Vom Abendland ins Morgenland

Ein lutherischer Theologe und die Orthodoxie seiner Kindheit und Jugend
Griechisch-katholische Fresken im Inneren der Holzkirche im rumänischen Ieud Deal (um 1780).
Foto: picture-alliance/Paul Williams
Griechisch-katholische Fresken im Inneren der Holzkirche im rumänischen Ieud Deal (um 1780).

Johann Schneider, Regionalbischof von Halle-Wittenberg, ist als Kind in Rumänien in orthodoxer Umgebung aufgewachsen. Er erinnert sich an diese Zeit, die ihn und sein theologisches Leben sehr geprägt hat. Schneider ist der Meinung, die EKD müsse auch aus aktuellem Anlass ihre Wahrnehmung der orthodoxen Christenheit in Deutschland verstärken.

Seit den Kindertagen in Meschen (Mosna), einer großen multiethnischen Gemeinde im Kreis Hermannstadt (Sibiu) in Siebenbürgen/Rumänien, kenne ich orthodoxe Christen, ohne dass „orthodox“ je explizit erwähnt worden wäre. Im nationalkommunistischen Rumänien der 1970er- und 1980er-Jahre galt in der Schule und am Arbeitsplatz offiziell die Staatsdoktrin des wissenschaftlichen Atheismus sowjetischer Provenienz, das heißt, offiziell gab es keine Religionsgemeinschaften, sondern nur noch Reste historischer „Kulte“. Gleichzeitig wurde im kommunistischen Rumänien zur Zeit Nicolae Ceaușescus faktisch jedes Kind getauft und alle Brautpaare gingen nach der standesamtlichen Trauung in die Kirche. Die Eltern hoher kommunistischer Parteifunktionäre wurden von Bischöfen und Priestern beerdigt – brachte doch im Volksglauben eine Beerdigung ohne Geistliche Fluch über die Familie.

Die Verwurzelung religiöser Praxis in den kulturellen Traditionen der Familien war in der Bevölkerung so stark, dass auch ranghohe Parteifunktionäre selbstverständlich zur Kirche oder Synagoge gehörten, auch wenn sie sich kaum öffentlich im Gottesdienst zeigten. Siebenbürger Sachsen leben seit Jahrhunderten im Gürtel der Karpaten mit orthodoxen Rumänen, mit Aromunen und mit Roma zusammen, aber ebenso mit reformierten, mit unitarischen oder mit katholischen Ungarn, mit Juden und mit Armeniern in dem Land des Segens, das als Land der Duldung (seit der Reformation) jedes Glaubens sicherer Ort geworden war, wie Maximilian Leopold Moltke (1819 – 1894) es im Siebenbürgenlied treffend beschrieben hat.

Das selbstverständliche Mit- und Nebeneinander von unterschiedlichen kulturellen und religiösen Traditionen bestimmt und prägt den menschlichen Umgang von frühester Kindheit an in dieser besonderen europäischen Region am Übergang vom Abendland zum Morgenland. Äußerlich erkennbar waren für mich Orthodoxe vor allem im alltäglichen Lebensvollzug: bei kirchlichen Festen in der Oster- und der Weihnachtszeit, bei Taufen, Namenstagen und Trauungen (Krönungen) und Beerdigungen, die einer anderen Ordnung folgten als der eigenen sächsisch-lutherischen. Aufgrund der üblichen konfessionsnationalen Zuschreibung war orthodox identisch mit rumänisch beziehungsweise evangelisch Augsburgischen Bekenntnisses mit siebenbürgisch-sächsisch. In Meschen gab und gibt es neben der großen „sächsischen“ Kirchenburg zwei kleinere „rumänische“ Kirchen, wobei eine offen war und rege genutzt wurde, während die andere verschlossen war. Dass es sich bei Letzterer um eine griechisch-katholische unierte Kirche handelte, die im kommunistischen Rumänien verboten war, habe ich erst viel später erfahren.

Die orthodoxe Fastenpraxis habe ich als Schüler zum Beispiel bei rumänischen Kolchosbauern, den Arbeitskollegen meines Vaters, bei der Jause auf der Feldarbeit kennengelernt. Roma schenkten mir eine Brotschnitte mit einem leckeren Gemüseaufstrich (zacusca) und lehnten gleichzeitig das Angebot des jungen Parteikaders, der die Feldarbeit „beaufsichtigte“, in der großen Woche (Karwoche) einen Happen frisch gebratenen Specks mit Brot zu essen, dankend ab. Ihr Argument war, dass der Erlöser der Versuchung des Teufels in der Wüste auch widerstanden hätte, was den jungen Funktionär zu sehr unchristlichen Fluchsalven provozierte, da er sich zwar als Kommunist ausgab, aber sicher kein Teufel sein wollte.

Ich habe orthodoxe kirchliche Praxis wie andere religiöse Praktiken bis zum Theologiestudium (in Deutschland) nicht durch Literatur (die es in Rumänien auch gar nicht gab), sondern im beobachtenden Vollzug kennengelernt. Geprägt hat mich sicher, dass meine Eltern als sächsische Bauern einen selbstverständlichen kultur- und religionssensiblen Umgang mit Menschen unterschiedlicher Nationalität und Religion pflegten, auch wenn sie diesen Begriff gar nicht kannten. Dass dem jüdischen Arzt Obst und koschere Hühnersuppe angeboten wurde und der orthodoxen Krankenschwester geräucherte Schweinewürste geschenkt wurden, war in unserer Familie selbstverständlich. Die gesellschaftliche Marginalisierung und die widerlichen atheistischen Propagandaversuche vor allem vor dem orthodoxen Osterfest stärkten die emotionale Ablehnung der kommunistischen Ideologie und solidarisierten Gläubige aller Konfessionen untereinander.

Dass sich Orthodoxe beim Anblick einer Kirche oder eines Wegkreuzes im Bus bekreuzigten, zeigte, dass sie orthodox waren, ohne dass das ausgesprochen werden musste. Gleichzeitig erwartete kein orthodoxer Rumäne von einem evangelischen Sachsen, dass er sich bekreuzigte, und genauso wenig erwartete eine sächsische Familie, dass rumänische Jugendliche konfirmiert wurden, da es die Konfirmation in der Orthodoxie überhaupt nicht gibt.

„Christus ist auferstanden“

Wenn orthodoxe Kinder in der Zeit zwischen Christfest und Epiphanias von Haus zu Haus zogen und die Geburtsgeschichte sangen (colinda), gingen sie in jedes Haus, das sie einließ, und fragten nicht, ob ein evangelischer oder ein orthodoxer Hauskalender in der Küche hing. Ebenso war es selbstverständlich, nach Ostern mit „Christus ist auferstanden“ zu grüßen und mit „Er ist wahrhaftig auferstanden“ zu antworten. Als ich selbst eines Morgens eine Lehrerin mit „Christus ist auferstanden“ grüßte, entgegnete sie kess „Hast Du ihn gesehen?“. Ich verneinte und antwortete, dass ich das so gelernt hätte, worauf sie antwortete „Na gut, dann ist er wohl auferstanden.“

Im Grunde habe ich in der Begegnung mit dem Anderen, den Orthodoxen, die eigene lutherische Frömmigkeit leichter begreifen können, wenn zum Beispiel jedes Mal, wenn der Name eines Verstorbenen genannt wurde, das Gegenüber sagte, „Gott möge ihm verzeihen“, und bei orthodoxen Beerdigungen die inständige Bitte an Maria, die Gottesgebärerin, die Seele des Verstorbenen zu Christus dem Erlöser zu tragen, damit sie nicht im Hades herumirren möge und der Verstorbene ewig keine Ruhe findet. Dass Jesus Christus uns Menschen am Kreuz erlöst hat und wir durch die Taufe getrost vor Gott Rechenschaft ablegen können, bekennt die ganze Christenheit, aber es lässt sich reformatorisch doch viel leichter aussprechen, weil das „Es ist vollbracht“ in den Chorälen kräftiger zum Ausdruck kommt.

Als ich nach Ausbildung und Arbeit als Werkzeugmacher 1986 in Neuendettelsau mit dem Studium der evangelischen Theologie anfing, kannte ich das Fach Ostkirchenkunde gar nicht. Das Interesse an dem Fach und dem Inhalt hat Georg Kretschmar (1925 – 2009) geweckt, bei dem ich in München studierte. Während einer mündlichen Prüfung fragte er, welche theologischen Fragen mich besonders interessieren würden. Ich antwortete, dass mich die Frage, wie Jesus Mensch und Gott zugleich sein könne, besonders interessieren würde. Daraufhin bedauerte er, dass er ab dem folgenden Semester leider Emeritus sei, da ich bei ihm mit dieser Frage genau richtig sei. Und er fragte mich, ob ich nicht Interesse an evangelischer Ostkirchenkunde hätte, da er wahrgenommen habe, dass mir das Erlernen fremder Sprachen Freude bereite und ich keine kulturellen Vorbehalte gegenüber Orthodoxen hätte. Er empfahl mir Heidelberg oder Erlangen als Studienort. So studierte ich schließlich in Erlangen bei der Grand Dame der Geschichte und Theologie des Christlichen Ostens, bei Fairy von Lilienfeld (1917 – 2009), und intensiv bei Karl Christian Felmy und war als studentische Hilfskraft überrascht und fasziniert, wie viel theologische Literatur es zu evangelisch-orthodoxen Beziehungen gab.

Dass ich nach dem Ersten Theologischen Examen in der Wartezeit zum bayerischen Vikariat als Gasthörer an der Gregoriana und am Pontificio Instituto Orientale (PIO) studieren durfte, empfinde ich bis heute als ein besonderes Geschenk des Lutherischen Weltbundes, weil ich persönliche und akademische Erfahrungen in einem mir zunächst völlig fremden akademischen und kirchlichen Kontext in Rom sammeln konnte. Die Oikonomia als zentralen kanonischen Grundsatz für die orthodoxe kirchliche Praxis habe ich am PIO an der Piazza di S. Maria Maggiore mit Syrern, Libanesen und Ukrainern studieren können. Oikonomia des Heils heißt verkürzt: Die Barmherzigkeit Gottes im Blick auf das Heil und die Befreiung von der Krankheit der Sünde legt barmherzige Entscheidungen im konkreten Fall nahe, ohne dass eine Analogie zur kanonischen Akribeia, zum strengen kanonischen Bußrecht, gezogen werden muss oder kann. So kann die Taufe, die in der Evangelischen Kirche empfangen wurde, in der Oikonomia selbstverständlich „anerkannt“ werden, wie das 2007 im Magdeburger Dom für alle orthodoxen Kirchen in Deutschland feierlich erklärt wurde, obwohl mangels fehlender Konzilsentscheidungen nach dem VII. Ökumenischen Konzil 787 kanonische Aussagen zu Taufen in reformatorischen Kirchen überhaupt nicht möglich sind, weil die Wittenberger Reformation sieben Jahrhunderte später begann!

Am deutlichsten kommt die Oikonomia bei der Möglichkeit zur Scheidung und zweiten und in Ausnahmefällen sogar dritten kirchlichen Ehe/Krönung zum Ausdruck, obwohl die Unauflöslichkeit der Ehe als Geheimnis Gottes und von Mann und Frau selbstverständlich bekannt wird! Dieser alte ostkirchliche Grundsatz ist evangelischen Christenmenschen genauso wie römisch-katholischen fremd, weil er in „westlicher“ Sicht willkürlich erscheint und nicht planbar ist. Dass zum Beispiel in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland Kinder und Minderjährige getauft werden, deren Eltern keiner Kirche angehören und nicht getauft sind, widerspricht zwar unserer geltenden Ordnung kirchlichen Lebens, könnte aber kategorial heilsökonomisch betrachtet werden, wenn unsere Praxis mit dem Hinweis „aus seelsorgerlichen Gründen möglich“ nicht so inflationär gebraucht würde.

Als Dozent in konfessionskundlichen Seminaren in Erlangen und in Nürnberg und bei der Begleitung vieler orthodoxer Studierender an evangelischen Fakultäten in Deutschland fielen mir immer wieder abwertende kulturelle und pseudotheologische (Vor-)Urteile gegenüber orthodoxen Kirchen auf. Dass Samuel Huntington in dem Opus „Kampf der Kulturen“ die insinuierte slawisch-orthodoxe Region nicht zum „Westen“ rechnet, entspricht einer religiös-ideologischen Perspektive, die die Geschichte des Christentums ignoriert. Das Christentum ist eine östliche, orientalische Religion und die Wurzeln unseres Glaubens liegen im Judentum und in den orientalischen Kulturen der Antike. Sonst würden wir nicht den Heiligen Abend am Vorabend des Christfestes am 24. Dezember feiern – aber wir tun dies, weil der Tag im Orient am Abend nach dem Sonnenuntergang beginnt. Die orthodoxen Kirchen bewahren andererseits antike orientalische und jüdisch-christliche Reinheitstabus in ihrem kanonischen Recht und zum Teil in der kirchlichen Praxis, die heute befremden.

Die Reinheitstabus irritieren nicht nur zeitgenössische westliche Christen, sondern ebenso orthodoxe. Zwar haben einzelne orthodoxe Kirchen wie die Kirche von Antiochien solche Tabus synodal aufgehoben, aber mangels fehlender weltweiter Verständigungspraxis in den orthodoxen Kirchen bleibt dies ein grundsätzlich ungelöstes theologisches Problem orthodoxer Kirchen. Die Möglichkeit einer weltweiten innerorthodoxen Verständigung zu brennenden aktuellen Fragen orthodoxer Kirchen wurde 2016 beim Heiligen Großen Konzil der Orthodoxen Kirche in Kreta nicht realisiert, da Moskau und Antiochia und Sofia dem Panorthodoxen Konzil fernblieben, obwohl das Patriarchat Moskau seit den 1960er-Jahren an dessen Vorbereitung intensiv mitgewirkt hatte.

Drittgrößte christliche Konfession

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine sind fast eine Million Frauen, Kinder und Männer nach Deutschland geflüchtet. Die Mehrheit der Geflüchteten bezeichnet sich selbst als orthodox, auch wenn sie im Einzelnen vielleicht gar nicht sagen können, was für sie orthodox heißt. Orthodoxe Christen sind gegenwärtig die drittgrößte christliche Konfession in Deutschland, die jedes Jahr um zigtausende Gläubige durch Zuwanderung in der EU und durch Geflüchtete wächst.

Da die Orthodoxen Kirchen trotz des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts die Kirchensteuer und das deutsche Mitgliedschaftsrecht ablehnen, werden sie bei der offiziellen Statistik wie evangelische Freikirchen nicht in Betracht gezogen. Das könnte vielleicht manche betrübten evangelischen und katholischen Zeitgenossen trösten, da durch die Orthodoxen noch immer mehr als die Hälfte der Bevölkerung christlich ist.

Die temporäre und längerfristige kirchliche Beheimatung der aus der Ukraine Geflüchteten erscheint mit als die größte gegenwärtige Herausforderung der Kirchen in Deutschland. Zwar gibt es hilfreiche Materialien des Bensheimer konfessionskundlichen Instituts zum Verständnis orthodoxer Frömmigkeit und kirchlicher Praxis, aber ich vermisse eine Initiative seitens der Evangelischen Kirche und ihrer Gliedkirchen, um in unseren Gemeinden Verständnis und Interesse für orthodoxe Christen aus der Ukraine zu vermitteln und die Aufnahme von Geflüchteten als eine geistliche Aufgabe und nicht primär psycho-soziale Angelegenheit zu definieren. Durch die wachsende Ablehnung ukrainischer Gläubiger, an Gottesdiensten in Gemeinden des Moskauer Patriarchats in Deutschland teilzunehmen, sind hunderttausende ukrainische Gläubige kirchlich hierzulande heimatlos. Die seit 2019 bestehende Kiewer Metropolie hat hierzulande kaum Ansprechpersonen.

Was spricht dagegen, in den zwanzig evangelischen Landeskirchen Beauftragte für Gottesdienst und Seelsorge mit Ukrainerinnen und Ukrainern zu berufen und dem Kirchenamt in Hannover die Koordination dieser Aufgabe zu übertragen? Auf diese Weise würde deutlich, dass die EKD Kirche für Andere und mit Anderen ist. Theologisch kompetente Frauen und Männer wären im Jungen Forum Orthodoxie und unter den früheren und gegenwärtigen Delegierten der ökumenischen Dialoge der EKD sehr leicht zu finden. 

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Johann Schneider

Dr. Dr. h.c. Johann Schneider, seit 2012 Regionalbischof der EKM, Magdeburg. Davor war er für die EKD für ökumenische Dialoge und orthodoxe Kirchen zuständig. War Dozent für Ostkirchenkunde in Erlangen und hat mehrere Jahre orthodoxe Studierende fachlich und seelsorgerlich in Deutschland begleitet.


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