Auch ein Akt der Freiheit

Kardinal Reinhard Marx tritt als Erzbischof von München zurück – es ist ein Signal
Reinhard Marx
Foto: epd
Hat seinen Rücktritt als Erzbischof von München angeboten: Reinhard Kardinal Marx

Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, bietet dem Papst seinen Rücktritt an. Er will damit ein Zeichen setzen, dass man als Bischof auch für das Versagen der Institution Kirche Verantwortung tragen müsse. Das ist ein klares Signal an seinen Amtsbruder Rainer Maria Woelki, den Erzbischof von Köln – auch wenn Marx das öffentlich abstreitet.

Ja, es kam überraschend – und dann doch nicht. Wer den Erzbischof von München, Reinhard Kardinal Marx, in den vergangenen Monaten erlebte, dem drängte sich ein Eindruck auf: Etwas arbeitet in dem Geistlichen, der zu den wichtigsten Führungsfiguren der römisch-katholischen Kirche in Deutschland gehört. Und: Der bullige, energiegeladene Westfale wirkte angefressen, gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe, fast erschöpft. Deshalb fiel Marx‘ Rücktritt vom Amt des Erzbischofs von München und Freising dann doch nicht ganz vom Himmel. Die Demission des 67-Jährigen wirkte schlüssig.

Die wesentliche Logik  schlüsselte der Kardinal in seinem am Freitag veröffentlichten Schreiben an Papst Franziskus mit dem glasklaren Rücktrittsangebot an den Pontifex Maximus am 21. Mai so auf: Die Krise der Kirche sei „auch verursacht durch unser eigenes Versagen, durch unsere Schuld. Das wird mir immer klarer im Blick auf die katholische Kirche insgesamt, nicht nur heute, sondern auch in den vergangenen Jahrzehnten. Wir sind – so mein Eindruck – an einem gewissen ‚toten Punkt‘, der aber auch, das ist meine österliche Hoffnung, zu einem ‚Wendepunkt‘ werden kann.“ Der Jesuit und Märtyrer in der NS-Zeit, Alfred Delp, hatte den Begriff „toter Punkt“ geprägt, darauf wies der Kardinal hin – ein pathetisches Wort … ein zu großes?

Aber es geht dem Kardinal um Großes. Er erklärte weiter: „Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten. Die Untersuchungen und Gutachten der letzten zehn Jahre zeigen für mich durchgängig, dass es viel persönliches Versagen und administrative Fehler gab, aber eben auch institutionelles oder ‚systemisches‘ Versagen.“ Die Diskussionen der letzten Zeit habe gezeigt, dass manche in der Kirche gerade dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben wollten und deshalb jedem Reform- und Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise ablehnend gegenüberstünden. „Ich sehe das dezidiert anders. Beides muss im Blick bleiben: persönlich zu verantwortende Fehler und das institutionelle Versagen, das zu Veränderungen und zur Reform der Kirche herausfordert.“ Deshalb unterstütze er weiter das Reformprojekt in der katholischen Kirche hierzulande, den Synodalen Weg.

Es geht Marx also – in Sachen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals - um sein eigenes Versagen als Bischof von München und wie zuvor als Bischof von Trier seit 2002. Die Münchner Fehler werden in diesem Jahr in einem Gutachten über den Jahrzehnte langen Skandal der sexualisierten Gewalt in einem eigenen unabhängigen Gutachten nachzulesen sein. Aber Marx will auch eine Verantwortungsübernahme als Kopf der Institution Kirche, unabhängig von persönlichem Versagen. Marx sieht sich als Bischof in dieser Pflicht, wie er in dem Schreiben an den Papst erläutert: „Und ich empfinde schmerzhaft, wie sehr das Ansehen der Bischöfe in der kirchlichen und in der säkularen Wahrnehmung gesunken, ja möglicherweise an einem Tiefpunkt angekommen ist. Um Verantwortung zu übernehmen reicht es aus meiner Sicht deshalb nicht aus, erst und nur dann zu reagieren, wenn einzelnen Verantwortlichen aus den Akten Fehler und Versäumnisse nachgewiesen werden, sondern deutlich zu machen, dass wir als Bischöfe auch für die Institution Kirche als Ganze stehen.“ Es gehe auch nicht an, einfach die Missstände weitgehend mit der Vergangenheit und den Amtsträgern der damaligen Zeit zu verbinden „und so zu ‚begraben‘“: „Ich empfinde jedenfalls meine persönliche Schuld und Mitverantwortung auch durch Schweigen, Versäumnisse und zu starke Konzentration auf das Ansehen der Institution.“

Der Rücktritt von Marx war in gewisser Weise zugleich ein Rücktritt auf Raten: Zuerst der Abschied vom Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz im Frühjahr 2020, dann das Loslassen von einem Großteil seines persönlichen Vermögens durch Gründung und eine beachtliche Spende an eine neue Stiftung zur Hilfe von Missbrauchsopfern. Schließlich der Verzicht auf das Bundesverdienstkreuz vor wenigen Wochen – alles überraschende Taten, die zumindest im Nachhinein verständlich wurden als Akte des Reinen-Tisch-Machens. Und der Rücktritt war auch ein Zeichen nach Köln, wo der dortige Erzbischof Rainer Maria Woelki trotz der öffentlichen Klatsche einer päpstlichen Visitation in diesen Tagen und fast durchgehender Misstrauensbekundungen aus seinem ganzen Erzbistum nicht zum Rücktritt bereit ist.

In einer zusätzlichen Erklärung von Marx wird das deutlich. Das schreibt er: „Es kann aber – so denke ich – nicht ausreichen, die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme zu beschränken auf aus den Überprüfungen der Aktenlage hervorgehende vor allem kirchenrechtliche und administrative Fehler und Versäumnisse. Ich trage doch als Bischof eine „institutionelle Verantwortung“ für das Handeln der Kirche insgesamt, auch für ihre institutionellen Probleme und ihr Versagen in der Vergangenheit.“ Das war mehr als ein Fingerzeig an den Rhein, das war ein Winken mit dem Zaunpfahl: Kardinal Woelki mach es wie ich – tritt zurück!

Zwar sagte Marx vor der Presse am Nachmittag noch, dass der Schritt eine persönliche Entscheidung sei, die nicht auf irgendeinen Mitbruder im Amte ziele – aber das war nur so halb zu glauben. Denn überdeutlich waren die schriftlichen Hinweise, dass es genau so gemeint war. „Es muss sein“, sagte Marx noch, er wolle diesen Schritt tun, auch wenn er nicht amtsmüde oder demotiviert sei. Es sei auch ein Akt der „Freiheit, indem man etwas lässt“, nämlich etwa Vermögen oder Macht.

In einer ersten Reaktion zeigte sich der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, „tief erschüttert" über den angebotenen Amtsverzicht des Münchner Kardinals Reinhard Marx. „Da geht der Falsche", sagte Sternberg der „Rheinischen Post". „Was Marx in der Ökumene, beim Synodalen Weg und auch bei der Missbrauchsaufarbeitung geleistet hat, ist ganz wichtig gewesen."

Der Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch", Matthias Katsch, bekundete Respekt vor dem Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx. Er habe Marx als einen Geistlichen erlebt, „der bereit war zuzuhören", sagte Katsch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er, Marx, habe verstanden, dass man nur durch eine Übernahme von Verantwortung einen Neuanfang machen könne, und: „Marx hat verstanden, dass diejenigen, die den Karren in den Dreck gezogen haben, ihn nicht zugleich wieder herausziehen können." Auf „Spiegel.de“ sagte der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller, die Botschaft von Marx gehe aber auch direkt an Papst Franziskus: „Wenn du, Franziskus, Reformen willst, dann bleibt im Blick auf die sexualisierte Gewalt in der Kirche kein Stein auf dem anderen. Sei so mutig wie ich und stoße endlich Reformen an.“

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