Fundiert

Körperlichkeit als Konstrukt
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Körperlichkeit existiert nicht an sich, sondern ist ein Konstrukt, das durch historische, theologische, philosophische und gesellschaftliche Vorstellungen geformt wird.

Isolde Karle hat in ihrem Buch Liebe in der Moderne eine fundierte Abhandlung über die Themen "Körperlichkeit", "Sexualität" und "Ehe" und ihre Bezüge zueinander vorgelegt. Alle drei Begriffe signalisieren umfassende philosophische, theologische, gesellschafts- und kirchenpolitische Debatten und Kontroversen, die teilweise bis heute nicht befriedet sind. Um zu verstehen, wie diese drei Begriffe zusammenhängen und warum sie bis heute so umfangreiche Streitgespräche auslösen, stellt Karle alle drei Begriffe aus verschiedenen Perspektiven vor, reflektiert sie und fügt ihre eigene Einschätzung hinzu.

Körperlichkeit rekonstruiert sie anhand von kulturellen Körpernormen, gesellschaftlich paradoxen Körperaussagen und von Leiblichkeitsvorstellungen in Theologie, Philosophie und kirchlicher Praxis. Was ihr besonders wichtig ist: Körperlichkeit existiert nicht an sich, sondern ist ein Konstrukt, das durch historische, theologische, philosophische und gesellschaftliche Vorstellungen geformt, verändert und wieder neu zusammengesetzt wird.

Im Hinblick auf den Begriff der Sexualität analysiert Karle empirische Befunde. Sie rekonstruiert die Funktion von Sexualität, zeichnet ambivalente theologische und kirchliche Diskurse über Sexualität nach und verweist auf genderspezifische Dimensionen des Begriffs. Anhand der kontroversen Debatte um Homosexualität zeigt sie den Konstruktionscharakter des "komplementären, keinesfalls überzeitlichen oder biblischen, sondern vielmehr neuzeitlichen Geschlechtermodells" auf. Sie beschließt das Kapitel mit sexualethischen Fragen. Kriterien für verantwortete Sexualität sind Freiwilligkeit, Konsens, Achtung und sexuelle Selbstbestimmung. Diese gelten für alle Sexualpartnerinnen und -partner, unabhängig von deren sexuellen Orientierung. Karle schließt sich hier im Grundsatz der EKD Orientierungshilfe "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit" an, die sexualethische Kriterien ebenfalls unabhängig von der sexuellen Orientierung für alle zugrunde gelegt hat.

Im Kapitel über die Ehe zeigt Karle zunächst gesellschaftliche und biblische Perspektiven auf. Anschließend führt sie ins reformatorische Eheverständnis ein. Danach geht Karle der Funktion der Institution Ehe nach. Dabei streicht sie grundsätzlich die besondere Bedeutung der Ehe heraus, ohne sie dabei zu überhöhen. Die wichtigsten Vorteile der Ehe sind für sie Verlässlichkeit, Sicherheit, Sensibilisierung, gegenseitige Anerkennung und Unterstützung. Diese Vorteile sieht sie allerdings nicht nur im Rahmen der heterosexuellen Ehe gewährleistet, sondern auch in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Insofern sollte die Ehe auch gleichgeschlechtlichen Paaren offenstehen, die "sich an ihren Normen der Exklusivität und Verbindlichkeit orientieren". Karle nimmt damit die gängige Prämisse der evangelischen Sexualethik auf, die Sexualität als "Bereicherung von Liebesbeziehungen unabhängig von der Fortpflanzungsfunktion" würdigt.

Auffallend ist, dass Karle der Liebe kein eigenes Kapitel gewidmet hat, obwohl dies der Titel des Buches nahelegt. Liebe ist für sie in die Gesetzmäßigkeiten von Körperlichkeit, Sexualität und ökonomischen Bedürfnissen eingebunden. Insofern kann sie über die Liebe nicht ohne diese Bezüge reflektieren. Karle stellt in ihrem Buch ein Verständnis von Liebe vor, das sie als "Gnade und Segen Gottes" bezeichnet. Es schließt Defizite und Schwächen, Krisen und Scheitern mit ein. Liebe aktualisiert sich danach stets im Zusammenspiel von Körperlichkeit, Sexualität und vorgegebenen Formen, wie zum Beispiel in der Ehe. "Denn der Gefühlshaushalt eines Paares wächst nicht nur von innen nach außen, sondern auch von außen nach innen." Das Buch bietet eine fundierte und spannende Lektüre zum Thema. Es lohnt sich, zu lesen.

Isolde Karle: Liebe in der Moderne. Körperlichkeit, Sexualität, Ehe. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014, 256 Seiten, Euro 19,99.

Kerstin Söderblom

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