Wer wird denn weinen?

Ein Monster, wer’s nicht täte. Und seien es auch mannhafte Tränen
Die niederländische Fotografin Maud Fernhout hat in  ihrem Projekt „What Real Men Cry Like“ (2014) weinende junge Männer fotografiert. Sie fragt mit ihren Fotografien, warum weinende Männer noch immer so tabuisiert sind.
Die niederländische Fotografin Maud Fernhout hat in ihrem Projekt „What Real Men Cry Like“ (2014) weinende junge Männer fotografiert. Sie fragt mit ihren Fotografien, warum weinende Männer noch immer so tabuisiert sind.
In der so genannten schönen Literatur wird viel geweint. Darin ist sie ein Spiegel des Lebens. Und seltsam: Obwohl die literarischen Tränen für die Leser nur virtuell sind, lassen diese sich – wenigstens nicht selten – rühren. Ob es aber einen geschlechtsspezifischen Unterschied in der Bereitschaft zu weinen gibt, bleibt eine offene Frage.

Männer weinen nicht. Ihnen kommen höchstens die Tränen. Aber auch vor körperlichem Schmerz? Den in der Schlacht verwundeten Heroen? – In der Ilias, dieser kulturhistorisch-ehrwürdigen Beschreibung antiker Gemetzel, jammern die Krieger zwar durchaus, sie klagen auch – aber weinen? Fehlanzeige, sofern männlichen Geschlechts; höchstens Feiglinge weinen, sie betteln aber auch höchst stillos um ihr Leben (10. Gesang). Im Übrigen ist das Weinen den Frauen vorbehalten. Andromache weint – „einer Rasenden gleich... in strömenden Tränen“ – , weil sie um das Leben ihres Gatten fürchtet, der sich allzu tapfer – oder ehrsüchtig? – immer wieder ins blutige Getümmel wirft. Sie fleht ihn an, an sie zu denken und an ihrer beider kleinen Sohn, aber Hektor muss in seiner Eigenschaft als Trojas Hauptheld diese Bitte zurückweisen: Er scheue den Tadel der Troer, „...auch verbietet es mir mein Mut...“ (6. Gesang).

In einem Lied über den Tod eines Soldaten im Ersten Weltkrieg heißt es bei Hannes Wader (*1942): „Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuss/ Oder hat ein Geschoss dir die Glieder zerfetzt/ Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt/ Bist du auf deinen Beinstümpfen weitergerannt...“ („Es ist an der Zeit“, 1982). Nein, im Jahre 1916 hilft keine Athene, keine Aphrodite, wie doch wenigsten gelegentlich in der Ilias, allerdings nur je ihren Lieblingshelden, nein, es ist die Zeit des anonymen Sterbens. Aber klaglos starben sie nicht, die „Helden“ des unseligen Zwanzigsten Jahrhunderts, und oft genug werden sie geweint haben.

Ob aber heldisches Klagen oder weibisches Weinen: Etymologisch kommt es gar nicht auf den Tränenfluss an: „Weinen“ stammt von „Wehe schreien“. Nach der Urbedeutung des Wortes weint auch, wem aus übergroßem Schmerz klagend die Tränen versiegen. Die Fähigkeit, Tränen zu vergießen gilt anthropologisch gewissermaßen als Alleinstellungsmerkmal des Menschen. Zwar soll auch bei Elefanten austretende Tränenflüssigkeit beobachtet worden sein, zwar schwor die Schriftstellerin und Hundeliebhaberin Mechtilde von Lichnowsky (1879–1958), Tränen bei ihren Hunden beobachtet zu haben (in: „An der Leine“, 1930). Doch weder wurde das eine als Gemütsbewegung anerkannt, noch das zweite geglaubt, und so bleibt es wohl dabei, der Mensch hat etwas Eigenes: das Weinen.

Dazu zählt auch das schlichte Weinen aus körperlichem Schmerz. Kinder weinen selbstverständlich, wenn sie sich verletzen. Später lernen wenigstens die Jungen, sich zurückzuhalten. Je mehr sie dem Krieger-Ideal folgen, umso weniger schickt sich das Weinen. Boxer und Kämpfer in neueren Brutalo-Sportarten weinen nicht. Es sei denn, aus Enttäuschung. Das ist selbst dem Harten gegönnt. Wenigstens auf Fußballplätzen wird heutzutage viel geweint. Das heißt natürlich nicht, dass Männer inzwischen ganz ungeniert weinen dürfen. Sie dürfen es in dafür vorgesehenen gesellschaftlich anerkannten Situationen. Davon gibt es glücklicherweise mehr als vor hundert Jahren. Aber es gibt noch genügend Situationen, wo es nicht ganz so anerkannt ist.

Testosterongequälter Macho

„The Times they are a-changing“ heißt es in einem berühmten Lied des Literatur-Nobelpreisträgers von 2016 Bob Dylan (*1941), der seine Texte fast nur zu (manche sagen: einer Art von) Musik vorgetragen hat. Eine Zeile von geradezu großartiger Unbestreitbarkeit (das Banale und das Ewiggültige sind ja gewissermaßen Zwillinge). Die Zeiten ändern sich.

Sie haben sich geändert. So sind Gott sei Dank die Zeiten, in denen den Jungen notfalls eingebläut wurde, sie seien es ihrer Geschlechtszugehörigkeit schuldig, sich das Weinen zu verkneifen, Vergangenheit. Heute schwant es selbst dem testosterongequältesten Macho, dass Indianer vermutlich Schmerz kennen. Was auch immer Karl May (1842–1912) geträumt und geschrieben haben mag. Ältere erinnern sich: In den Augen seiner Indianer verdient nur Achtung, wer am Marterpfahl eisern schweigt, oder, besser noch, die ethnisches Brauchtum pflegenden Folterer verhöhnt. Aber welcher Junge liest heute noch Karl May? Kaum einer. Die Zeiten ändern sich. Old Shatterhands volkspädagogische Wirkung ist dahin. Wer wird darüber schon weinen? Dabei hatte es einige Jahrzehnte vor dem sächsischen Phantasten (der wenige Wochen vor seinem Tod in Wien einen umjubelten Vortrag hielt: „Empor ins Reich des Edelmenschen“) so ausgesehen, als sei es mit dem Männer-weinen-nicht-Tabu endgültig vorbei.

In den Sturm-und-Drang-Jahren (in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts) gaben junge „Kraftkerls“ oder „Originalgenies“ ihren Gemütsregungen ungehemmt Ausdruck – gewiss auch gefördert durch eher super- als subkulturelle Konvention: Sie umhalsten sich völlig unberührt von damals noch ehrenrührigen Schwulen-Verdächten, sie weinten, wenn ihnen danach war, sie waren kreativ und genial und „empfindsam“ (Lessings Ersatzwort für englisch „sentimental“) – eben anders. Und sie wussten einfach, dass sie es aus edler Veranlagung waren. Von Frauen war noch weniger die Rede. Ihre Rolle war im empfindsamsten Falle die einer Muse eines genieverdächtigen Mannes. Einer von denen war Goethes Werther. Der kleine Briefroman um ihn war ein europaweiter Riesenerfolg, junge Männer bestanden darauf, nicht weniger empfindsam zu sein als Werther, sie gingen in Werther-Tracht, sie waren verliebt wie Werther, sie brachten sich um wie Werther. Und sie weinten wie Werther. Denn ja, der weinte, wenn ihm danach war, wenn ihn die Gefühle „übermannten“.

Es waren Liebesgefühle. Werther liebte Amalie, die aber, eine Sache der Bürgerlichkeit, erhörte einen anderen – aber, wir ahnen es, sie liebte im Grunde doch den Werther, Verwirrung der Gefühle, gegen Ende der Geschichte kommt es zu einer Umarmung zwischen ihnen, da hat der junge Mann, der nebenbei an der kränkenden Zurücksetzung in der Klassengesellschaft leidet, schon seinen gewaltsamen Abschied aus dem Leben geplant.

„Nur nicht aus Liebe weinen“, beschwor sich und die Hörerinnen einst Zarah Leander „es gibt auf Erden nicht nur den einen.“ (Text: Hans Fritz Beckmann). Und: „Es ist ja ganz gleich, wen wir lieben…“ In Wahrheit wird jede weinen, deren Liebe enttäuscht wurde, wenn sie denn wirklich liebt. Und das gilt auch für ihn, mag er es auch verstohlener tun.

Ein Butler in einem englischen Herrenhaus war noch zwischen den Kriegen Herr über eine große Bedienstetenschar, die Haushälterin seine rechte Hand. In Was vom Tage übrig blieb (1989) von Kazuo Ishiguro (*1954, Nobelpreis 2017) haben es die beiden schwer miteinander. Sie ziehen einander an, und wir, die Leser, ahnen, dass es Liebe sein, dass es zu ihr kommen könnte. Doch das scheitert am Butler, an seinem grotesken Pflichtbewusstsein, eine Art von seelischer Deprivation, die ihn unfähig zu jeder Annäherung sein lässt. Miss Kenton ersehnt sie vergeblich, durch sein Verhalten immer wieder zur Kratzbürstigkeit gezwungen. Irgendwann kündigt sie ihm ihre Hochzeit mit einer Zufallsbekanntschaft an, natürlich, um ihn zu provozieren. Es kommt zu einem sehr förmlich gehaltenen Streit, er wünscht ihr, nur scheinbar unbewegt, viel Glück, sie verschwindet in ihrem Zimmer. Er bleibt, im Sturm verleugneter Gefühle, vor der Tür stehen und ist sich plötzlich völlig sicher, dass er, würde er jetzt die Tür öffnen, Miss Kenton weinend vorfinden würde. Viele Jahre später berichtet er als Ich-Erzähler des Romans davon – und gibt offenbar nur unbeabsichtigt zu verstehen, wie sehr ihm sein damaliges Erstarren in absurder Korrektheit in einer tief vergrabenen Schicht seiner Seele leidgetan hat. Ob er geweint hat? Irgendwann, wenn auch verstohlen? Wir möchten es glauben.

Eng geschnürtes Gemütskorsett

Das war schon in der Zeit, als Männer nur im eng geschnürten Gemütskorsett gesellschaftsfähig waren. In ihr gab es allerdings wenigstens einen respektablen Grund für Tränen: Rührung. Vielleicht, weil sie am schwersten zu unterdrücken ist. Rührung zeugt freilich für sich genommen nicht zwingend von tief verankerter Humanität. Menschen neigen so gewiss zur Rührung, wie sie zum Weinen neigen. Und nicht nur „sex sells“, sondern auch Rührung. Das wissen Romanautoren so gut wie Filmregisseure, man kennt das Ergebnis als Auf-die-Tränendrüse-drücken.

Aber ob das Spiel mit Rührung nun ein billiges oder ein gehobenes ist: Seltsamerweise mindert der Umstand, dass literarische Tränen für die Leser nur virtuelle sind, nicht die Neigung zur Mit-Rührung.

Wahrscheinlich war selbst Amon Göth gelegentlich gerührt, der berüchtigte „Schlächter von P?aszów“, vielen am ehesten noch durch die Verfilmung (1993) des Romans „Schindlers Liste“ (1982) von Thomas Keneally im Gedächtnis.

Aber wer wäre so zynisch, Rührung nur als bedingten Reflex ohne moralischen Mehrwert zu betrachten? In Charles Dickens’ (1812–1870) Roman Bleak House (1853) kehrt ein verlorener Sohn nach Hause zurück. Das Muster ist bekannt. Hier, bei Dickens, empfängt ihn aber nicht der Vater – Väter sind bei Dickens eher schwächliche Figuren –, sondern die Mutter, an ihrem Busen weint er hemmungslos. Auch hier hat der verlorene Sohn einen Bruder (das entspricht dem Muster), der zu Hause geblieben ist und sich redlich genährt hat. Aber der neidet dem Ausreißer nichts (Abweichung vom Muster), will ihm gar bei der Eingliederung in die bürgerliche Gesellschaft helfen. Der wackere Heimkehrer ist übrigens alles andere als der liederliche Typ, er hat nicht mehr auf dem Kerbholz, als dass er es nicht zum Offizier gebracht hat, wie er es sich einst vorgenommen hatte.

Natürlich weint auch die Mutter. Frauen weinen. Das weiß jeder. So das Klischee. Dass sie es noch heute öfter tun als Männer, lässt sich statistisch belegen. Frauen haben einfach näher am Wasser gebaut, heißt es. Aber ob das wirklich natürlich ist oder ob es weniger mit der Natur als mit gesellschaftlicher Konvention zu tun hat – wer mag das entscheiden?

Die junge Salka Valka, („Salka Valka“, Roman, 1932, von Halldór Laxness, 1902–1998, Nobelpreis 1955) wird von Arnaldur schwer gekränkt. Vor ihrer beider Pubertät waren sie befreundet, beide auf ihre Art Außenseiter, er hatte ihr das Lesen beigebracht, ihr von seinen phantastischen Träumen erzählt – seitdem scheue Distanz, schließlich der Streit: Arnaldur spielt auf den schlechten Ruf ihrer Mutter an und darauf, dass Salka vor ein oder zwei Jahren von deren Liebhaber vergewaltigt worden sei. Sie will sich mit Worten wehren, „aber vom Weinen ist ihr die Kehle zugeschnürt…“.

Zugeschnürte Kehle

Sie beschließt, nie wieder mit Arnaldur zu sprechen. Aber natürlich tut sie es doch, als er kurz darauf fort in die weite Welt soll, fort aus dem elenden isländischen Fischernest, und er reumütig zu ihr kommt, sich zu verabschieden, denn natürlich lieben sie einander: „Und wie die erste Liebe die einzig wahre Liebe ist und alle späteren weiter nichts als kümmerliche Wiederholungen, so ist jeder Abschied später nichts als rührseliger Widerklang des ersten…“

Nur Anfänge vertrüge er in seinem Leben, behauptet hingegen die männliche Hauptperson in Peter Härtlings Erzählung Ein Abend, eine Nacht, ein Morgen (1971). Konkret heißt das, er, ein erfolgreicher Anwalt, 54, zwei erwachsene Kinder, betrügt seine Frau mit jungen Frauen, immer wieder, diesmal mit einer 27-Jährigen. Die nennt ihn einen alten Mann, er nennt sich selbst einen alten Mann, einen Herzinfarkt hat er hinter sich, er raucht, er trinkt weiter ... Seine Idiosynkrasie mit den Anfängen hat vielleicht mit seinem Kriegstrauma zu tun, vielleicht mit seiner Kindheit. Egal, der Leser ist geneigt, ihm zu glauben, aber was hilft das? Er meint, er hofft, er denkt, dies gehe schon irgendwie zusammen, müsse irgendwie zusammengehen: die Liebe zu seiner Frau und die Liebe zu der Geliebten, aber natürlich geht es nicht zusammen, das tut es nie, und sie, seine Frau, jahrelang an schmerzhafte Toleranzübungen gewöhnt, bekennt endlich: „‚Ich kann nicht mehr...‘“ Er: „Ruiniere nicht alles ...‘“ Sie: „‚Ich? ...Ich soll es sein, ich, ich, und meine Geduld?‘ Sie weinte, er ging nicht auf sie zu, er sah zu, wie sie weinte...“

Der Mann weint nicht. Sie weint. Er schaut ihr dabei zu. Mögliche Worte zerbröseln ihm im Hirn. Eine dieser banal-klassischen Konstellationen. Doch „alle gleich“ sind sie nur im Auge des unwilligen Betrachters. In Wirklichkeit – und in der Literatur, wenn sie etwas taugt – sind sie es nur so wie die Tatsache, dass jeder einmal stirbt.

Zum Schluss der Erzählung sagt die junge Geliebte: „Du lügst dir etwas vor.“ Er, müde, halbherzig: „Aber ich lüge gut... es ist eine neue Geschichte.“ – „Sie ist alt, sie wiederholt sich.“ – Ende.

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Helmut Kremers

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