Zeit für Veränderung

Unsere Kirche ist nicht weiß, sondern weiß dominiert
Foto: privat

Vor einiger Zeit fand im Rahmen der Rassismuskritischen Wochen in Hannover eine Veranstaltung statt, die eine Plattform bot für Austausch und gegenseitige Unterstützung bei rassismuskritischen Projekten. Die Veranstaltung war auch offen für Weiße, und für einen Moment dachte ich, es könnte ein Ort für mich sein, denn ich suchte Verbündete für den Protest gegen eine rassistische Übersetzung der Lutherbibel (Jer 13,23). Ich bin nicht hingegangen. Was ich vor allem befürchtete, war der mitleidige Blick von Menschen of Color nach dem Motto: Was hast du erwartet? So ist sie, die evangelische Kirche – weiß und rassistisch. Ich hatte Angst vor dem Satz: Lass es, es hat keinen Sinn.

Der Afrozensus 2020 bestätigt die pessimistische Einschätzung: Darin wurden Schwarze Menschen/Menschen of Color unter anderem gefragt, welcher Organisation sie am wenigsten vertrauen. Wenig überraschend steht an erster Stelle die Ausländerbehörde, und an zweiter Stelle steht die Kirche (sowohl die evangelische wie die katholische). Als ich die Zahlen sah, dachte ich: Intra ecclesiam nulla salus – in der Kirche gibt es kein Heil, jedenfalls nicht für Menschen of Color. Ich habe mich geirrt.

Getrennte Welten

30 Jahre lang lebte ich in getrennten Welten: die eine (säkulare) war die der Auseinandersetzung mit Rassismus, die andere (religiöse) die der Arbeit für die Kirche. Letztere beschwört zwar seit geraumer Zeit die klare Kante gegen Rassismus, meint aber eigentlich die Absage an Rechtspopulismus. Das Weißsein der Kirche war kein Thema. Dabei stimmt es gar nicht, das begreife ich jetzt. Die evangelische Kirche ist nicht weiß, sie ist weiß dominiert. Davon legt die Schwarze Bewegung in der Kirche Zeugnis ab, die sich jetzt formiert; es sind Menschen of Color, die laut ihre Stimme erheben, rassistische Strukturen kritisieren, die Theologien neu entwerfen, die kein Stück vom Kuchen wollen, sondern einen anderen Kuchen. Sie organisieren sich und gehen an die Öffentlichkeit: Im März letzten Jahres fand der erste digitale Gottesdienst von BIPoC- (Black, Indigenous, People of Color) Menschen auf YouTube statt. Vor kurzem erschien das erste Buch zu Rassismus und Kirche von Sarah Vecera unter dem Titel: „Wie ist Jesus weiß geworden?“ Es gibt regelmäßig Podcasts auf Instagram, gestaltet von Schwarzen Christ*innen, es gibt Tagungen und Konferenzen, die Austausch bieten für christliche BIPoC’s untereinander und die auch Weiße als Bündnispartner*innen willkommen heißen. Die Botschaft dieser Schwarzen Bewegung ist klar: Rassismus ist ein Problem der Kirche, der weißen Christ*innen, er ist überall und eine strukturelle Sünde. Und: Es ist Zeit für Veränderung.

Manche Landeskirchen haben begonnen, sich mit Rassismus zu befassen, zum Beispiel die Nordkirche, die EKBO und Württemberg. Das Evangelische Zentrum Frauen und Männer hat Module für eine rassismussensible Arbeit in der Kirche entwickelt. In Kurhessen-Waldeck sind sogar verbindliche Fortbildungen zum Thema „Rassismus“ für alle Mitarbeitenden geplant. Das ist gut. Was fehlt, ist eine zentrale Beratungs- und Koordinierungsstelle, die Empowerment für Schwarze Christ*innen bietet, die Bildungsarbeit leistet und andere Machtachsen wie Sexismus, Klassismus und Ableismus einbezieht.

Heilsame Häutungen

Die Schwarze Bewegung in der evangelischen Kirche ist ein großes Geschenk für mich. Ich habe die wundervolle Möglichkeit zuzuhören, Lasten abzuwerfen, also rassistische Lügen, die man mir beigebracht hat, loszuwerden, Vorurteile abzubauen, die mich hindern, geschwisterlich mit anderen zu leben. Woran ich teilhaben darf, sind heilsame Häutungen – meiner selbst und meiner Kirche. Aber um die alte Pelle loszuwerden, muss man ganz schön strampeln! Und nie hat mich die Aussicht auf das Strampeln mehr beglückt als jetzt.

Wie immer hat das ganze zwei Seiten: Das Tun wird begleitet durch das Lassen. Da so große Dinge wie die rassismuskritische Arbeit Zeit und Aufmerksamkeit benötigen, höre ich auf mit dem Kolumne-Schreiben. Es hat mir viel Freude bereitet, und ich danke für Lob und Kritik. Einzig einen Wunsch hätte ich: dass Sie mir (weiterhin) Ihr geneigtes Ohr leihen, wenn ich künftig da und dort oder anderswo meine Gedanken in die Öffentlichkeit trage.

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