Blick in Abgründe

Lob der literarischen Hassrede

Schlimmer geht immer – das gilt auch für die literarische Hassrede. Doch Karl Heinz Bohrers Buch endet mit den Worten „… der poetische Funke (ist) verstoben“, bezogen auf das Werk von Michel Houllebecq, dem französischen Schriftsteller, der sich seit seinem Roman Elementarteilchen da suhlt, wo der sagenhafte Spießbürger es verabscheut.

Karl Heinz Bohrer, Jahrgang 1932, gab schon in vielen seiner Veröffentlichungen zu verstehen: Ästhetik und Ethik sind verschiedene Hüte. Das gilt auch für die literarische Hasstirade. Weder die Moralkeule noch das angeblich feinere Instrumentarium der Psychologie hätten da etwas zu suchen. Ohne Zweifel: Darüber lässt sich nachdenken, gerade anlässlich einer Stimme vom Rang des Autors.

In die Niederungen des Hasses politischer Provenienz begibt sich Bohrer nicht. Es gehe nicht um reale Hasstaten, sondern um den „literarischen Hass-Effekt“. In der Literatur werde aus dem Hass-Affekt der Hass-Effekt. Wo der Hass ins Ästhetische, ins kunstvolle Wort, transzendiert werde, wer sich davon ergreifen lässt, werde wenigstens aus der Ödnis des Alltäglichen gerissen. Das reicht von den alten Griechen über das Shakespeare-Zeitalter bis in die jüngere Moderne. Bei den Alten folgte auf kunstvolle Bühnenhassreden die gespielte Realisierung des Angedrohten, schließlich wünschte das Publikum etwas zu sehen. Das blieb so bis ins 16. Jahrhundert, bis Christopher Marlowe. Noch in Shakespeares frühem Stück Titus Andronicus herrscht der Gott des Gemetzels, in Richard III., Othello, auch Hamlet (die Dolche aus dem Titel beziehen sich auf ein Hamletzitat) – tritt die poetische Rede in den Vordergrund, wohlgemerkt: die Hassrede.

Eine Tour de Force: weiterhin Milton, Swift, Kleist, Baudelaire, Wagner, Strindberg, Céline, Sartre, Bernhard, Handke, Jelinek, Goetz, Brinkmann und zuletzt Houllebecq.

Ein Prunkstück der Hassrede bot der französische Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline mit seinem Roman Reise ans Ende der Nacht (1932), in dem alles und jedes gehasst wird. Dem entspricht die Sprache: Wo der hohe Ton ausgereizt ist, muss das Argot für ihn eintreten. Nebenbei: Für Literaturkenner ist Céline wegen antijüdischer Schmähschriften nur noch mit Exzentriker-Freibrief satisfaktionsfähig.

Was seine krasse Sprache angeht, so hat Rainer Goetz versucht, sie zu übertreffen (Subito, 1983). Schule gemacht hat er damit nicht. Auch Überbietungen stoßen irgendwann an eine Decke.

Zwei Fakten begrenzen die poetische Gestaltung der Abgründe: Der nicht gerade kunstaffine, sondern sehr gewöhnliche Hang des Menschen, in Abgründe zu schauen, wo’s gefahrlos bleibt. Zum anderen die Krudität, dass alles, was da unten geschaut werden kann, von der Wirklichkeit längst überboten wurde und somit zum Immer-schon-Gewussten des Schriftstellers gehören sollte. Die Kunst diene dazu, uns das Leben erträglich zu machen, meinte Nietzsche, das „Peinliche, Schreckliche, Ekelhafte“ werde gemäß der menschlichen Natur ohnehin immer wieder herausbrechen. Die Moral von der Geschicht’ liegt wohl darin: Was als Keule geschwungen wird, ist immer auch ein Attentat auf die Moral. Dies zeigt sich. Wenn nämlich der poetische Funke zerstoben ist.

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