Huizings Floraleben

Was die Weisheitsliteratur mit dem Baum des Lebens zu tun hat
Foto: Privat

Ich liebe den Garten. Aus sicherer Distanz. Ich war etwa 10. Genau richtig also, als mich das Heufieber zum ersten Mal erwischte. Es war nicht nur ein lächerlicher Heuschnupfen, sondern veritables Fieber, unser Hausarzt schickte mich für drei Tage ins Bett, meine Mutter zog ihr großes Homöopathie-Buch zu Rate und behandelte mich in fürsorglicher Belagerung. Nicht ohne Erfolg. Im übernächsten Frühjahr war ich symptomfrei, blieb aber von allen Arbeiten im Garten künftig freigestellt, um mögliche Rückfälle zu verhindern. Ich sublimierte die unmöglich gewordene Liebe zum Garten durch Fachliteratur und wurde ein Kenner und Liebhaber der Bäume. Die alte Leidenschaft flammte jüngst wieder auf, als ein Förster mit dem sprechenden Namen Wohlleben über das geheime Leben der Bäume Auskunft gab. Ein Baum-Flüsterer von Format.

Allergie hin oder her: Wer christlich sozialisiert wurde, kann gar nicht umhin, von Flora und Fauna affektiv betroffen zu sein. Wir sind Paradieskinder, die den hortus conclusus verlassen haben. Und in bildsprachlicher Konsequenz haben die Frauen am Grabe den österlichen Jesus als Gärtner identifiziert. Malergenerationen nahmen diese Wahrnehmung bekanntlich begeistert auf. Mich hat eine andere Frage heftig umgetrieben: Die Anpflanzungsmethode des göttlichen Gärtners im Paradies. In der Mitte des Gartens wurden zwei Bäume gepflanzt: Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, von dessen Früchten man nicht essen solle, bitteschön. Ein wohlwollender Ratschlag, als Verbot getarnt, um den Menschen das ambivalente Leben in der Lebenswelt zu ersparen. Die Folgen sind bekannt. Noch während der Konfirmandenzeit habe ich unseren Pastor, der später mein Professor für Neues Testament wurde, entgegengehalten, das Problem, nein: der Skandal sei doch nicht das Essen vom Baum der Erkenntnis, sondern die offenbare Dummheit der Stammeltern vom falschen Baum zu essen. Dann wäre uns viel erspart geblieben. Ich meinte natürlich auch den Konfirmandenunterricht und das Auswendiglernen des Heidelbergers.

Proverbien später

Die Frage ist lange in meinem Hinterkopf geblieben und ich habe erst als Assistent in München eine Spur erneut aufgenommen. Während meiner Studienzeit in den Niederlanden und in Deutschland blieb in den exegetischen Fächern der Kontakt mit der Weisheitsliteratur auf Sparflamme, Hiob, ja, aber Kohelet oder Proverbien? Allenfalls am Rande. Prophetische Literatur stand im Zentrum. (Inzwischen wird weisheitlichen Kreisen ein entscheidender Beitrag für die finale Überarbeitung der Texte der hebräischen Bibel zuerkannt. Vielleicht waren es auch weisheitliche Kreise, die den Baum des Lebens in den Text der Genesis gepflanzt haben.)

Erst durch den Systematiker Hermann Timm, ein Schüler und enger Vertrauter von Gerhard von Rad, kam ich in nachhaltigen Kontakt und wurde bei den Proverbien fündig. Der Baum des Lebens bekommt dort eine lebenspraktische Umwidmung. „Sie (die Weisheit) ist ein Baum des Lebens allen, die sie ergreifen, und glücklich sind, die sie festhalten.“ (Prov 3, 18) Weisheit wird hier zur Lebenslehre, die sich an der Gerechtigkeit als Praxismaßstab orientiert: „Die Frucht der Gerechtigkeit ist ein Baum des Lebens; und ein Weiser nimmt sich der Leute herzlich an.“ (Prov 11,30) Weisheit bekommt einen präventivlogischen und psychologisch unterfütterten  Drall: „Hoffnung, die sich verzögert, ängstet das Herz, wenn aber kommt, was man begehrt, das ist ein Baum des Lebens. […] Die Lehre des Weisen ist eine Quelle des Lebens, zu meiden die Stricke des Todes.“ (Prov, 13, 12,14). Empfohlen wird schließlich eine Ethik der Zunge: „Eine heilsame (früher: linde) Zunge ist ein Baum des Lebens.“ (Prov 15,4) Die Lebensdienlichkeit der Weisheit besteht darin, einen Weg, genauer: einen tugendethischen Bildungsweg einzuschlagen, der zu einem gelingenden, glücklichen Weg führt. Sie ist auch theologisch ein Alternativmodell zu einer prophetischen Theologie. Mir ist die linde Zunge entschieden lieber als jede unheilsprophetische Drohrede. Und dieser Baum des Lebens ist herrlich allergiefrei.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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