Bobs Resterampe

Another Budokan 1978

Dylan-Songs ohne Text sind wie Kiffen ohne Gras. „A Hard Rain‘s A-Gonna Fall“ als Instrumental zu Anfang des Doppelvinyls „Another Budokan 1978“ ist also schon ein starkes Stück. Ausgewachsener Rock mit Saxophon, Flöte, Geige und Mandoline, der aber erst mal nur zeigt, mit welch starker Band Dylan alias Robert Zimmerman auf seiner ersten Welttournee seit 1965/66 unterwegs war – und erstmals auch im zuvor gemiedenen Shoah-Land der Täter spielte, auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg, wo einst der Parteitag marschierte. Doch wussten wir dies schon zuvor, auch von den herrlichen Gospelsängerinnen, die den durchweg in funkelnden Neu-Arrangements dargebotenen Songs – Klassiker und jüngere – Schliff gaben. Denn zwei der damals acht Konzerte in Tokios Nippon Budokan Hall wurden aufgezeichnet und daraus das zuerst bloß in Japan und wegen vieler Importaufträge dann auch weltweit veröffentlichte Doppel-Album „Bob Dylan At Budokan“ geschnitten. Es war ein „Album“ mit Idee: Darbietung, Mischung des Songmaterials und Dramaturgie faszinierten so sehr, dass es, obwohl bei der Kritik weitgehend durchgefallen, dennoch viele nun um die 60 Jahre alte Dylan-Fans „initiierte“. Die ‚authentischen‘ Auftritte waren es aber nie.

Das wurde nun einige Jahrzehnte später nachgeholt und beide Mitschnitte vom 28. Februar und 1. März 1978 auf der teuren 4-CD-Deluxe-Box (mit exklusiven Beigaben) als „The Complete Budokan 1978“ auf den Markt gebracht; 58 Tracks, davon 36 zuvor unveröffentlicht. Ein ‚Dokument‘, fraglos, aber teuer. „Another Budokan 1978“ mit 16 unveröffentlichten Tracks jener Abende (das „A Hard Rain“-Intro zählen wir generös mit) ist davon quasi die erschwingliche Volksausgabe und ein weiterer ‚Hybrid‘. Produktionstechnisch wie im Aufriss perfekt – Dylan hat gute Leute. Zudem gespickt mit Preziosen wie einer gefühlvollen „Girl from the North Country“-Version oder kickend-rollendem, vor Saxophon-Offbeat-Wucht kaum zu glaubendem „One of Us Must Know (Sooner or Later)“. 

Trotzdem sind beide zuvörderst Vermarktung und bezeichnenderweise nicht in der gehaltvollen „Bootleg Series“-Reihe erschienen, die seit über 30 Jahren Weggelassenes aus Alben-Sessions oder grandiose Auftritte präsentiert, darunter „Vol. 4“ mit dem „Royal Albert Hall Concert“ von 1966 – legendär, weil Dylan auf einen Judas-Fanzwischenruf wegen des Wechsels vom Folk zum Rock nach erst bedröhntem Gemurmel merklich angefasst und bedenkenswert „I don’t believe you, you’re a liar“ ins Mikro bellte. Sonst ließ ihn Kritik stets unbeeindruckt, was gewiss Teil der Größe dieses Song-Giganten ist. Auf das Verwertungsnölen wegen der Neo-Budokans würde er wohl bloß sagen: Wer meint, er müsse, der soll doch! Denn Verantwortung für seine Hörer hat er stets abgelehnt. Fans jedoch werden auch „Another Budokan 1978“ nicht von der Bettkante schubsen – und haben recht.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Monatsausgabe als Web-App.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.

Einzelartikel

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Kultur"

Weitere Rezensionen