Neuer Menschheitsauftrag

Gespräch mit dem Klimaforscher Dieter Gerten über Konflikte um das Wasser, über den Klimawandel und ein neues Wasserethos
Der künftig größte Staudamm Afrikas, der Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamm, sorgt seit Jahren für Streit zwischen Äthiopien, Ägypten und dem Sudan.
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Der künftig größte Staudamm Afrikas, der Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamm, sorgt seit Jahren für Streit zwischen Äthiopien, Ägypten und dem Sudan.

zeitzeichen: Herr Professor Gerten, der ehemalige UN-Generalsekretär Annan hat 2001 prophezeit, dass die künftigen Kriege nicht mehr ums Öl geführt werden, sondern um Wasser. Hat sich das bestätigt?

DIETER GERTEN: Es ist aus der Historie oder aktuell nicht bekannt, dass es einen Krieg im wahrsten Sinne des Wortes um Wasser gegeben hätte. Aber es gibt natürlich viele Konflikte, die eng mit der Wasserversorgung zusammenhängen. Etwa aktuell in Äthiopien, wo seit neun Jahren an einem riesigen Nil-Staudamm gebaut wird. Die flussabwärts gelegenen Länder Sudan und Ägypten fürchten um ihre Wasserversorgung. Auch die Wasserversorgung der Krim ist im Moment gefährdet infolge einer Dürre und weil die Ukraine nach der Annexion die Wasserzulieferung gestoppt hat. Deshalb gehen Beobachter von der Möglichkeit aus, dass Putins derzeitige Manöver eine strategische Maßnahme seien, um den Wassermangel zu beseitigen. Also darum, dass die Russen die Gelegenheit nutzen könnten, um mit einem Vorstoß die Dnjepr-Mündung des Nordkrimkanals unter Kontrolle zu bringen.

Aber können Sie sich vorstellen, dass es tatsächlich einen Krieg ums Wasser geben wird?

DIETER GERTEN: Kriege haben immer nicht nur eine Ursache. Aber diese sehr konfliktträchtige Region im Mittleren und Nahen Osten bis hin nach Zentral-asien ist gleichzeitig eine sehr trockene Region mit enormen Wasserver-sorgungsproblemen. Und die Klimaprojektionen für die Zukunft zeigen, dass dort Dürren häufiger beziehungsweise chronisch werden. Dadurch kann das Konfliktpotenzial steigen. Viel hängt letztlich davon ab, wie die Länder reagieren, und ob Kooperationen eingegangen werden. Es gibt ja nicht nur Konflikte um Wasser, sondern auch hunderte Abkommen weltweit, wie Flüsse gemeinsam genutzt werden können, die durch verschiedene Länder fließen.

Wie kommt es überhaupt zu Wasser-knappheit, wenn der Kreislauf immer wieder für neues Wasser sorgt?

DIETER GERTEN: Das Wasser ist auf der Erde extrem ungleich verteilt. Es gibt naturgemäß chronisch trockene Regionen wie etwa im Mittleren und Nahen Osten, im Westen der USA, in Australien, im südlichen Afrika und im südlichen Europa. Der jetzt hinzukommende Klimawandel verstärkt dieses Muster. Dort, wo es trocken ist, wird es tendenziell noch trockener, Dürren werden sich häufen. Aber zum Dritten hängt die Wasserverknappung der vergangenen Jahrzehnte mit dem wachsenden Verbrauch der Menschen zusammen. Denn die Bevölkerung ist fast exponentiell gestiegen. Und jeder Mensch oder jede Gesellschaft braucht eine bestimmte Menge Wasser, so dass der Druck auf die natürlichen Wasserressourcen enorm gestiegen ist. Im Gegensatz zur Vergangenheit müssen wir also umdenken und begreifen, dass wir nur eine bestimmte Menge Wasser haben, die es effizient und schonend zu nutzen gilt.

Wie viele Menschen leiden denn mittlerweile unter Wasserknappheit?

DIETER GERTEN: Mehr als zwei Milliarden Menschen leben heute in Regionen, wo die Wasserversorgung nicht mehr so wie zum Beispiel in Deutschland gewährleistet ist. Das ist fast ein Drittel der Weltbevölkerung! Dazu kommt die Wasserqualitätskrise, also der Kampf um sauberes Wasser. Ebenfalls ein Drittel der Weltbevölkerung hat keinen täglichen Zugang zu sauberem Wasser. Es ist vielleicht genügend da, aber verschmutzt mit Schlamm, Chemikalien, Fäkalien. Das hat gesundheitliche Auswirkungen, wie sich auch in der Pandemie zeigt, wo Menschen in betroffenen Regionen sich nicht einmal die Hände waschen können und sich das Virus so viel schneller verbreiten kann. Aber auch hierzulande ausgemerzte Krankheiten wie die Cholera. Die heutige Weltgesellschaft müsste sich schämen, dass sie das nicht in den Griff bekommt. Selbst im antiken Europa waren die Wasserversorgungssysteme besser als heute in vielen Gegenden der Welt.

Befinden wir uns also schon in einer weltweiten Wasserkrise?

DIETER GERTEN: Rechnet man global zusammen, wieviel Wasser in Flüssen, Seen, Talsperren und Grundwasserspeichern nachhaltig nutzbar ist und vergleicht das mit dem heutigen Verbrauch, sieht man, dass wir am Limit sind. Die schiere Summe an Gebieten mit übernutzten Wasserressourcen ergibt global eine Knappheits- oder Krisensituation, in der man jetzt unbedingt umsteuern muss.

Und der Klimawandel erschwert das Problem?

DIETER GERTEN: Klimawandel und Wasserfrage sind letztlich überhaupt nicht voneinander zu trennen, weil der Wasserkreislauf dominanter Bestandteil des Klimasystems ist. Auch die meisten Folgen des Klimawandels laufen übers Wasser. Am unmittelbarsten ist dies, wenn es in den Regionen mit Wasserverknappung noch weniger regnet. Wenn zudem die Temperaturen steigen, verdunstet auch mehr, und die Wassermenge wird weiter reduziert. Und dann steigt auch noch die Nachfrage nach Wasser. So laufen die Flüsse und Talsperren leer – wir kennen dies in Mitteleuropa aus den Dürren der vergangenen Jahre. Anderswo bohrt man gegebenenfalls tiefer ins Grundwasser, aber auch da ist in vielen Gegenden das Ende der Möglichkeiten erreicht.

Brandenburg zum Beispiel hat große Trockenperioden hinter sich. Der Grundwasserpegel sinkt.

DIETER GERTEN: Vor allem 2018 und 2019 haben das viele Leute bemerkt. Als Langfristfolge ist der Unterboden selbst jetzt immer noch extrem trocken. Ein weiterer Dürresommer wäre schlimm. Man sieht es auch an den Wäldern und den Baumbeständen. In Brandenburg ist es auch schlimmer als in anderen Regionen Deutschlands, weil dort Sandboden vorherrscht, in den das Wasser schnell versickert und nicht lange im Boden gehalten wird. Dort ist es sowieso, was die Regenmengen angeht, trockener als im Westen Deutschlands.

Das heißt, wir haben eine Verschärfung des Problems regional, qualitativ und quantitativ in verschiedenen Ausprägungen. Wie sollen wir darauf reagieren? Sie fordern in Ihrem Buch ein neues Wasserethos. Was steckt dahinter?

DIETER GERTEN: Eine andere Denkweise. Rein technisch betrachtet hat Ende des 20. Jahrhunderts ein Umdenken eingesetzt, und so nutzen wir in vielen Regionen das Wasser bereits effizienter und sparsamer. Auch in der Landwirtschaft. Früher – teils aber noch heute – hat man ungeachtet der Konsequenzenriesige Staudämme gebaut und Flüsse umgeleitet. Aber es reicht nicht aus, nur technokratisch oder ökonomisch an die Krise heranzugehen, weil Wasser so elementar für den Menschen und für das Überleben ist. Wir müssen noch eine Denkebene tiefer gehen und die Wassernutzungen so gestalten, dass wir der Natur nicht zu viel Wasser rauben, gleichzeitig das geförderte Wasser in der Gesellschaft fair verteilen. Das wird teilweise praktiziert, teilweise nur versprochen und dann doch nicht gemacht. Mir ist wichtig, die persönliche Sicht auf das Wasser zu verändern. Was sind Wasser, Natur oder die Erde auch nicht-materiell wert?

Im Moment ist der Mensch ein entscheidender Faktor. Schließlich leben wir im Anthropozän.

DIETER GERTEN: Der Begriff des Anthropozäns macht deutlich, dass die globalen Umweltveränderungen so stark sind, dass wir gar von einem neuen Menschenzeitalter sprechen. Das wirft aber die Frage auf, wie der Mensch zur Erde, zur Natur und zur Schöpfung steht. Ein Ethos ist für mich die Selbstreflexion, über diese Fragen nachzudenken: Woher kommt das Wasser, das ich trinke? Unter welchen Be-dingungen wird es organisiert? Was bedeutet es, wenn im dürren Spanien die Hotelanlagen ihre Pools füllen und große Rasenflächen besprenkeln? Was kann der Einzelne persönlich tun, um solche Situationen nicht noch zu verschlimmern? Jedes Produkt, das wir konsumieren, benötigt bei der Herstellung Wassermengen. Wo wurde es also produziert? Welches Wasser wurde in welcher Menge eingesetzt zur Produktion? Das sind Fragen, über die man in globalen Zusammenhängen nachdenken muss.

Das heißt, so wie wir von einem CO2-Fußabdruck sprechen, könnten wir auch parallel dazu den Wasserfußabdruck nennen?

DIETER GERTEN: Ja, den Begriff gibt es schon. Doch neben dem Haushalt gibt es die Industrie und die Landwirtschaft als Wasserverbraucher. Das sogenannte virtuelle Wasser, also das, was nicht im Produkt selbst vorhanden ist, aber bei der Produktion verwendet wurde, wird eingerechnet in diesen Fußabdruck. Wenn man das bilanziert, kommen wir nicht nur auf die durchschnittlichen 125 Liter, die ein Deutscher im Schnitt verbraucht, sondern auf viertausend Liter pro Tag. Die Zahl klingt sehr hoch, sie ist es auch, denn sie besagt unter anderem, wie viel Wasser zum Beispiel auf einem Weizenfeld im Jahresverlauf verdunstet, oder auf einer Kaffeeplantage. Das geht alles in den Wasserfußabdruck von einer Tasse Kaffee, von Brot oder von Fleisch ein.

Welche Produkte verbrauchen denn besonders viel Wasser?

DIETER GERTEN: Fleisch ist besonders intensiv, was den Wasserverbrauch angeht. Ein Kilo Rindfleisch braucht etwa 15 000 Liter. Wobei man das differenziert sehen muss. Die Bewässerung der Futtermittel macht tatsächlich fast ein Fünftel des Wasserverbrauchs in der Land- und Viehwirtschaft weltweit aus. Die hochkonzentrierten Produkte, die in der industriellen Fleischindustrie verbraucht werden, um die Tiere zu füttern, kommen oft aus bewässerten Feldern und Plantagen. Das kann zu Konflikten vor Ort führen, weil das Wasser von den Einheimischen anders genutzt werden könnte. Und eine Kuh muss ja erst einmal viel fressen, um Fleisch aufzubauen. Aber auch das Regenwasser, das auf den Weiden verdunstet, geht in die Rechnung ein. Deswegen sind manche dieser Wasserfußabdruckschätzungen recht hoch und hängen mit dem Land- und ökologischen Fußabdruck zusammen.

Lässt sich aus der reichen Kulturgeschichte des Wassers etwas lernen?

DIETER GERTEN: Man muss zwar immer aufpassen, dass man bestimmte Gesellschaften nicht romantisiert. Aber etwa die Indianer in Nordamerika oder die indigenen Völker im Amazonas-urwald sehen die Natur und das Wasser als heilig an und gehen entsprechend sorgsam damit um. Das führt zu einem permanenten Konfliktpotenzial mit „westlichem“ Denken um die „richtige“ Wassernutzung. Aber es stellt sich eben die Frage, ob Wasser einfach nur eine Ressource ist, die man ausbeuten kann. Man kann also von diesem Denken lernen. Vielleicht sieht man dann Wasser, wenn auch nicht als
Heiligtum, so doch zumindest als Kulturgut an, das es wertzuschätzen gilt.

Sie haben das in Ihrem Buch das soziohybride System genannt, der Mensch und das Wasser.

DIETER GERTEN: Das ist eine neuere Schule in der Wasserforschung. Soziohydrologisch oder hybrides System bedeutet, dass Menschheit und Wasserkreislauf gar nicht mehr getrennt betrachtet werden können, weil sie sich gegenseitig so stark beeinflussen. Der natürliche Wasserkreislauf, den gibt es gar nicht mehr, sondern er ist stark menschlich beeinflusst oder verändert. Das heißt aber auch, dass wir eine besondere Verantwortung haben, ihn nicht zu sehr aus den natürlichen Bahnen zu werfen. Man hat versucht, ihn für die eigenen Zwecke zu manipulieren, aber damit schafft man Ungleichheiten und Knappheiten, Verschmutzungsprobleme und vieles mehr. Und jetzt geht es halt darum, Harmonie wiederherzustellen zwischen den natürlichen Wasserkreisläufen und dem menschlichen Tun darin. Das hat wieder viel mit Ethik und Ethos zu tun. Da muss auch die Politik rote Linien ziehen. Denn wenn wir die Wassersysteme schädigen, wirkt das auf die Gesellschaften zurück. Deswegen ist es nicht nur für die Natur, sondern auch für uns Menschen langfristig eine Anlage, in eine ordentliche, sorg-same Bewirtschaftung zu investieren.

Was erwarten Sie von den Kirchen?

DIETER GERTEN: Auf der Ebene dieser Bewusstseinsschaffung zu kommunizieren oder zu arbeiten. Für die schonende Nutzung der Naturressourcen inklusive Wasser verantwortlich zu sein. Und das nicht nur im allerengsten Umfeld, sondern über den Konsum letztlich weltweit. Es gibt diesbezüglich eine Menge theoretischer und praktischer Zugänge, auf die ich in der Zusammenarbeit mit Religionswissenschaftlern gestoßen bin. Gerade die Kirchen des Südens, zum Beispiel in Südafrika, gestalten dort Wasserprogramme mit, auch Infokampagnen über den virtuellen Wasserhandel. Oder sie helfen Kommunen dabei, die Wasserversorgung vor Ort besser zu bewerkstelligen. Bei der Suche nach Lösungen von Wasserproblemen können die Kirchen als Vermittler auftreten oder eine Rolle in der Kommunikation der Zusammenhänge von unterschiedlichen Interessen spielen. Nicht zu vergessen der religiöse Symbolgehalt des Wassers, der in anderen Religionen noch weit über die Bedeutung als Taufwasser hinausgeht.

Kirchen sind ja in Deutschland Besitzer von landwirtschaftlichen Flächen, von Wäldern, sie haben viele Gebäude. Könnten sie nachhaltiger wirtschaften?

DIETER GERTEN: Da sind wir wieder bei der Frage nach den Landflächen, wie diese zusammen mit dem Wasser nachhaltiger bewirtschaftet werden können. Mit zum Beispiel interessanten modernen – aber auch traditionellen – wasserschonenden Maßnahmen in der Kultivierung der Pflanzen. Es gibt eine Menge an Verfahren, die Verdunstung direkt aus dem Boden zu beschränken, so dass der Pflanze mehr zukommt, sie besser wächst und wenig Wasser verloren geht. Oder Feinstbewässerung, bei der das Wasser direkt an die Pflanze gebracht wird. Das sind Techniken, die natürlich auch auf kirchlich verwalteten Ländereien eine Rolle spielen können.

Sie fordern einen Werte- und Paradigmen-wechsel, da die Entwicklungspfade der vergangenen Jahrzehnte nicht weiterführen. Es soll jeder Mensch mit seinem Ethos etwas dazu beitragen. Was kann der Verbraucher in Deutschland leisten, um Wasser sparen?

DIETER GERTEN: Die Verbraucherebene ist nur die eine. Wir können Wasser sparen im Haushalt oder wieder nutzen, etwa durch das Sammeln von Regenwasser. Aber hierzulande stellt sich die Frage eher nach dem Konsum, also die nach dem virtuellen Wasser. Das betrifft den Lebensstil. Ein wasserintensives Produkt ist oft auch eines, das für das Klima schädlich ist und für die Ökosysteme vor Ort, für Gewässer und Landökosysteme. Das hängt, wie gesagt, alles miteinander zusammen. Deshalb ist ein nachhaltiger Konsum generell eine kluge Lösung. Man sollte schon sehr genau überlegen, ob man Schnittblumen aus Kenia kauft, Avocados aus Chile oder Tomaten aus Südspanien, weil diese Produkte oft unter Bedingungen produziert werden, die den Leuten vor Ort das Wasser wegnehmen. Wasserkrisen in anderen Ländern sollten wir nicht einfach abtun, weil durch heftige Dürren, möglicherweise gleichzeitig in den Kornkammern der Welt, die Nahrungsmittelversorgung ins Wanken geraten könnte. Das alles sind Szenarien der globalen Zusammenhänge und Abhängigkeiten, die für die Zukunft bedacht werden sollten, wenn es trockener in vielen Regionen wird und schwerwiegende Dürren auftreten. Die Einbußen werden zwar oft durch den Welthandel reguliert, aber viele Länder nehmen daran nicht teil und hätten das Nachsehen. Das heißt im Prinzip, speziell auch beim Gemeingut Wasser, nicht nur an sich denken, sondern an andere mitdenken. Alle drei Dimensionen mitdenken: die globale, die zukünftige und die Ökosystem-Gerechtigkeit.

Klingt anspruchsvoll für Otto Normalverbraucher. Müsste das nicht politisch geregelt werden?

DIETER GERTEN: Es gibt leider keine globale Wasserpolitik. Stattdessen eine Gemengelage aus Länderpolitiken, und innerhalb der Länder oder auch über Ländergrenzen hinaus Bewirtschaftungsmaßnahmen in Flusseinzugsgebieten. Die nachhaltige gemeinschaftliche Nutzung gelingt teils gut und teils nicht so. In Europa weniger, wenn es um die Gewässerqualität geht, die bei weitem nicht so ist, wie sie sein sollte und könnte. Es gibt Nitrateinträge in Boden und Grundwasser durch die Gülle und die industrielle Landwirtschaft. Wir brauchen daher eine Wasserpolitik, die mit anderen Politikfeldern wie Agrarwirtschaft, Klimaschutz und Wirtschaft enger und ausdrücklicher kooperiert. Auch international bedarf es enormer Anstrengungen.

Könnte man nicht alles über den Preis regeln? Wenn Wasser teurer wird, würden wir vorsichtiger damit umgehen …

DIETER GERTEN: Die Bepreisung als ein Instrument, um den Verbrauch zu reduzieren, ist natürlich heftig umstritten in Regionen, wo das Wasser bis jetzt kostenlos ist. Auch muss man aufpassen, dass sich nicht nur die Reichen Wasser besorgen und leisten können. Es kann ja nicht angehen, dass die, die mehr bezahlen können, unter Umständen auch mehr Wasser bekommen. Mit dem Preis muss man also sehr vorsichtig sein, ihn gestaffelt gestalten.

Wenn Sie einen Blick in das Jahr 2050 werfen, wie steht es da um das Wasser?

DIETER GERTEN: Die Frage ist wo. Was den Klimawandel angeht: Selbst wenn die Staatengemeinschaft die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen kann, wenn bis 2050 alle Emissionen heruntergefahren werden, sind weitere Wasserverknappungen in einigen Gebieten quasi schon einprogrammiert. Selbst wenn also die Erhitzung gestoppt wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass etwa im südlichen Europa und bis nach Mitteleuropa hinein zumindest die Sommer viel trockener werden und Dürren häufiger. Es scheint mir fast unabwendbar, dass es mehr Jahre mit Wasserverknappung dort und in vielen anderen Regionen der Welt geben wird. Eine Gefahr ist, dass sich Dürren über die Winterhalbjahre hinziehen und dann die Stauseen und die Grundwasservorräte nicht aufgefüllt werden. Bildlich ausgedrückt wandert die Wüste weiter Richtung Südeuropa und weitet sich in den mittleren und westlichen USA und in Australien aus.

Aber es wird auch mehr Starkregen und Hochwasser geben, sagen die Klimaforscher.

DIETER GERTEN: Diese andere Seite der Medaille sollte man nicht vergessen. Gerade hierzulande nicht, denn das nächste Rhein- oder Donauhochwasser kann schneller auf uns zukommen, als wir nach den Dürrejahren meinen. In den vergangenen Jahrzehnten gab es solche Wechsel wiederholt. Die Extremmuster werden sich auch hier verschärfen, mit sehr trockenen, heißen Dürresommern und welchen mit vielen Schwergewitterlagen wie 2017. Da gab es Sturzfluten in vielen Gegenden und riesige Überschwemmungen. Die milden Winter mit nur kurzen Kaltlufteinbrüchen sind ja sehr angenehm, können aber auch viel mehr Regen bringen. Diese Extreme verschiedener Art werden sich also verstärken und häufen. Neu ist auch, dass Dürren mit größerer Hitze einhergehen als in früheren Jahren.

Gibt es einen Grund für Optimismus?

DIETER GERTEN: Zuvörderst müssen wir dem Klimawandel Einhalt gebieten, um solche Situationen möglichst zu vermeiden. Mit ihm ist es wie mit der Pandemie: Wenn es gelingt, die Treibhausgasemissionen erheblich in den nächsten Jahrzehnten herunterzufahren, pendeln wir uns auf ein gewisses Niveau ein und irgendwann geht die Kurve auch runter. Zudem gilt es, die Wasserübernutzung und -verschmutzung ernsthaft anzugehen, wofür es mittlerweile einige Anzeichen gibt. Außerdem muss man alle Umweltprobleme zusammendenken und bearbeiten. Wasser spielt überall hinein, es ist zentral für die Funktion des Erdsystems und für die Gesellschaften. Seine Wertschätzung bleibt daher Menschheitsauftrag.

 

Das Gespräch führten Kathrin Jütte und Stephan Kosch am 29. April in Berlin.

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Foto: Iona Dutz

Dieter Gerten

Dieter Gerten ist Arbeitsgruppenleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Der 1970  geborene studierte Geograph hat zudem seit 2016 eine Professur für „Klimasystem und Wasserhaushalt im Globalen Wandel“ am Geografischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin inne.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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