Heiliges Blech

Eine Geschichte des Blechblasens
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Nicht nur Geschichtsbuch, sondern auch Kulturgeschichte des Blechs, Instrumentenkunde, praktisches Lehrbuch und physikalische Analyse: Lehrreich und unterhaltsam stellt Lassek die große Blechinstrumentenfamilie vor.

Der Überblick über die Geschichte des Blechblasens, die der promovierte Biologie und Wissenschaftsjournalist Reinhard Lassek vorgelegt hat, ist mit einem programmatischen Titel versehen: Wir sind das Blech! richtet sich an die nach Schätzung des Evangelischen Posaunendienstes in Deutschland rund 120.000 Trompeter, Hornisten, Posaunisten und Tubisten, die sich in Posaunenchören Woche für Woche zum Proben treffen, Gottesdienste in ihren Gemeinden mitgestalten oder Konzerte geben. Ganz zu schweigen von den vielen Ensembles und Bigbands in Musikschulen oder in freier Formation.

Lassek, der selbst seit Jahren ehrenamtlich als Posaunenchorleiter arbeitet, stellt den historischen Abriss an den Anfang: Beginnend bei der Entstehung evangelischer Posaunenchöre schlägt er in seiner Bläserhistorie den Bogen bis hin zu Jagdhornkorps, Brassbands und den Bläsern der Heilsarmee. Drei Kapitel widmet er dem Posaunengeneral Johannes Kuhlo - einem der prägendsten, aber auch umstrittensten Gestalten der evangelischen Posaunenchorbewegung in Deutschland.

Denn Kuhlo hatte sich zwar durch die Entwicklung einer eigenen Posaunenchornotation sowie durch die Erfindung des nach ihm benannten Kuhlo-Horns - eines kompakt-eiförmigen Altinstruments - einen Namen gemacht. Zugleich hatte er, wie es der Bielefelder Kirchenhistoriker Matthias Benad beschreibt, bereits 1932 "Hitler in Erweckungskreisen hoffähig gemacht": Kuhlo musizierte vor Hitler auf dem Obersalzberg und arrangierte Bläsersätze zum Horst-Wessel-Lied. Auf wenigen Seiten gelingt es Lassek, hier ein differenziertes Bild zu zeichnen und die dunklen Seiten nicht auszusparen.

Gleichwohl will das 140 Seiten starke Büchlein mehr sein: nicht nur Geschichtsbuch, sondern auch Kulturgeschichte des Blechs, Instrumentenkunde, praktisches Lehrbuch und physikalische Analyse. Lehrreich und unterhaltsam stellt Lassek die große Blechinstrumentenfamilie vor: Angefangen bei der Chazozra, einer aus Silber getriebenen, lang gestreckten Trompete aus alttestamentlicher Zeit, bis hin zur Erfindung der Ventil- und Zugtrompeten.

In seinem Buch diskutiert der Autor die unter Blechbläsern nie eindeutig beantwortete Frage der Mundstückwahl und führt in die Ansatztechnik auf dem Blechblasinstrument ein. Immer wieder lässt er dabei den profilierten Musikpädagogen und Professor an der Hochschule für Musik in Dresden, Malte Burba, zu Wort kommen, der nicht nur in Deutschland zahlreiche (Profi-)Musiker geprägt hat. Letztendlich ist es aber auch die Physik, die den Naturwissenschaftler Lassek an den Blechblasinstrumenten fasziniert. Ausführlich beschreibt er die physikalische Tonerzeugung - Luftströmung, Zungeneinsatz, Atemtechnik und Lippenschwingung.

Vieles kann der Autor in seinem Buch nur antippen. Und doch will der kurze Abriss stets Lust auf mehr machen: Lust daran, nicht nur den ewiggleichen Choral, sondern auch mal eine schwierigere Partitur in Angriff zu nehmen. Lust darauf, an der eigenen Technik und am Ansatz zu feilen. Als Vorbilder dienen dem Autor dabei auch die Profis in den Konzertsälen und Orchestern dieser Welt - der Franzose Maurice André ebenso wie die Jazzlegende Louis Armstrong oder das Blechensemble "Canadian Brass". Trotz dieser Begeisterung hat Lassek einen nüchternen Blick auf die Mühen und Anstrengungen, die das Musizieren auf Trompeten und Posaunen mit sich bringt. "Üben hilft - leider", ist die Botschaft, die er seinen Lesern am Rande mitgibt.

Reinhard Lassek: Wir sind das Blech! Kreuz Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, 140 Seiten, Euro 14,95.

Barbara Schneider

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