Anders als Hitler

Erhellende Biographie des „Duce“
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Auch Mussolini war ein Verbrecher, nicht nur ein grimassierender Schwadroneur.

Benito Mussolini steht im Schatten Adolf Hitlers. Zu monströs sind die Verbrechen, die der deutsche Diktator und seine Spießgesellen begangen und zahlreiche Deutsche geduldet haben. Da wirkt Mussolini harmlos. Aber auch er war ein Verbrecher, nicht nur ein grimassierender Schwadroneur. Das zeigt Hans Woller, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, in seiner klar und flüssig geschriebenen Biographie. War Hitler eine gescheiterte Existenz, war Mussolini nach Wollers Urteil ein „gewandter Schreiber mit beträchtlichem Bildungshorizont“. Doch schon als Sozialist benutzte er, in Artikeln wie im 1910 erschienenen Roman Die Geliebte des Kardinals, „antijüdische Stereotype“, die „aus dem Fundus des katholischen Antijudaismus stammten“.

Anders als bei Hitler war der Antisemitismus aber nicht Kern der Weltanschauung, sondern diente Mussolini als Mittel zum Zweck. Er hatte jüdische Geliebte, und eine Zeit lang durften Juden der Faschistischen Partei angehören und politische Ämter bekleiden. Das wäre im „Dritten Reich“ undenkbar gewesen. Ab den Zwanzigerjahren nahmen antisemitische Aktionen in Italien zu, steigerten sich nach der „totalitären Wende“ von 1935 und erreichten einen ersten Höhepunkt mit den Rassegesetzen von 1938, die die Juden entrechteten. Aber ermordet wurden italienische Juden nicht von den Faschisten, sondern von den Nazis, nachdem Mussolini 1943 gestürzt worden war und die Deutsche Wehrmacht das Land besetzte. Der verbrecherische Charakter des Mussonlinifaschismus offenbarte sich deutlich bei seinen Kriegen in Afrika. Sie eskalierten bis zum Völkermord, erinnert Woller. Er widerlegt die Legende, Mussolini habe unter deutschem Druck antisemitisch agiert. In den Zwanzigerjahren machte der „Duce“ die Juden für den Antifaschismus verantwortlich. Nach der Einverleibung Abessiniens 1936 wurden ihm „Reinheit“ und „Verbesserung“ der „italienischen Rasse“ wichtig. Und die Juden verkörperten für den Diktator den „bürgerlichen Geist“, der der Züchtung eines kriegerischen „neuen Menschen“ im Wege stand.

In Deutschland gab es am 30. Januar 1933 keine „Machtergreifung“ der Nazis. Vielmehr ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Und Ähnliches war elf Jahre zuvor in Italien geschehen. Der König trug Mussolini das Amt des Ministerpräsidenten an. Ein „Marsch auf Rom“ hat dagegen, wie Woller zeigt, „nicht stattgefunden“. Mussolini fuhr im Nachtzug in die Hauptstadt, und die fünftausend Faschisten, die sich nach Rom aufgemacht hatten, blieben vom „Dauerregen zermürbt“ in „Schlamm und Sumpf“ stecken. Wer Wollers Buch liest, erfährt viel Neues über den „Duce“ und ein Kapitel italienischer Geschichte, das auch für Deutschland Bedeutung gewann. Zuerst dienten die Faschisten Hitler und den Nazis als Vorbild. Und am Ende führten sie gemeinsam Krieg. Dem Leser wird auch bewusst: Feinde der Demokratie müssen rechtzeitig bekämpft werden, mit allen Mitteln, die dem Rechtsstaat zur Verfügung stehen. Der italienische König und die herrschenden bürgerlichen Schichten hätten den Faschismus mehrmals aufhalten können, zumal Mussolini immer wieder zauderte.

Im letzten Kapitel erzählt Woller von einem Besuch in Predappio, wo Mussolini geboren wurde und beerdigt ist. Er kritisiert, dass es in dem Wallfahrtsort der Neofaschisten keine Dokumentation über den Faschismus gibt und erinnert daran, dass die „zahlreichen Verbrechen“ des Regimes bis heute „ungesühnt“ geblieben und „nie angemessen thematisiert“ worden sind. Die Lektüre dieses Buches lohnt sich. Nur das abstoßende Foto mit den geschändeten Leichen Mussolinis und seiner Geliebten Claretta Petacci hätte der Verlag weglassen sollen.

Jürgen Wandel

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