Denkerische Sackgassen

Jean-Paul Sartre und Martin Heidegger über den Humanismus
Porträt-Interpretationen von Philosophen der niederländischen Künstlerin Eveline van Duyl (von links): Jean-Jacques Rousseau, Hannah Arendt, Desiderius Erasmus und Jean-Paul Sartre.
Foto: picture-alliance/Ingo Wagner
Porträt-Interpretationen von Philosophen der niederländischen Künstlerin Eveline van Duyl (von links): Jean-Jacques Rousseau, Hannah Arendt, Desiderius Erasmus und Jean-Paul Sartre.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden den Tätern in den Nürnberger Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg vorgeworfen. Doch was bedeutet Humanität oder Humanismus? An die 1947, also vor 75 Jahren, stattgefundene Debatte über den Humanismusbegriff erinnert Eberhard Pausch, Studienleiter für Religion und Politik in Frankfurt/Main.

Am 8. August 1945 unterschrieben Vertreter der vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges in Nürnberg die Rechtsgrundlage für das bevorstehende Internationale Militärtribunal. Die „Nürnberger Prozesse“ begannen. Den Angeklagten wurden vorgeworfen: „Crimes against Peace“, „War Crimes“ und „Crimes against Humanity“. Eine juristische Neuerung und ein Präjudiz stellte die dritte Kategorie dar: Was waren „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“? Was bedeutete das Wort „humanity“? Das Begriffsfeld „Humanität, Humanismus“ wurde damit zum öffentlich diskutierten Thema.

Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund muss der Vortrag gesehen werden, den der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre (1905–1980) im Dezember 1945 in Paris hielt. Sein Thema: „Ist der Existenzialismus ein Humanismus?“ Sartre war damals bereits weit über Frankreich hinaus bekannt. Sein 1943 erschienenes Buch Das Sein und das Nichts war aus der Auseinandersetzung mit Gedanken Edmund Husserls (1859–1938) und Martin Heideggers (1889–1976) entstanden. Es war der Versuch einer existenzialistischen Positionierung zu Heideggers erstem Hauptwerk Sein und Zeit (1927) gewesen.

Mit seinem Vortrag von 1945 wollte Sartre dagegen auf Vorwürfe gegen seine Philosophie antworten, die aus zwei unterschiedlichen Richtungen kamen. Der Text war somit eine Art „Apologie des Existenzialismus“. Die kommunistische Kritik warf Sartre nämlich „Quietismus“ vor – dem Existenzialismus fehle es an Handlungsperspektiven. Aus der römisch-katholischen Kirche wiederum hielt man dem Existenzialismus entgegen, er beinhalte keinerlei „Werte“ und sei deshalb aus christlicher Sicht problematisch. Beiden Vorwürfen entgegnete Sartre mit der These, der Existenzialismus sei eine humanistische Philosophie und deshalb sowohl an Werten orientiert als auch auf konkretes Handeln ausgerichtet.

Der Vortragstext von 1945 kursierte bereits kurze Zeit später als Essay in ganz Europa. Jean Beaufret (1907–1982) und andere französische Bewunderer und Freunde Heideggers baten diesen um eine Stellungnahme dazu. So entstand dessen „Brief über den Humanismus“, der erstmals 1947 in Bern veröffentlicht wurde. Man kann die beiden (im Vergleich zu den zuvor publizierten Hauptwerken eher kurzen) Texte als These und Antithese lesen, denen jedoch keine Synthese im Sinne einer gehaltvollen Verständigung der beiden Denker folgen sollte.

Sartre behauptet im Vortrag zunächst, die von Heidegger und ihm vertretene Variante des Existenzialismus habe eine atheistische Basis. (Als „christliche Existenzialisten“ bezeichnet er Karl Jaspers und Gabriel Marcel.) Sie könne daher nur vom Menschen ausgehen und die ontologischen Strukturen seines „Daseins“ thematisieren. Nur dem Menschen eigne „Existenz“ – und diese gehe seiner „Essenz“ voraus.

Das Wesen des Menschen bestehe somit in seiner Existenz, in seinem realen, konkreten, aus seiner Freiheit erwachsenden Handeln. „Freiheit“ ist dabei für Sartre nicht bloß eine anthropologische, sondern eine ontologische Kategorie. Denn die Freiheit macht das „Sein“ des Menschen als eines existierenden Daseins aus. Weil die Existenz der Essenz vorausgeht, muss der Mensch entschieden handeln: sich „engagieren“. Um dies tun zu können, muss er „Werte“ setzen, also sich selbst Orientierungen für sein Handeln geben. Solche Werte kann man auch als Bausteine einer Moral sehen. Damit sind aus Sartres Perspektive beide Vorwürfe, der marxistische des Quietismus und der katholische der Werte-Indifferenz, abgewehrt. Aber ist damit der Existenzialismus schon als Humanismus erwiesen? Sind subjektiv gesetzte „Werte“ notwendig humanistische Werte?

Sartres Verantwortungsethik

Sartre bezieht sich, um diesem Einwand zu entgehen, in seinem Essay auf Immanuel Kants im „Kategorischen Imperativ“ angelegtes formalistisches Ethik-Argument, dem zufolge nur „gut“ sein kann, was im Sinne einer allgemeinen Gesetzgebung wäre. Die anderen Menschen sind ja eine Bedingung meiner eigenen Existenz, und so will ich etwa Freiheit niemals bloß für mich selbst, sondern immer auch für alle anderen Menschen. Wenn ich mir das klarmache, dann folgt aus dem Entwurf meiner Werte unmittelbar eine Verantwortlichkeit für alles, was ich tue (und lasse). Sartres humanistische Ethik ist daher prinzipiell eine Verantwortungsethik.

Heidegger, der sich zuvor auf unheilvollste Weise in den Nationalsozialismus verstrickt hatte, grenzte sich von Sartre in seinem „Brief über den Humanismus“ sehr deutlich ab. Seine Philosophie sei nämlich kein „Existenzialismus“, sondern ein „Denken des Seins“, ein Versuch also, das „Sein selbst“ zu denken – was auch immer dieses Sein sein mochte. Deshalb sei sein Denken auch kein „Humanismus“. Es gehe ihm nämlich nicht um den Menschen, auch wenn er in „Sein und Zeit“ vom „Dasein“ aus das Sein selbst zu erfassen versucht hatte. Dieser Versuch sei indes gescheitert, weshalb eine „Kehre“ in seinem Denken notwendig geworden sei: Nun gelte es, vom Sein selbst aus zu denken, auch wenn man über dieses nur tautologisch sagen könne: „Doch das Sein – was ist das Sein? Es ist Es selbst.“

Es ist deutlich: Die beiden Denker haben kein gemeinsames Fundament. Schon Sartres basale These, die Existenz gehe der Essenz voraus, kann Heidegger nicht teilen, denn: Die These sei lediglich die Umkehrung des klassischen metaphysischen Satzes „Die Essenz geht der Existenz voraus.“ Die Umkehrung eines metaphysischen Satzes aber bleibe stets ebenfalls ein metaphysischer Satz. Man könne damit also nicht die Metaphysik überwinden, und eben dies sei notwendig. An dieser Stelle fragt sich, woher Heidegger die Gewissheit hat, dass jede Umkehrung eines metaphysischen Satzes wiederum ein metaphysischer Satz sein müsse. Die Einführung einer solchen Transformationsregel wird jedenfalls von ihm nur behauptet, nicht aber begründet.

Allerdings hat Heidegger von der von ihm gelegten Grundlage her nun leichtes Spiel, alle wesentlichen Aussagen Sartres zu bestreiten. Schon der erste Satz seines Textes, „Wir bedenken das Wesen des Handelns noch lange nicht entschieden genug“, ist ein Fundamentalangriff auf Sartre. Das Denken als „Lassen“ sei vielmehr das ursprünglichere Handeln, und zwar als Sein-Lassen des Seins. Solches Denken sei auch eigentliches Engagement, nämlich „Engagement für das Sein“. Der Humanismus sei ohnehin ein „römischer Begriff“, notwendig mit Metaphysik verbunden, und deshalb absolut inadäquat. Von „Werten“ zu sprechen sei überdies eine „Blasphemie“ gegenüber dem „Sein“, weil diesem „Würde“ zukomme. Der Blasphemiebegriff zeigt an, dass Heidegger das Sein geradezu als etwas „Göttliches“ denkt. Heidegger meint darüber hinaus, Sartre könne nicht einmal produktiv mit dem Marxismus ins Gespräch kommen, da er nicht sehe, dass der Marx’sche Entfremdungsbegriff eigentlich ein Ausdruck der „Seinsvergessenheit“ sei. Marx verfüge daher über einen leistungsfähigen Begriff der „Geschichtlichkeit“, an dem es Sartre wiederum mangele. Die Verbeugung Heideggers gegenüber dem „Marxismus“ mag opportunistische Gründe haben, denn in Frankreich war dieser in der frühen Nachkriegszeit unter Intellektuellen weit verbreitet. Insgesamt aber ist Heideggers „Brief“ eine philosophische Grundsatzüberlegung in polemischer Absicht, die eine Verständigung mit Sartre nahezu unmöglich macht.

Wie kann man heute, ein Dreivierteljahrhundert nach dieser Auseinandersetzung zweier herausragender Denker (und das war auch Heidegger, unbeschadet seines politisch- philosophischen Total-Versagens im Dritten Reich), die damalige Debatte bewerten, zumal aus christlich-protestantischer Sicht?

Wenn die Existenz der Essenz vorausgeht, wie Sartre meint, wird dann die Geschöpflichkeit des Menschen ernst genommen? Am Anfang und am Ende ihres Lebens und oft auch mitten darin sind Menschen gar nicht entscheidungs- und handlungsfähig. Man denke an Babys im Mutterleib oder Neugeborene, an Sterbende, an Komapatienten. Aber sind sie nicht trotzdem essentiell Menschen? Vielleicht ist der umgekehrte Fall nur für gesunde, erwachsene, reflexionsfähige Personen gegeben: Sie können Werte setzen, handeln, sich engagieren. Ist dann der Existenzialismus nicht eine Art „Luxusphilosophie“?

Des Weiteren: Wenn die Existenz der Essenz vorausgeht, wird der Mensch dann nicht durch sein Tun, durch seine (guten oder schlechten) Werke geradezu vollständig definiert? Das wäre besonders aus protestantischer Sicht ein gravierender Einwand, wenn denn die Existenz des Menschen ihrem Umfang nach aus seinem Handeln (aus der Summe seiner Werke) besteht. Natürlich trifft dieser Einwand Sartre nicht, da für ihn Gott ja keine Rolle spielt und der Mensch daher nicht – wie bei Luther – über seinen Glauben an Gottes rechtfertigendes Handeln definiert werden kann.

Verantwortung der Handelnden

Ein dritter Punkt: Jedoch, ob die Existenz aus den menschlichen Werken besteht oder sich über den Glauben an Gott definiert, dem dann (nach Martin Luther) auch gute Werke folgen werden: In beiden Fällen kommt die Verantwortung der Handelnden ins Spiel. Sartre betont die Verantwortungsdimension menschlichen Handelns. In Heideg­gers „Brief über den Humanismus“ gibt es dazu keine Entsprechung. Das ist leider kein Zufall. Denn wenn „der Führer“ selbst das Gesetz „ist“ (so Heidegger 1933), dann bleibt eigentlich kein Raum mehr für Freiheit und menschliche Verantwortung. Wenngleich Heidegger nach 1945 die Identifikation des Führerwillens mit dem Sein nicht mehr vertrat, so blieb doch die eigentliche Instanz des Handelns das Sein selbst.

Und viertens: Die Begriffe „Existenzialismus“ und „Humanismus“ zeigen an, dass für Sartre der existierende Mensch im Zentrum seiner Philosophie steht. Bedeutet das aber nicht doch auch eine problematische Engführung? Denn Menschen sind ja nur ein Teil der Natur und tragen sogar in erheblichem Maße zu ihrer Zerstörung bei. Heideggers Seinsdenken ließe sich dagegen potenziell auch als Ausgangspunkt für eine „Öko-Ontologie“ verstehen. Er ist ein Technik-Skeptiker und „Diagnostiker der Umweltzerstörung“ (Lorenz Jäger). Das macht sein Denken durchaus aktuell und hätte hilfreich sein können, wenn es denn anschlussfähig gewesen wäre für Verantwortungsbereitschaft.

Eine Öko-Ontologie und ein verantwortlicher Humanismus müssten demnach heute philosophisch zusammengedacht werden. Das wäre die Synthese, die vor 75 Jahren nicht gelang und auch überhaupt nicht gelingen konnte. Denn beide Denkwege führten letztlich auf Holzwege oder in Sackgassen. Im Blick auf unsere aktuellen Herausforderungen etwa durch die Klimakrise oder in der Bioethik steht wohl eines fest: Wir handeln noch lange nicht entschieden genug. Denn: „Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben.“ 

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