboren werden.‘ Auch beim Wind ist es so: Er weht, wo er will. Du hörst sein Rauschen. Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird.

Lutherbibel 2017

Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

 

Alle Übersetzungen haben hier das Problem der doppeldeutigen griechischen Begriffe pneuma, „Geist“ oder „Wind“ und anothen, „von oben“ oder „wieder/erneut“, die sich letztlich nur mithilfe einer Anmerkung lösen lassen. In der BasisBibel bleibt wie bei Luther das Wortspiel mit „Geist“ und „Wind“ unsichtbar, im anderen Falle ist durch „von oben her neu“ beides genannt – wodurch sich allerdings der auf Missverständnissen basierende Dialog zwischen Jesus und Nikodemus nicht mehr erschließt.

Interessant ist die Entscheidung, das griechische sarx nicht wie sonst meist mit dem altmodischen und nicht mehr in diesem Sinne gebräuchlichen deutschen „Fleisch“ wiederzugeben, sondern mit auf „Mensch“ bezogenen Vokabeln. Dies weckt Neugier auf den Johannesprolog, wo ja dieselbe Vokabel für Jesu „Fleischwerdung“ verwendet wird. Die BasisBibel übersetzt Johannes 1,1.14:

„Von Anfang an gab es den, der das Wort Gottes ist. / Er, das Wort, gehörte zu Gott. Und er, das Wort, war Gott in allem gleich. (...) / Er, das Wort, wurde ein Mensch. Er lebte bei uns und wir sahen seine Herrlichkeit. / Es war die Herrlichkeit, die ihm der Vater gegeben hat – ihm, seinen einzigen Sohn. Er war ganz erfüllt von Gottes Gnade und Wahrheit.“

Vermännlichte Sprache

Hier lässt sich doch feststellen, dass Offenheit und poetischer Charakter des Textes gelitten haben. Und noch etwas anderes fällt auf: Die Sprache vermännlicht den Text. In Johannes 1,14 braucht die Übersetzung der BasisBibel sechs männliche Personalpronomen und einen Sohn – ganz im Gegensatz zum Griechischen, das keinen Sohn nennt und mit einem maskulinen Personalpronomen auskommt. Dies mag als Anregung dienen, sich den Umgang mit sexueller Sprache und der Geschlechterdifferenz näher anzusehen.

Sprache, die sich auf Sexuelles bezieht, liest sich in der BasisBibel wesentlich expliziter als sonst üblich:

Genesis 4,1 BasisBibel

Adam schlief mit seiner Frau Eva. Sie wurde schwanger und brachte Kain zur Welt.

Lutherbibel 2017

Und Adam erkannte seine Frau Eva und sie ward schwanger und gebar den Kain.

1.Korinther 7,1–3 BasisBibel

Nun aber zu dem, was ihr geschrieben habt: „Es ist gut für einen Mann, keinen Geschlechtsverkehr mit einer Frau zu haben.“ Aber dann besteht die Gefahr, in eine verbotene sexuelle Beziehung zu geraten. Deshalb soll jeder Mann seine Ehefrau haben und jede Frau ihren Ehemann. Der Mann soll seine Frau nicht vernachlässigen und die Frau soll ihren Mann nicht zurückweisen.

Einheitsübersetzung 2016

Nun zu dem aber, was ihr geschrieben habt: Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben. Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann.

 

Nachvollziehbar sind die Verdeutlichungen konventioneller Formulierungen wie „erkannte“, „berühren“ und „Unzucht“. Die „verbotene sexuelle Beziehung“ lässt zudem die Ahnung aufkommen, dass eine solche Restriktion auf kulturell je unterschiedliche Normen rekurriert. Erstaunlich ist demgegenüber die Umschreibung in 1.Korinther 7,3: Während das Griechische vollkommen egalitär formuliert, zutreffend wiedergegeben in der Einheitsübersetzung, trägt die BasisBibel eine Asymmetrie in den Text ein: Männer „vernachlässigen“ ihre Frauen, während Frauen Männer „zurückweisen“. Dies scheint weder für einen antiken Text adäquat noch für Geschlechterbeziehungen im 21. Jahrhundert.

Auch ein Blick in die Schöpfungsgeschichte mit ihrem (erzählten) Beginn der geschlechtlichen Differenzierung ruft gemischte Gefühle hervor. So heißt es in der BasisBibel Genesis 1,27: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Als Gottes Ebenbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie“. Der Text der Hebräischen Bibel hat hier – ebenso wie die Septuaginta, die antike griechische Übersetzung – keine Substantive, sondern Adjektive: „männlich und weiblich“, die auch für dasselbe Phänomen im Tierreich verwendet werden. Es wird also kein Urehepaar geschaffen, sondern die geschlechtliche Differenzierung in allen ihren Facetten. Ein problematisches Textverständnis offenbart sich auch bei Genesis 3,21f, der Erschaffung Evas „aus der Rippe“ – so die Übersetzung. Die Randbemerkung konstatiert dazu: „Wörtlich ‚seine Seite‘. Mit diesen Worten wird die einzigartige Zusammengehörigkeit und ursprüngliche Verbundenheit von Mann und Frau zum Ausdruck gebracht“. Wenn „Treue zum Ausgangstext“ angestrebt wird, warum ist dann die „Seite“ in die Randerklärung verbannt?

Im Neuen Testament sieht es zunächst erfreulicher aus. Mit der Diakonin Phöbe und der Apostolin Junia (Römer 16,1.7) sind anders als in vielen, besonders älteren Übersetzungen Frauen mit Amtstitel anwesend, und die Briefanreden nennen durchgehend nicht nur „Brüder“, sondern auch „Schwestern“. Allerdings wird dies in Erzähltexten überwiegend nicht konsequent umgesetzt. So kommen in Markus 3,31 seine „Brüder“ zu Jesus, die sich dann überraschenderweise im nächsten Vers in „Brüder“ und „Schwestern“ verwandeln. Dies hängt damit zusammen, dass der griechische Plural maskulinum adelphoi sowohl für rein männliche wie auch für gemischte Gruppen verwendet werden kann und die Entscheidung je nach Kontext zu treffen ist. Aus Gründen der Logik sollte also in Markus 3,31 von „Geschwistern“ die Rede sein, da die Schwestern nach Markus 3,32 explizit anwesend sind. Ähnlich eigenartig liest sich auch Johannes 20,17f, wo Maria aus Magdala zunächst aufgefordert wird, zu den „Brüdern und Schwestern“ zu gehen, um die Auferstehung zu verkündigen, dann aber bei den „Jüngern“ ankommt. Beides sind im Griechischen Formen des Plural Maskulinum, und wenn es in der Randerklärung zu „Bruder, Schwester“ heißt: „Wörtlich: ‚Bruder‘. Das griechische Wort bezeichnet männliche und weibliche Mitglieder der Gemeinde“, wird die Verwirrung eher noch verstärkt. Bei zwei möglichen Bedeutungen von adelphoi eine als wörtlich zu deklarieren, um im nächsten Satz inhaltlich das Gegenteil zu konstatieren, zeugt davon, dass dieses Thema wohl noch nicht zu Ende gedacht ist.

Die Kanonauswahl entspricht der lutherischen Tradition, die Anordnung der Schriften weicht leicht davon ab: Übersetzt sind die Schriften der Hebräischen Bibel in der konventionellen christlichen Anordnung – endend mit Maleachi und ohne die Apokryphen, die Teil katholischer Bibelübersetzungen wie etwa der Einheitsübersetzung sind. Im Neuen Testament sind die Briefe wie in der üblichen griechischen Textausgabe (Nestle-Aland) oder auch der Einheitsübersetzung angeordnet, also anders als bei Luther, der unter anderem den Jakobusbrief aus persönlicher Abneigung nach hinten verschob.Sekundäre Texte wie Markus 16,9–20 (der sekundäre Markusschluss) oder Johannes 7,53–8,11 (die Ehebrecherin) sind mit eckigen Klammern und einer warnenden Randbemerkung versehen. Eckige Klammern mit Punkten dazwischen markieren auch am Ende des Vaterunsers eine Stelle, wo möglicherweise vielen beim Lesen etwas fehlt. Die Randbemerkung dazu lautet: „Einige spätere Handschriften fügen hinzu: ‚Denn du bist der Herrscher. Dir gehört die Macht und die Herrlichkeit – in Ewigkeit. Amen‘ Mit dieser Ergänzung wird das Vaterunser heute gebetet.“ Als primär lutherisch geprägt erweist sich die Übersetzung Römer 3,o. ä.:

BasisBibel

Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch allein aufgrund des Glaubens als gerecht gilt – unabhängig davon, ob er das Gesetz befolgt.

Lutherbibel 2017

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Zürcher 2007

Denn wir halten fest: Gerecht wird ein Mensch durch den Glauben, unabhängig von den Taten, die das Gesetz fordert.

 

Das lutherische „allein“ ist in der Basis-Bibel bewahrt – auch wenn das von Luther Gemeinte nach heutigem Sprachgebrauch zutreffender mit „nur durch den Glauben“ wiedergegeben wäre. Die evangelische Grundausrichtung des Projekts geht ebenfalls aus der Liste der „Unterstützer und Partner“ am Ende sowie einer Empfehlung der EKD hervor, die die BasisBibel „als gut lesbare Bibelübersetzung insbesondere zur Erstbegegnung mit der Bibel und im Bereich der Arbeit mit Kindern, Konfirmanden und Jugendlichen“ bezeichnet. Dem ist insgesamt zuzustimmen, auch wenn im Bereich der Randerläuterungen sowie bei Fragen der Geschlechterdifferenz noch Verbesserungsbedarf zu konstatieren ist. 

 

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