Die Deutungshoheit abgeben

Benin-Bronzen, Luf-Boot und die (post)kolonialen Machtverhältnisse
Foto: UHH/Dingler

Die geplante Rückgabe von Bronzen aus dem früheren Königreich Benin durch die Bundesrepublik wird gefeiert als Zeichen für den richtigen Umgang mit Beutekunst und Kolonialgeschichte. Doch für den Historiker Jürgen Zimmerer liegt der Teufel im Detail. Er warnt vor weiterhin bestehendem Machtgefälle und Defiziten in der Aufarbeitung deutscher Kolonialherrschaft.

„Wir stellen uns der historischen und moralischen Verantwortung, Deutschlands koloniale Vergangenheit ans Licht zu holen und aufzuarbeiten. Der Umgang mit den Benin-Bronzen ist dafür ein Prüfstein. Neben größtmöglicher Transparenz werden vor allem substantielle Rückgaben angestrebt. " So bewertete die für Kultur zuständige Staatsministerin Monika Grütters die Ergebnisse des Benin-Gipfels Ende April im Kanzleramt. Von einem „Wendepunkt in unserem Umgang mit der Kolonialgeschichte“, sprach auch Bundesaußenminister Heiko Maas.

Weithin gefeiert in den Medien, schien die prinzipielle Einigung der Bundesregierung, der Länder und von Spitzen der Museen, allen voran der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Restitution von Benin-Bronzen einzuläuten. Die Metalltafeln und Skulpturen schmückten seit dem 16. Jahrhundert den Königspalast von Benin im heutigen Nigeria und Ende des 19. Jahrhunderts als koloniale Beutekunst in die USA und nach Europa geholt wurden.  So erfreulich diese grundsätzliche Einigung über Rückgabe von Bronzen ist: Nur wenige Tage später zeigt die Fassade bereits Risse.

Wieso beginnt man mit der Restitution nicht noch in dieser Legislaturperiode, bevor eine neue Bundesregierung mit eventuell ganz anderer Zusammensetzung im Amt ist? Wieso legt man sich nur darauf fest, einen Zeitplan für die Restitution zu erarbeiten, statt ihn schon vorzulegen? Warum gibt man Verfügungsgewalt und Deutungshoheit nicht ab?

Tatsächlich verkündet der Benin-Gipfels lediglich, was in den vergangenen Jahren immer wieder propagiert, aber nicht mit Leben gefüllt wurde: Man wolle zurückgeben, mit den Herkunftsgesellschaften zusammenarbeiten. Muss man am Ende dieser so vollmundig mit einer Verpflichtung zur Aufarbeitung des kolonialen Erbes gestarteten vierten Regierung Merkel schon froh sein, dass das nicht zurückgenommen wurde?

Machtungleichgewicht nicht fortschreiben

Der Teufel steckt bekanntlich im Detail, bzw. in den Ausführungsbestimmungen: Warum verpflichtet man sich nicht nur zur bedingungslosen Rückgabe aller Raubkunst, oder zumindest aller geraubter Benin-Bronzen, statt nur eines nicht näher präzisierten „substantiellen Teils"? Wenn man geraubte oder unter Zwang angeeignete Objekte nicht behalten und ausstellen will, sollte man keine Bedingungen stellen, zumindest nicht, wenn eine Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit das Ziel ist. Schon der Anschein, dass dies geschehen könnte, müsste vermieden werden.

Wer bestimmt, wie umfangreich dieser „substantielle Teil" ist, wer wählt die Stücke aus? Dies in enger Kooperation mit Nigeria zu tun, ist selbstverständlich. Was denn sonst? Wer aber entscheidet, wenn man sich mit den Partnern nicht einigt: Die Vertreter:innen der Herkunftsgesellschaften und Opfer, oder die der damaligen Täter:innen und heutigen Profiteure? Was wenn Nigeria alle geraubten Stücke will? Und wie verhindert man, dass sich das Machtungleichgewicht, das am Anfang des Raubes stand, sich bei den Verhandlungen über das Wiedergutmachen fortschreibt?

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, hat dies in einem Interview mit dem Deutschlandfunkt inzwischen präzisiert. Auf die Frage, wer entscheidet, was genau zurückgegeben werde, die nigerianische Seite oder die deutsche, antwortete er: „Die politisch verantwortlichen Träger der einzelnen Einrichtungen“, also die Museumsleitungen und die ihnen übergeordneten Regierungen auf Landes- und Bundesebene, d.h. die Nutznießer des kolonialen „Sammelns“. Abgabe von Deutungshoheit und Verfügungsgewalt eingedenk des Unrechtscharakters des Aneignungskontextes sieht anders aus.

Gut, dass die Machtverhältnisse geklärt wurden. Aber wie abwegig ist da ein Szenario, in dem die nigerianischen Partner freiwillig in einen Kompromiss werden einwilligen müssen, um überhaupt ein Mitspracherecht zu behalten? Genau das ist eine Fortschreibung kolonialer Machtverhältnisse und hätte unter allen Umständen vermieden werden müssen, durch ein Bekenntnis zur bedingungslosen Restitution beispielsweise; zumindest wenn Aufarbeitung und Wiedergutmachung das Ziel sind und nicht Besitzstandswahrung.

Ginge es wirklich um Aufarbeitung, um einen Wendepunkt im Umgang mit der Kolonialvergangenheit, würde man auch der deutschen Zivilgesellschaft eine Rolle zugestehen. Nicht nur, weil es Aktivist:innen waren, deren beharrliches Insistieren den Benin Gipfel erst erzwungen hatte, sondern weil Aufarbeitung nur durch und mit der Gesellschaft möglich ist, und sich nicht in Kabinettspolitik erledigt, besonders nicht wenn Transparenz beschworen wird.

Das „Sich-selbst-auf-die-Schulterklopfen“ war noch kaum beendet, da zeigt sich am nächsten Objekt bereits, dass man nichts dazu gelernt hat, ja offenbar nichts lernen will. Kaum eine Woche nach dem Benin Gipfel steht das Luf-Boot zur Debatte. Es wurde in Deutsch-Neuguinea geraubt.  

Erste Reaktionen aus dem Humboldt Forum besagen, man wolle das Boot behalten, als „Mahnmal der Schrecken der deutschen Kolonialzeit". Selbstverständlich deutet das Museum auch hier alleine, was angemessen sei. Vielleicht sollte man es besser als Mahnmal der Arroganz bezeichnen.

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Jürgen Zimmerer

Jürgen Zimmerer ist Professor für Globalgeschichte an der Universität Hamburg und leitet dort den Projektverbund "Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe".


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