Denkanstöße

Geschlecht und Kirche

Die evangelische Theologin Jantine Nierop hat in diesem Band Aufsätze zum Thema Kirche und Geschlecht zusammengestellt und erweitert, die bis auf einen schon ganz oder teilweise veröffentlicht waren. Die Verfasserin war geschäftsführende Studienleiterin am EKD-Studienzentrum für Genderfragen, zuletzt Hochschulpfarrerin in Heidelberg und lehrt Praktische Theologie an der Universität Heidelberg.

Die ersten beiden Beiträge behandeln die Kategorie Geschlecht, der erste im Gender Mainstreaming als kirchlicher Strategie und in Genesis 1–3, der zweite in Karl Barths Geschlechterverständnis. Zwei weitere Aufsätze thematisieren die Frage nach Frauen in kirchlichen Führungspositionen und beschäftigen sich mit der Studie „Kirche in Vielfalt führen“ (2017), die das Studienzentrum der EKD für Genderfragen im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland in Kooperation mit dem Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation (CeRRI) durchgeführt hat.

Untersucht wurde, wie Frauen auf der mittleren Leitungsebene (Dekaninnen, Superintendentinnen, Pröpstinnen) in den evangelischen Landeskirchen vertreten sind. Im dritten Beitrag stellt Nierop eine Verbindung von der festgestellten Unterrepräsentation von Frauen auf der mittleren Ebene zur wachsenden Bedeutung dieser Ebene durch die zunehmende Regionalisierung der Kirchen her. Im vierten Aufsatz hebt sie ein Ergebnis der Studie hervor, die „Persistenz stereotyper Rollenbilder in der Evangelischen Kirche“, und zeigt auf, wie diese nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Chancen von Frauen in Leitungsämtern beeinflussen. Um dagegenzuwirken, sei es nötig, die entsprechenden Kreise für unbewusste Geschlechterstereotypen zu sensibilisieren.

Es folgen zwei Aufsätze zur Homiletik. Im fünften Beitrag „Männer- und Frauensprache auf der Kanzel?“ stellt die Theologin eine quantitativ-empirische Untersuchung von Genderunterschieden in der Sprache ausgewählter Lesepredigten vor, mit dem Ergebnis, dass es kleine, jedoch signifikante Unterschiede gibt: „Männer scheinen etwas analytischer zu predigen, Frauen etwas narrativer“, jedoch auch viele Bereiche, in denen das nicht der Fall ist. Als Konsequenz daraus plädiert Nierop für eine gendersensible homiletische Ausbildung, die dazu befähigt, im Sinne von Galater 3,27–28 „gemäß [der] eigenen individuellen Begabung und eigenen freien Entscheidung bezüglich des Predigtstils“ zu predigen. Im sechsten Beitrag setzt sie sich mit der Aussage des niederländischen Theologen Gerrit de Kruijf (1952 – 2013) auseinander, „Predigen ist Reden“. Sie entfaltet diese für die Homiletik im Rahmen von Kompetenzorientierung und postliberaler Theologie, mit einem Ausblick auf Genderaspekte.

Ein letzter Aufsatz behandelt Taufgespräche bei Säuglingstaufen als seelsorgerlichen Anlass, bei dem die Veränderung und Retraditionalisierung der Rollen bei jungen, heterosexuellen Eltern thematisiert werden kann. Der Band schließt mit zwei Predigten, einer zu Matthäus 20,1–16 und dem Pay Gap und einer zur Auslegung von Genesis 2–3 unter der Überschrift „biblischer Realismus“ ab.

Der Band bietet interessante Impulse zur Beschäftigung mit Gender in verschiedenen praktisch-theologischen Bereichen. Anregend ist, dass die Theologin Jantine Nierop dabei recht unterschiedliche Themen in unerwarteter Weise miteinander verbindet. Mehrfach betont sie die Notwendigkeit, in Kirche und Gesellschaft die Lebensrealität besonders von Frauen und Müttern im Blick zu behalten. Dieser Fokus gerät an manchen Punkten in Konflikt mit dem Plädoyer der Verfasserin, Lebensmodelle in ihrer Vielfalt wahrzunehmen. Hervorzuheben ist, dass sie neben der inhaltlichen Diskussion auch verwendete Theoriekonzepte und Forschungsmethoden jeweils kurz vorstellt. All das geschieht im Kontext wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Aufgrund der Komplexität, die damit einhergeht, wäre eine ausführlichere Darstellung teilweise hilfreich und interessant gewesen. Dies gilt vor allem für die bibelhermeneutischen Argumentationen, die hier und da etwas knapp sind. Als Denk- und Diskussionsanstöße sind die auf alle Fälle lesenswert.

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Foto: privat

Uta Schmidt

 Dr. Uta Schmidt ist Professorin für Feministische Theologie und Gender Studies an der Augustana Hochschule in Neuendettelsau.


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