Gott und Teufel

Wege und Irrwege im Orient
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Dieser Roman hat Furore gemacht. 2009 mit dem International Prize for Arab Fiction ausgezeichnet, wurde gegen seinen Autor, den Direktor der Handschriftensammlung der Bibliotheca Alexandrina, mit zahlreichen Werken über den Sufismus, islamische Philosophie und Medizin wissenschaftlich ausgewiesen, von Seiten koptischer Christen in Ägypten eine Hesba eingeleitet, die eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren fordert.

Das Rechtsverfahren wurde damit begründet, dass Ziedan in seinem Roman Priester und Bischöfe beleidigt habe. Als Muslim könne er zum Christentum nicht kompetent Stellung nehmen. Islamistische Gruppierungen haben inzwischen eine eigene Anzeige wegen Äußerungen Ziedans über die Religion eingeleitet.

Gerade diese Verquickungen von Politik, Macht und Gewalt sind ein zentrales Thema des Romans. Er wird als die Erzählung des Mönches und Arztes Hypa präsentiert, die er im Jahr 431, kurz nach der Exkommunikation des Bischofs Nestorius auf der Synode von Ephesos, im Kloster niederschreibt, die - so die kurze Rahmenerzählung - bei Ausgrabungen in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gefunden, von einem Gelehrten aus dem Aramäischen ins Arabische übertragen wurde, und erst nach dessen Tod publiziert werden sollte. Am Wendepunkt seines Lebens verfasst, folgt die Lektüre den Erinnerungen und Reflexionen Hypas auf dreißig Pergamenten, die seinen Lebensweg wiedergeben. Zum Weiterschreiben wird er angestachelt durch die Stimme Azazels, des Versuchers, die nur in ihm ist, seine Versuchungen mehr aufdeckt als herbeiführt und so schließlich auch die im Schreiben gefundene Lösung aus der Aporie des Lebens anregt.

In der Lebensgeschichte des ägyptischen Mönches sind die religiösen Auseinandersetzungen der Zeit verdichtet. Als Junge erlebt er die Ermordung seines Vaters, der die Priester eines ägyptischen Heiligtums mit Fischen versorgt, durch Christen. Nach Stationen in Nag Hammadi und Achmim (Panopolis), wo er mit der neuplatonischen Philosophie in Berührung kommt, geht er nach Ale-xandria, um dort Theologie und Medizin zu studieren. Die Begegnung mit der Heidin Octavia erschließt ihm für einige Tage die Welt erotischer Sinnlichkeit. Angezogen von der neuplatonischen Philosophin und Mathematikerin Hypatia erlebt er ihre Ermordung durch einen christlichen Mob. Verstört flieht er aus der Stadt, geht auf eine lange Pilgerreise, tauft sich selbst im Nildelta auf den Namen "Hypa" und trifft in Jerusalem auf Nestorius, der ihn in seine Theologie einführt und an das Kloster bei Aleppo vermittelt, in dem er als Mönch und Arzt lebt und arbeitet. Höhepunkt des Romans ist die miteinander verflochtene Geschichte der Synode von Ephesos, wo Nestorius verdammt wird, und die Liebesgeschichte Hypas mit der Sängerin Marte, um derentwillen er nach Fertigstellung des Manuskripts "als freier Mensch" das Kloster verlässt.

Gewiss, ein unorthodoxer Blick auf die Religions- und Kulturgeschichte in einem spirituellen Abenteuerroman: Die Rechtfertigung des Arius als Kritik der ägyptischen Volkstrinität Isis, Horus, Osiris, die Parteinahme für Nestorius gegenüber dem als machtbesessen geschilderten Kyrill - da gibt es viel, was vonseiten der Kopten zu kritisieren wäre. Allerdings sollte das, was im Roman praktiziert wird - die Sicht der Anderen auf die eigene Tradition ebenso zuzulassen, wie die eigene Sicht auf die anderen Traditionen kritisch zu reflektieren - nicht durch den Einsatz von Rechtsmitteln im Kampf der Religionen um die Macht unterbunden werden. Die eigentliche Pointe des Romans ist die Unterscheidung von Religion und Gewalt, die für alle Seiten der Auseinandersetzung, religiöse wie säkulare, eine wichtige Botschaft enthält: "Die Ermordung von Menschen im Namen der Religion bedeutet nicht, dass dies Teil der Religion ist."

Youssef Ziedan: Azazel. Luchterhand Literaturverlag, München 2011, 448 Seiten, Euro 22,99.

Christoph Schwöbel

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