Die Erfindung des Events

Luther in Worms und die mediale (Selbst-)Inszenierung des Reformators
Szene aus dem Bildzyklus „Luther auf dem Reichstag zu Worms“ von Anton von Werner (1843 – 1915): Triumphaler Einzug Luthers
Fotos: akg

Luther, der Tapfere in Worms – gewiss eine der berühmtesten Szenen der Geschichte. Und zugleich Stoff einer mythischen Überhöhung, die noch immer nicht an ihr Ende gekommen sei, sagte der Kirchenhistoriker und Theologieprofessor Thomas Kaufmann in seinem Festvortrag während des gestrigen Videofestaktes zum 500. Jahrestag des Ereignisses. Doch es sei an der Zeit, in eine neue Etappe der Rezeptionsgeschichte der berühmtesten Lutherszene einzutreten. Lesen Sie hier den Vortrag in einer leicht gekürzten Fassung.

Statt achtsamer Corona-Distanz oder flüchtiger Digitalpräsenz war der Verhandlungsraum im bischöflichen Palast eng, überfüllt, laut. Über die Hygiene des 16. Jahrhunderts schweigt des Historikers Höflichkeit. Gut vernehmbar sprach Luther nicht. Man hatte Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Dass der bereits rechtskräftig verurteilte Ketzer diese einzige weltgeschichtliche Szene seines Lebens, hier in Worms, fast auf den Tag genau vor 500 Jahren, erleben konnte, war das Ergebnis verwickelter diplomatischer Verhandlungen Friedrichs des Weisen, seines Landesherrn, mit dem noch jugendlichen Kaiser Karl V., der hier zu seinem ersten Reichstag antrat.

Luther, der Bekenner, der Gewissensmensch, der Unerschütterliche, der Tapfere in Worms – gewiss eine der berühmtesten Szenen der Geschichte. Und zugleich Stoff einer mythischen Überhöhung, die noch immer nicht an ihr Ende gekommen ist. Mein Geschäft besteht darin, das, was damals geschah, nüchtern wie ein – sagen wir: Virologe – darzustellen.

Am besten fangen wir mit Luthers frühester Erinnerung an, die er, kurz nach seiner Abreise aus Worms, seinem Vertrauten Lukas Cranach in Wittenberg schrieb. Man habe ihn nicht, wie erwartet, mit 50 Doktoren disputieren lassen, sondern lediglich gefragt: „Sind die Bücher dein? Ja. Willtu sie widerrufen oder nicht? Nein. So heb dich!“ Nüchterner, ernüchternder geht’s kaum. „So heb dich!“ Das war der memoriale Startpunkt des Wittenbergers, sein Wuhan gleichsam, lange vor der erinnerungskulturellen Explosionpandemie, zu der „Luther in Worms“ dann bald werden sollte. Er selbst wurde vom Wormsmythos erfasst, je älter er wurde. Was wir bei uns selbst beobachten, dass wir nämlich Geschichten in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich erinnern und erzählen, lässt sich auch für Luther und seine Erinnerung an Worms zeigen: Je älter er wurde, desto bedeutsamer, feierlicher, größer kam ihm die Szene vor. Die Wendung, „er wolle gen Worms, wenngleich so viele Teufel drinnen wären als immer Ziegel“, wurde ein Bestandteil seines eigenen Erzählens. Sie drang dann über die Tischreden in die Erinnerungskultur ein, die nach seinem Tod ins Kraut schoss. Am Ende war Luther, waren seine Tischgenossen geradezu benommen, beeindruckt, berauscht von seinem Mut, seiner Geistesgegenwart, seinem Bekennertum, damals, in Worms. ‚Mein Gott, was war ich für ein toller Kerl, dank Gottes Gnade.‘

Literarischer Superspreader

Luther selbst war der literarische Superspreader, der wohl wichtigste Ausgangspunkt der üppigen Publizistik zum Wormser Reichstag, die alles in den Schatten stellte, was das noch junge Zeitalter des Buchdrucks bisher erlebt hatte. Mehr als 120 Drucke berichteten von seinem Auftritt. Von keinem Ereignis, keiner Entdeckung, keiner Schlacht, keiner Königskrönung, keiner noblen Geburt, keinem Judenpogrom, keinem Kometen oder anderen Himmelszeichen, von keiner Katastrophe war so umfassend berichtet worden wie von „Luther in Worms“. Es war so etwas wie die Erfindung des Events, der Anfang der printmedialen Inszenierung, der Eventisierung eines Ereignisses, dem geradezu Offenbarungscharakter innewohnte.

Luther gehörte zu einer Spezies, die ich – in Analogie zu den digital natives unserer Tage – als printing natives bezeichne. Drucke oder verrecke – publish or perish – war die Devise dieser Burschen. Und Luther hat in den Jahren seit dem Beginn des Ablassstreites gelernt, dass und wie er es anstellen musste, um mit seinem Wort durchzudringen. In den drei Jahren zwischen 1518 und 1520 war er der meistgelesene Autor nicht nur seiner eigenen Gegenwart sondern aller bisherigen Zeiten geworden. Dass diese gewaltige Dynamik von dem „an Rande der Zivilisation“ gelegenen Kaff Wittenberg ausging, wo zunächst nur eine eher mickrige, klitschenartige Druckerei zur Verfügung stand, dann, ab Anfang 1520, eine zweite, sehr viel leistungsstärkere, gehört zu den besonders erstaunlichen Aspekten seines Wirkens.

Seit 1518 hatte Luther gelernt, strategisch Nachdrucke andernorts anzuregen, vor allem in Leipzig, Nürnberg, Augsburg und Basel. Und er hatte die Erfahrung gemacht, dass nichts ihn so sehr schützte, wie wachsende Publizität. Je erfolgreicher er als Schriftsteller wurde, desto unangreifbarer fühlte er sich. Dass dieser Platzregen an deutschen und lateinischen und dann immer mehr deutschen Worten, an Evangelium, dieser Platzregen, der da über das Land zog, von Gott gewollt war, ja, dass Gott der Menschheit am Ende der Zeiten die Erfindung der Druckpresse geschenkt hatte, das war dem sprachbegabten Publikationsgenie im grauen Ordensgewand gewiss. Luther schrieb und druckte um sein Leben. Etwa drei Druckseiten pro Tag schrieb und korrigierte er im Jahre 1520, seinem Wunderjahr, in dem der Papst ihn verurteilte und er als Publizist über sich hinauswuchs.

Dass Luther bei seinem ersten Auftritt vor dem Reichstag am 17. April um Bedenkzeit bat, hatte nichts damit zu tun, dass er um die Entscheidung über den Widerruf ringen musste. Denn noch am Tag des ersten Verhörs schrieb er an den Humanisten Cuspinian in Wien: „Ich werde mit dem gnädigen Beistand Christi in Ewigkeit keinen Buchstaben widerrufen.“ Die Gründe für die Bedenkzeit waren andere: Luther war ehrlich überrascht und wohl auch entsetzt, dass er lediglich die Möglichkeit erhalten hatte, sich zu seinen Büchern zu bekennen und seine Lehre zu widerrufen – ohne irgendeine Chance, seine Wahrheit darzulegen und zur Diskussion zu stellen. Ihm war klar: Er hatte schlechte Karten. Doch mit diesen wollte er wenigstens ein gutes Spiel machen. Deshalb setzte er, gewiss auch nach Rücksprache mit seinem Rechtsbeistand, dem Juristen Hieronymus Schurf, darauf, eine Verteidigungsrede auszuarbeiten. Diese prägte er sich dann ein. Dass der Entwurf der Rede bei einem Mann wie ihm, einem printing native, bereits in Hinblick auf eine Publikationsabsicht erfolgte, ist selbstverständlich. Und so geschah es. Bald, nachdem Luther seine berühmteste Rede am 18.4. bei einbrechender Dunkelheit auf Lateinisch und Deutsch vor Kaiser und Reich gehalten hatte, gelangte sie in mindestens zwei Abschriften nach Wittenberg und Hagenau und zügig in den Druck.

Bis zu Fanatismus und Martyrium

Was sagte Luther vor diesem einzigartigen und erlauchten Auditorium? Zunächst entschuldigte er sich, dass er vielleicht gegen höfisches Protokoll verstoße. Er sei eben ein Mönch und lebe in den engen Verhältnissen eines Klosters. Dann bekannte er sich zu seinen Schriften und legte dar, welcher Art sie seien. Dabei unterschied er drei Kategorien. Die erste Gruppe von Schriften handele vom Glauben und Sitten; sie würden von vielen Christen gelesen, sogar von seinen Gegnern geachtet und allgemein als sehr nützlich beurteilt. Sie könne er nicht widerrufen. Die zweite Gruppe sei gegen das Papsttum und seine Verteidiger gerichtet; auch sie könne er nicht widerrufen, da der Papst der Antichrist sei und sich über die Bibel stelle. Die dritte Kategorie von Schriften sei gegen einzelne Personen gerichtet gewesen. Hier räumte Luther ein, gelegentlich ungebührlich scharf gewesen zu sein. Doch widerrufen könne er auch diese Schriften nicht, da er sonst der Tyrannei und Gottlosigkeit Tor und Tür öffne.

In der Tat: der hier redete war entschieden, seiner Sache sicher, bis zu Fanatismus und Martyrium überzeugungsfest. Er trat mit seiner ganzen Person, ja mit seinem Leben für die Wahrheit ein, von der er überzeugt war. Und er berief sich auf seinen Herrn selbst, auf Christus vor Hannas: „Weil ich ein Mensch bin und nicht Gott, kann ich meine Schriften nur so verteidigen, wie mein Herr Jesus Christus seine Lehre verteidigt hat. Als er vor Hannas über seine Lehre befragt wurde und ein Diener ihm ins Gesicht schlug, hat er gesagt: ‚Habe ich unrecht geredet, so beweise, dass es Unrecht ist.‘“ Worms war Luthers Golgatha. Er forderte Zeugnisse gegen seine Lehre. Er wollte, dass sie ihm endlich sagten, was denn falsch sei an dem, was ihm zur Wahrheit geworden war. ‚Wenn ihr meine angeblichen Irrtümer mit Propheten- und Evangelienworten widerlegt, dann will ich der erste sein, der meine Bücher ins Feuer schmeißt.‘ Es ist die Leidenschaft eines Menschen, den man verurteilt, verdammt, ausgegrenzt hat – und dem man keine Chance ließ, seine Sache im Disput darzulegen. Es geht um das elementare Recht, für eine Überzeugung, für eine Wahrheit einzutreten.

Es geht um das Recht des offenen Diskurses. Es geht darum, einer Auseinandersetzung gewürdigt zu werden. Luther rebellierte mit Feuereifer gegen einen unnahbaren Machtapparat, der ihn mit allen verfügbaren Mitteln kalt zu stellen versuchte. Er bestand darauf, durch Schriftzeugnisse oder klare Vernunftgründe widerlegt zu werden. Er bestand darauf, ernst genommen zu werden. In seiner Widerrufsverweigerung liegt emanzipatorisches Potential. Das in den Worten der Schrift gefangene Gewissen, auf das er sich beruft, ist ein Quell der Freiheit - gegen Willkür, Überwältigung, Nicht-zu-Wort-kommen. Luthers jubelnde Freude zeugt von der Größe der Anspannung, die von ihm abfiel; die „hend“ soll er in seiner Herberge „mit fröhlichem angesicht“ hochgerissen und geschrien habe: „ich bin hindurch, ich bin hindurch“. So wurde Worms auch sein Ostern.

Der Freiheitsheld schlechthin

Von manchen Zeitgenossen wurde die Szene sogleich als bedeutsam empfunden. Auch den Kaiser bewegte sie stark genug, um ihm ein eigenes Bekenntnis zu Papst und Tradition abzunötigen und am folgenden Tag vor den Kurfürsten abzulegen. „Denn es ist gewiss, dass ein einziger Bruder irrt, dessen Meinung gegen die der gesamten, über tausend Jahre alten Christenheit steht.“ Auch das gigantische publizistische Echo, das „Luther in Worms“ fand, spricht für sich. Im Angesicht des drohenden Ketzertodes hatte er vor Kaiser, Reich und höchsten Kirchenvertretern auf der in der Schrift begründeten Freiheit seines Gewissens bestanden. Der nachfolgenden Generation wurde Luther vor allem der, der für die wahre evangelische Lehre eingetreten war. Nun, erstmals greifbar im zweiten Band der Lutherausgabe, der in seinem Todesjahr 1546 erschien, rückte die pathetische Formel „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ ins Zentrum der Erinnerung. Den Aufklärern war der Wormser Luther 200 Jahre später der Freiheitsheld schlechthin. Deutsche Patrioten vor allem des 19. Jahrhunderts sahen in ihm den Repräsentanten einer Nation, die sich der Fremdherrschaft des welschen Papstes und des spanischen Königs – im zeitgenössischen Kontext natürlich dem napoleonischen Frankreich - entgegenstemmte. Die Rezeptionsgeschichte des Wormser Luther trieb weitere Früchte. Der Osloer Bischof Eivind Berggrav sah in der Wormsszene eine Begründung des Widerstandes gegen Hitler. Hier habe Luther die apostolische Regel, dass man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen, in die Tat umgesetzt. Auch Martin Luther King griff auf das Vorbild des Mönchsbrüders bei seinem Einstehen für die Bürgerrechte Schwarzer zurück. Vielen evangelischen Christen gilt Luther in Worms bis heute als Symbol für Zivilcourage. Doch auch Feinde unserer Demokratie nutzen das „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, um unbelehrbare Verblendung und Intoleranz von dem vermeintlich unerschütterlichen Wittenberger Mannsbild her zu legitimieren.

Eine der eindrücklichsten Anspielungen auf die Pathosformel von Worms begegnete mir in Amos Oz großem Buch „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“. Eigentlich besteht das Buch aus unzählig vielen Geschichten aus vielen Generationen einer tief in Europa verwurzelten, eingewurzelten, brutal entwurzelten jüdischen Familie. Über seinen etwas schrulligen Großonkel Joseph Klausner, einen angesehenen, nicht ganz uneitlen Literatur- und Religionshistoriker, der freilich – unserer Zunft bis heute nicht fremd – immerzu mit niederen, nörgelnden, neidischen Geistern zu kämpfen hat, schreibt Oz: Onkel Joseph habe den Kampf des Gerechten geführt, sich an den Ort gestellt, den ihm sein Gewissen wies und nach dem Motto „hier stehe ich, ich kann nicht anders“ der Wahrheit zum Recht verholfen. Eine im Grunde ironisch-humorige Bezugnahme auf unsere Szene. Und dann schreibt Amos Oz über seinen Onkel David, den Bruder seines Vaters. Im Unterschied zum Rest der Familie war er in Wilna geblieben, um den Hetzern, Chauvinisten, Demagogen und finsteren Antisemiten auf seiner Position als Universitätsdozent zu trotzen. Ich zitiere: „Nein: Er würde entschieden hier in Wilna bleiben, auf seinem Posten, an einem der wichtigsten und vorgeschobensten Verteidigungsgräben der rationalen, weitsichtigen, toleranten und liberalen europäischen Aufklärung, die nun um ihr Überleben kämpfte, gegen die anrollende Flut der Barbarei, die sie zu ertränken drohte. Hier würde er stehen, denn er konnte nicht anders. Bis zum Ende.“

Der Wormser Luther und seine Rezeption sind schillernd – ein Kaleidoskop der deutschen, der europäischen Geschichte. Vielleicht ist es heute, im Angesicht der Pandemie, einer wachsenden globalen Verantwortung und der gewaltigen Herausforderungen des Klimawandels an der Zeit, in eine neue Etappe der Rezeptionsgeschichte der berühmtesten Lutherszene einzutreten: Ja, das heldenmutige Ich, das tapfer einsteht für Überzeugungen, unerschütterlich und fest, es spricht uns noch immer an. Doch die Vereinzelung, die Isolation, die gesellschaftlichen Verfallserscheinungen, die die Pandemie forciert oder offengelegt hat, zeigen überdeutlich, dass wir auf einander angewiesen sind und dass es nicht gut ist, dass der Mensch alleine sei. Corona hat uns auch gelehrt, dass wir in vielen Bereichen nicht so weitermachen sollten, wie bisher. Vielleicht ist die Zeit reif für ein: „Hier stehen wir, wir können auch anders.“

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